Schon als ganz kleiner Knirps, damals noch bei meinem Vater auf den Schultern, war der Morgestraich für michquasi das reichhaltige hors d’oeuvre, der Cortège der Hauptgang und das Gässle das exquisite Dessert.
Und weil es mich in letzter Zeit ausgeprägt nach Süssem gelüstet, steht das Gässle an dieser Fasnacht ganz oben auf dem Speisezettel.
«Es muess rätze», pflegte mein Vater zu sagen, und das macht es am ehesten hinter einem grossen Harst Tambouren. Wie demjenigen der Alti Stainlemer, denen ich jetzt – selbstverständlich im Schritt – durchs Steinenbachgässlein hinterher marschiere. Dabei lässt der rassige «Saggoddo» mein Bauchfell vibrieren. «Gspyrsch wie s grällelet?», höre ich in Gedanken meinen Vater sagen. Und wie! Die über 40 Tambouren legen die Streiche perfekt aufs Fell.
Im Moment kreuzt uns eine andere Monsterclique. Und wieder höre ich meinen Vater: «Bi däne fäggt s au allewyl»… Es ist nämlich die älteste Stammclique, die im Jahre 1884 gegründete VKB, die mit dem «Dudelsagg» vorbeiparadiert – ich schnurstracks hinterher. Sie gehörte jedes Jahr zu Vaters «Gässle-Programm». Er schwärmte stets vom legendären Werni Bossert, der viele Jahre der imposante Tambourmajor der traditionsreichen Kleinbasler Clique gewesen war. Doch tempi passati – auch mit der heutigen VKB zu gässle ist ein wahrer Ohrenschmaus.
Bei der nächsten Beiz machen die VKBler Marschhalt, doch schon naht der nächste Stamm, der in mir Erinnerungen wachruft. Die «Öllümpe», wie mein Vater im Fasnächtler-Jargon zu sagen pflegte. Gemeint ist die Olympia-Clique. Die mit den «Messinghääfe», wie ich schon in frühester Jugend aufgeklärt wurde. Jetzt pfeifen und ruessen sie an die hundert Mann hoch – wie die VKB gehören sie zu den «reinen» (wie lange noch?) Männer-Cliquen. In flottem Tempo marschieren sie durch die Gerbergasse.
Ich lasse sie ziehen und schliesse mich der 75jährigen Rätz-Clique an, die mit einer zackigen «Pfeiferretraite» den Leonhardsberg hochstrampelt. Sie lässt ihr Alter vermissen, macht ihrem Namen alle Ehre und hätte wohl das Trommlerherz meines Vaters ein paar Takte höher schlagen lassen. Hier oben sind grosse Stammvereine selten, man trifft eher auf Gruppen und Schyssdräggzigli.
Einem von ihnen schliesse ich mich an. Voraus wagglet ein Waggis, der eine kleine Laterne mit dem Namen «Mir sinn die Letschte» geschultert hat. Hinter ihm drei piccolospielende Dummbeeter und zwei trommelnde Harlekin. Was das Zigli genau musiziert, ist für ein fasnachtsmusi-kalisch geschultes Ohr kaum zu erraten, doch was soll’s, auch die Letzten fühlen sich hier am Leonhardsberg im siebten Fasnachtshimmel.
Einige Zeit später biege ich in den zu dieser vorgerückten Stunde gespenstisch dunkeln Nadelberg ein. Weit vorne, auf der Höhe des Imbergässleins, sind ein paar flackernde Kopfladärnli auszumachen, und der leise Wind weht wunderherrliche Melodienfetzen zu mir herüber. Meine bleierne Müdigkeit ist flugs verflogen – schnellen Schrittes gehe ich auf die in harmonischem Rhythmus tanzenden Lichter zu. 15 Pfeiferprimadonnen sind es, welche die «Veegel» mit Zierstimmen aus ihren Piccolos «zwitschern» lassen. Unwillkürlich überkommt mich Gänsehaut. Wie in Trance marschiere, nein schwebe ich mit, lausche dem äusserst melodiös intonierten «Altfrangg» und geniesse anschliessend ein mein Trommelfell streichelndes «Läggerli» – besser könnte das Dessert in der Tat nicht munden…



