Es ist einer jener Abende, an denen den Verantwortlichen des Theater Basel das Augenwasser kommen muss. Ein aus allen Nähten platzender Theatersaal, in dem selbst die Grosse Bühne zum Publikumsraum umfunktioniert werden muss. Und gleichzeitig ausverkaufte Ränge im Schauspielhaus. «Tout Bâle» wuselt wenige Minuten vor Vorstellungsbeginn herum: Amtierende Regierungsräte, alt Ständeräte und alt Regierungsräte in spe, Museumsdirektoren, Vertreter des «anderen» Comités – ja, selbst gescheiterte Nationalrats-Kandidaten finden an diesem Abend nur noch in der zweiten Reihe Platz. In den kommenden rund dreineinhalb Stunden wird die Stimmgewalt nicht (ganz) mit derjenigen von Starsopranistin Edith Gruberova vergleichbar sein, sind die Hauptfiguren nicht Antonius und Cleopatra, zeichnet nicht William Shakespeare für die Texte verantwortlich. Nein. Die musikalischen Höhepunkte werden von den «Schlyffstai» und den «Verschiffte» gesetzt, die Protagonisten tragen Namen wie «Schwoobekäfer» oder «Doggder FMH», und die bitterbösen Pointen stammen von Autoren wie «Peperoni» oder «Singvogel». Kein Zweifel: S isch Schlussoobe vo de Comité-Bängg!
Gleich bei der Eröffnungsrede von Comité-Mitglied Dieter Moor wird die erste Breitseite abgefeuert: «Wie n e Bangg sell aanestoo, ain an dr ander aane – im Baudep wurd me das no z erscht ebbe zäh Joor blaane.» Weitere Opfer kristallisieren sich im weiteren Verlauf rasch heraus: Blocher, Ospel, Hingis, Sarkozy, die Sterbehilfe Dignitas, d Striggede («SVP-Pausefüller»), Klöpfer – und allgegenwärtig der EHC Basel. Die Themen werden von den 27 Comité-Bängg mehr oder weniger subtil umgesetzt, die Qualität schwankt zwischen gut und sensationell – komplette Ausfälle gibt es keine zu verzeichnen. Ganz stark sind natürlich Verse, bei denen die Pointe wie beim Comité-Neuling «Waggis» unvermittelt kommt –
S Evi Herzog duet draa dängge,
in Basel d Styyre langsam z sängge
Wie lang s no got, bisses ändlig kunnt,
das goot no mänggi tausig Stund.
Noo mänggmool drait sich unseri Äärde
und vorhäär wird dr EHC Basel Maischter wärde!
oder wie bei den «Schoofsuuri» das Lachen förmlich im Hals stecken bleibt:
E Mamme schmaisst d Kinder in Dood – ganz elai,
Drey Gnäggis vergeen sich am Gspäänli dehai.
Im Gimmi verschiesst aine sämtligi Lyt;
Und mir hänn e Task-Force fir Cervelat-Hyt.
Nicht nur die Fasnachtsmusik hat sich von Jahr zu Jahr auf ein hochklassige(re)s Niveau gehangelt, auch die Bängg versuchen neue Vortragsformen zu implementieren – und das gelingt. Etwa dann, wenn die (dreistimmige) Stimmgewalt der «Schlyffstai» mit Versen auf populäre Chanson-Melodien fast schon Hühnerhaut hervorruft – oder auch dann, wenn «die Verschiffte» (einmal mehr!) mit einem unkonventionellen, fast an ein Musical erinnernden Auftritt auf die Jagd nach schwarzen Schafen gehen. Und was läge näher, als zwischen Bängg und Hip-Hop-Sprechgesang eine Brücke zu schlagen – «Crossover», quasi, denkt sich auch «Heiri», der in seine schönste Bauerntracht gestiegen ist und die obligate «Yo! Man»-Sonnenbrille mitbringt.
Nimmt man die Lautstärke des Applauses im Theater Basel als Massstab, so gehört die Publikumsgunst – nebst dem ohnehin gesetzten Spitzen-Duo «Singvogel» und «Peperoni» – eindeutig dem «Schwoobekäfer», dem bereits am Drummeli brillierenden «Fäärimaa» (mit aktuellem Vers zum Millionen-Kunstraub in Zürich), dem nach vier Jahren schon unverzichtbaren «Doggder FMH» und den bereits erwähnten, ebenfalls erst seit 2006 bestehenden «Schlyffstai». Doch: Weitergehende Kritik wäre Jammern auf höchstem Niveau, 2008 darf mit nur wenigen Ausnahmen als sehr guter, ja teilweise brillianter Comité-Jahrgang in den Geschichtsbüchern vermerkt werden. Und so ist an diesem gelungenen Abend feiern durchaus angesagt, erst recht, wenn ein Jubiläum dahintersteckt: Das «Gratzbürschtli» (10 Jahre), der «Banggomat» (20 Jahre) und der «Hanslimaa» (30 Jahre) werden von Peter Burckhardt, Dres Nabholz und Comité-Obmann Walo Niedermann geehrt.
Frenetischen Jubel ernten die «Gasladärne», die den larvenlosen Auftritt der «Striggede» in der Donnerstagsausgabe des «Baslerstab» pointiert kommentieren – und zum Schluss kommen:
(…) denn het das nur ai Bedyttig
Ains isch kai Bangg, und s andere kai Zyttig.
Oder mindestens so frenetisch, wenn der «Singvogel» einmal mehr seine exzellente Wortakrobatik beweist:
S git näggschtens kaini Glepfer meh, won ych so schwärm.
Und schuld isch s Ändi vo den importierte Därm.
Jä, au s Tattoo darf kaini Glepfer me verwände.
Und schuld sinn die, wo so sinn, wie der Darm duet ände.
Das (fasnachts-)musikalische Rahmenprogramm bilden die Guggemuusig Orginal Chnulleri (72 Jahre alt – und kein bisschen leise…) zum Auftakt, sowie die Spitzenformationen «Pfyffer» und «Streifer», die mit einem sensationell-rassigen «Sousa» und einem bis ins Detail ausgereiften «Glopfgaischt» die beiden Programmblöcke beschliessen – und schliesslich mit einem «Wettstaimarsch» das begeisterte Publikum mit einem leicht melancholischen Unterton in die Gewissheit entlassen: «Aadie Fasnacht!»
Weitere Informationen:
Homepage Schnitzelbank-Comité (mit allen Versen)



