Ein paar kümmerliche Sonnenstrahlen verlieren sich auf dem Asphalt vor dem Comité am Steinenberg, wie den Stachelbeeri punkt 13.30 Uhr die Ehre zufällt, an den hohen Damen und Herren vorbei zu paradieren und den mehrstündigen Cortège einzuschränzen. Just bei der Vorbeifahrt der Kloschterräbe, auf deren Wagen zwei Viren und zehn Waggis am Computer sind, verschwindet die Sonne wieder – und es wird bereits empfindlich kühl. Gut, heizen da die Guggezwärgli mit einem Heer von schwarzen Zauberern (das Sujet hat mit der Schweizer Airline zu tun), und die Sonate-Schlyffer als ein bunter Haufen Tutanchamun (es geht um die Ägypten-Ausstellung im Antikenmuseum) gehörig ein. Die sehenswerte Ausstellung hat auch die Zoggelischletzer inspiriert, deren Sujet «D Sphinx, die bringt s» heisst. Auf ihrem pyramidenförmigen Wagen thronen Pharaonen.
Und schon ist die erste Prachts-Gugge im Anmarsch: Über 50 Fuege-Fäger, äxgysi Asterix als Schweizer Sennen und ein angeknabberter Fünf-liber als Tambourmajor zeigen, dass eine Gugge durchaus ein Sujet treffend umsetzen kann – und das Schränzen beherrschen sie sowieso. Mit den Gillerugger lebt die Ägypten-Ausstellung gleich ein zweites Mal auf, während im Kontermarsch den Steinenberg hinauf bei den Messingkäfer «Freude herrscht(e). Ihr Guggenmajor ist eine Berner-Urgestein-Olympia-Ikone, wer es nicht geschnallt hat: Dölf Ogi, der nicht in das IOC gewählt worden ist. Das Spiel – rund 40 Schränzer – ist schlicht korrupt.
14.05 Uhr: Wir wähnen uns am Gotthard. Denn für längere Zeit geht den Steinenberg hinunter gar nichts mehr. Dafür läuft der Kontermarsch auf der äusseren Route umso flüssiger. Die Zapfeschlugger-Waggis, bekannt für einen jeweils aufwendigen Wagenbau, rollen in einem würfelförmigen «Casino de Bâle» bergauf, in dem neun Gambler ihrem Handwerk nachgehen. Hinter ihnen haben die herrlich schränzenden Pumperniggel, die von ihrem Nachwuchs in einem Laufstall angeführt werden, als prächtige rot-schwarze Ueli «Airgair mit em Villigair und Leuenbergair». Oben am Bankverein ist ein Theater auszumachen. «Vorhang uff!» heisst es bei den Buure-Lümmel. Auf ihrem Wagen, besser auf den Brettern, die die Welt bedeuten, intrigieren zehn schöne Actricen.
14.40 Uhr: Der Gotthard lässt ein zweites Mal grüssen. Ein guter Trost auf der Gegenseite ist die Gugge Grunz-Gaischter, die das Sujet der verschwundene «Minschterschatz» vorbildlich umgesetzt hat. Der Major zeigt einen vor Freude tanzenden Mönch, im grossen Spiel glänzen die Guggemusikantinnen und -musikanten sinnigerweise gülden. Hinter ihnen schwimmen die Klybegg-Chnulleri auf einer Fähri heran. Sie spielen die Szene aus, als der Fährimaa Jacques am grossen Fest einen Fahrgast in die Fluten von Vater Rhein schubste. Mittlerweile gehts den Steinenberg ab wieder flott voran, auch dank den gewollten Disharmonien der Gugge Mohrekopf, die allerdings mit dem Sujet MOBA.02 nicht gerade grosse Stricke zerreisst. Kurz darauf begegnen sich zwei 55-Jährige im Kontermarsch. Bergab die Baggemugge, die «55 Jahre Comité-Clown» dem Komiker Almi, pardon ihrem Major, weitergeben wollen, damit er auch wieder einmal im Circus Knie sein dürfe. Die anderen 55-Jährigen, die Schotte, gefallen uns definitiv besser. Sie führen wie üblich einen Wagen mit, und rund 60 Piraten in schönsten Kostümen haben «alles im Griff» und wollen eine «Gugge mit Schliff und Pfiff» bleiben. Mit dem Jahrgang 2002 gelingt ihnen dies vortrefflich.
Er ist zwar erst auf der Höhe des neuen Schauspielhauses, doch zu hören ist er schon: der Wagen der Räre-Waggis, die auf dem Wagendach eine überdimensionale Räre rattern lassen. Jä nu, so hören wir halt nicht, was sie mit ihrer grossen Schnure im «Ruggbligg uff die letschte 35 Joor» zu erzählen haben. Wie manch andere auch, widmen sich die Waldwaggis dem Thema Spielcasino. Zehn wahrhaft teuflisch schöne Waggis stellen die Spielteufel dar. Ihnen folgt mit den Räpplispalter wieder mal eine Gugge der Sonderklasse. «Historiensis Basiliensis» heisst ihr Sujet, das Requisit ist ein offenes Buch, im Vortrab marschieren Schriftgelehrte mit, der Major ist ein Kaufmann, hinter dem rund 50 stolze Römer musizieren – gaudeamus igitur! In die Gegenwart holt uns der Wagen der Schnuderbeeri zurück, die von einer «Bananenrepublik Schweiz» sprechen – und vornehmlich Orangen verteilen. Wer sie darauf aufmerksam macht, der bekommt aber durchaus auch eine Banane (natürlich nur, wenn er oder sie eine Blaggedde trägt).
Einem lokalen Sujet haben sich die Glaibasler Schränzbrieder verschrieben. Bedauernd meinen sie «Aadie Baseldytsch» und untermauern ihre Klage mit einem furchterregenden Sensenmann als Major und hundertjährigen Baslern im Spiel, die aus dem Grab gestiegen sind und gegen die schriftdeutsche Ansage im Tram protestieren. Ein netter Einfall. Während sie sich also ein eher seltenes Sujet gewählt haben, sind andere auf dasselbe «abgefahren». Das trifft vor allem auf Wagen zu, die in diesem Jahr nicht daherrollen, sondern -fliegen. Über ihre Höhenflüge oder auch Bruchlandungen berichten wir an dieser Stelle dann in der Donnerstag-Ausgabe. So viel vorweg: Happy landing möchte man manchen Wagen wünschen…



