Nach fast 250 Jahren «Dornröschenschlaf» liegt das Mitte des 18. Jahrhundert von Johann Jakob Spreng verfasste Baseldeutsche Wörterbuch im Schwabe-Verlag zum ersten Mal in einer sorgfältig edierten Ausgabe vor.
Bisher dachten viele, dass das 1976 erstmals erschienene «Baseldeutsch-Wörterbuch» von Rudolf Suter das Erste seiner Art sei. Was bei dem Werk von Suter damals nicht gross beachtet wurde war der Eintrag «Die Vorsatzblätter zeigen faksimilierte Seiten aus dem über 200 Jahre alten handschriftlichen Vorläufer des neuen Wörterbuches, dem Idioticon Rauracum von Johann Jakob Spreng (1699-1768)». Denn das «Idioticon Rauracum» oder Baseldeutsche Wörterbuch entstand bereits zwischen 1740 und 1768. Obwohl es schon damals von der Fachwelt als das bedeutendste Dialektwörterbuch des 18. Jahrhunderts bezeichnet wurde, lag es fast 250 Jahre lang unveröffentlicht im Archiv der Universitätsbibliothek Basel. Es wurde in fast 30-jähriger Arbeit von Johann Jakob Spreng verfasst. Dieser bekam 1743 an der Universität Basel den Lehrauftrag für Deutsche Poesie und Eloquenz und wird deshalb als der erste Professor für Germanistik der Universität Basel bezeichnet. Die zwischen 1740 und 1768 entstandene Sammlung baseldeutscher Wörter umfasst 464 Seiten mit 3740 handschriftlichen Einträgen und trägt den Titel «Idioticon Rauracum oder baselisches Wörterbuch». Seine Hauptwerke wie das «Grosse Glossarium der deutschen Sprache» wurden bis heute nicht publiziert.
Das Idioticon Rauracum stellt den Versuch dar, dem «raurachischen», d.h. vermeintlich keltischen Dialekt der Basler einen gebührenden Platz unter den um den Vorrang streitenden Regionalsprachen zu sichern. Die Baseldeutschen Wörter werden ins Hochdeutsche übersetzt und erläutert und mit anderen Sprachen verglichen. Auch der entsprechende Ausdruck im Alltags-Latein der damaligen Sprache der Gebildeten wird genannt. Für die vorliegende Edition wurde die altdeutsche Schrift des Originals in eine moderne Druckschrift umgeschrieben. Das Buch ist ein Leckerbissen für die Fachwelt, genauso aber ein Vergnügen für die interessierte Leserschaft, der die Lebendigkeit und Aktualität des damaligen Baseldeutschen vor Augen geführt wird. In den Sprüchen und Redewendungen kommen die Buben oder «Mägdchen», Trunkenbolde und Rüpel (Rülpe) ebenso vor wie die Hausfrauen mit ihren Rezepten, die Handwerker und Gesellen, der Staat mit Kanzlisten und Knechten und auch die gehobenen Herrschaften.
Herausgeber des «Idioticum Rauracum» ist Heinrich Löffler, geb. 1938 in Engen/Kr. Konstanz. Er war von 1975 bis 2004 Professor für Germanistik an der Universität Basel mit den Spezialgebieten Deutsche Sprache in Vergangenheit und Gegenwart: Sprachgeschichte, Dialekte, Namenforschung und Soziolinguistik. Er war von 1985 bis 1987 Dekan der Philosophischen Fakultät, 2005 erhielt er den Konrad Duden-Preis und ist nun Bürger der Stadt Basel. Zu dem Buch verfasste er eine sehr interessante Einführung mit dem ausführlichen Lebenslauf des Autors Spreng, Übersicht über seine Werke, Beschreibung des Manuskripts, Entstehungszeit, bisherige Wahrnehmung, das Verfahren der Transkription, Konzeption und Aufbau, Auswahl der Stichwörter, Herkunft der Belege, Absicht und Zielpublikum, das heutige Interesse am Idiodicon, Auswertungsmöglichkeiten.
Adolf Socin (1859-1904), a.o. Professor für deutsche Philologie an der Universität Basel charakterisierte 1893 das Wörterbuch so: «Das „Idioticon Rauracum oder baselisches Wörterbuch“ ist ein wahrer Schatz der alemannischen Sprache des vorigen Jahrhunderts. Dieses Werk kann unbedenklich als das beste mundartliche Wörterbuch seiner Zeit und noch lange darüber hinaus bezeichnet werden».
Dass das druckfertige Manuskript 250 Jahre lang liegen blieb, mag auch daran gelegen haben , dass es in Konzeption und Anspruch eine gewöhnliche Leserschaft überfordert. Dem dialektinteressierten Leser mag es gefallen, wenn er sieht, dass man damals schon fast so sprach wie heute (allewyl, Fyrtig), dass das Baseldeutsche damals aber auch viele Wörter und Ausdrücke hatte, die heute nicht mehr bekannt oder in Gebrauch sind (geuölig=folgsam, häbig=geizig) und umgekehrt heute gebräuchliche Wörter damals noch nicht üblich waren.
Die Erläuterungen der Ausdrücke geben uns heutigen Lesern nicht nur Einblick in einen äusserst lebendigen Dialekt, sondern lassen zugleich ein facettenreiches Bild des damaligen Alltags entstehen. Und wie das mit der Sprache so ist: Obschon sie sich verändert und immer wieder neuen Gegebenheiten anpasst, bleibt ein Grossteil ihrer Eigenheiten auch in nachfolgenden Zeiten bestehen.
Quellennachweis: Idioticon Rauracum: Vorwort von Heinrich Löffler, Homepage des Schwabe-Verlags.
Idioticon Rauracum oder Baseldeutsches Wörterbuch. Von Johann Jakob Spreng. Herausgeber Heinrich Löffler. Erschienen im Schwabe-Verlag. 199 Seiten, 1 Abbildung. Gebunden. Preis: sFr. 29.50 / € (D) 24.50 / € (A) 30.-. ISBN: 978-3-7965-3361-7.



