Kaum die Treppe zum Tabourettli am Spalenberg hochgekommen, werden die Besucher per Monitor zur Gründungsversammlung Pro Carnevalis empfangen, im Garderobenzimmer des Tabourettli sitzt einer und stanzt – als Therapie? – Räppli aus. «Aktiv, passiv, sehr passiv oder Fasnachtshasser?» Das will der Nächste beim Eingang wissen.
Spätestens dann wird jedem und jeder klar, dass hier eine Vorfasnachtsveranstaltung der besonderen Art ansteht. Ein Abend, an dem in Bezug auf die drey scheenschte Dääg auch mal kritische Töne anklingen dürfen.
Den drei Vorstandsmitgliedern des Verein Pro Carnevalis nämlich ist der Sinn (und Unsinn) der Fasnacht abhanden gekommen, aus unterschiedlichsten Gründen. Caesar (Walo Niedermann), ist eigentlich ein Vollblut-Fasnächtler, der gerne mit Fremdwörtern um sich schmeisst und keines auf die Reihe bekommt. Er findet, das Geld habe die Fasnacht kaputt gemacht und nun sei sie nur noch nett und langweilig, statt boshaft und skurril. Der weinerliche Mäni (Roland Suter), hat vor dem Pfeifen und Trommeln sowieso Angst: Er ist von der Fasnacht traumatisiert, weil ihn seine Eltern als vierjährigen Binggis an seinem ersten Morgestraich verloren und erst nach dem Ändstraich auf einem Räppli-Haufen wiederfanden. Und der Dritte im Bunde ist Leo (Daniel Buser), der an grenzenloser Selbstüberschätzung leidende «HD» (Hauptdarsteller). Er hat zwar in jedem Baselbieter – pardon – Kaff in Vorfasnachtsveranstaltungen gespielt, blitzt aber in Basel konsequent ab und ist deshalb so frustriert, dass er am liebsten zum Kampf auf der Hülftenschanz rufen würde.
Zu dem Gründungstrio der Fasnachtsselbsthilfegruppe gehören Gäste aus Niederbayern und Holland. Etwa die überenthusiastische Trinni van Rijhntje (Andrea Pfähler), die sich wundert, dass in Basel nicht alle Masken tragen, sondern so normal sind und die unwissenderweise enge Bindungen zu Basel, genauer zu den Pro Carnevalisten hat… Und Dr. Volkmann (Florian Volkmann), der den Vereinsmitgliedern von Pro Carnevalis helfen will: «Denn schliesslich is des ne Gaudi, bin ganz narrisch auf narrische Braiche, gell!»
Für musikalische Highlights – aber Wirrlete-getreu auch der besonderen Art – sorgt die Kapelle St. Pascal, drei Basler Spitzentrommler (Pascal Caviezel, Pascal (Martin) Bammerlin, Pascal Kottmann) die in Zirkuskapelle-Kostümen jeweils wie Hunde auf die Bühne gepfiffen werden, sich dafür aber musikalisch austoben. Grossartig etwa, wenn sie auf den Pauken mit überdimensionalen Trommelschlägern ruessen, oder wenn sie mit Volkmann zusammen den Arabi eine musikalische Reise durch die Kontinente antreten lassen.
Dass es sich bei der Wirrlete um die eigentliche Gründungsversammlung der Fasnachtsselbsthilfegruppe handeln soll, gerät gelegentlich ins Vergessen, aber nicht zum Schaden des Abends. Der besticht vor allem durch gelungene politische Pointen, melancholische Momente oder einfach nur durch Schräges und Lustiges, etwa wenn das ganze Ensemble mit merkwürdigen Lauten eine Guggemusig auf die Bühne zaubert.
Highlights sind auch der Blitzauftritt des Dalai Lama oder der deprimierte Vorträbler (Christian Hürner-Hermann), der es unter anderem mit Frau Fetz (Renate Hürner-Hermann) an seiner Seite gar nicht «facile» hat. Er gerät als Vorträbler ständig aus dem Tritt, deshalb versucht er sich mit Bängg, die sich allesamt demselben Thema widmen…
Zum Schluss geraten sich die drei Vorstandsmitglieder in die Haare, wer den Verein Pro Carnevalis präsidieren soll; wenn es um Macht geht, zeigen sich die wahren Gesichter der Narren, plötzlich gehts in Wahlversprechen um die Abschaffung der Fasnacht oder um deren Ausdehnung auf das ganze Jahr… Die Lösung, beziehungsweise eine Fasnacht wie sie sein sollte, präsentiert das zehnköpfige Ensemble im Schlusslied: Es ist eben eine Wirrlete – schräg, witzig, etwas absurd und anarchisch – schön.
Das Premierepublikum gestern Abend war jedenfalls begeistert und musste von den Schauspielern im breitesten niederbayrischen Dialekt aus dem Saal geschickt werden, frei nach Dr. Volkmanns Gesang: «Hei-tschibum-beitschti – seids auch traurig und allein, Frau Fasnacht schauts bald zum Fensterl hinein.»
Buser, Niedermann und Suter wissen noch nicht, ob ihr Vorfasnachtsdings, wie sie es nennen, eine einmalige Sache war oder ob es eine zweite Wirrlete geben soll. Wir hoffen es – der Überfülle von Vorfasnachtsveranstaltungen zum Trotz – ein so herrlich witzig-absurdes Durcheinander wie die Wirrlete verträgt es allemal noch.



