Es ist Samstagmorgen, der 9. August, kurz nach 11 Uhr. – Das typisch schottische Wetter lässt uns seit Tagen im Stich. Statt grauen Wolken und Nieselregen nur eitler Sonnenschein. Die Monotonie des stahlblauen Himmels wird gelegentlich durch Cyrrus-Wolken unterbrochen, die einem zerrissenen Bettlaken geich, als Fetzen am unteren Rand der Stratosphäre festgenagelt scheinen. Einzig der Wind hält uns die Treue, obgleich wir ihn nur als zartes, wohltuendes Lüftchen wahrnehmen, das die Temperatur auf ein erträgliches Mass reduziert.
Ein Tag, gemacht für Müssiggänger, Langschläfer und … Skifahrer. – Skifahrer? Richtig gelesen; die Schotten sind nämlich nicht nur ein Volk von Whisky-Trinkern und Blasebalg-
Pfeifern, sondern offensichtlich auch leidenschaftliche Skifahrer. Anders lässt es sich wohl nicht erklären, weshalb sie an einem Hügel unweit ihrer Hauptstadt eine Skipiste angelegt haben, die auch (oder besser ausschliesslich) im Sommer befahrbar ist. – Dabei handelt es sich keineswegs um eine konventionelle Kunstschnee-Piste, wie sie unsereins gelegentlich stemmbogenmässig runter rutscht, sondern um eine (wohl aus bestem britischem Kunstrasen hergestellte) Grünfläche. Zwei Wagemutige unseres Corps haben beschlossen diese Piste auszuprobieren und sind heute Morgen in aller Frühe (so kurz vor 11 Uhr) bepackt mit Videokamera (und Erste-Hilfe-Koffer?) losgefahren. Wann und vorallem WIE wir sie zurück erwarten, dürfen bleibt abzuwarten, doch wir sind wir gespannt auf ihren Bericht.
In der Zwischenzeit kann man es sich auf dem Rasen, der den Kasernenvorplatz umsäumt im Schatten eines Baumes gemütlich machen und über die Geschehnisse des vergangen Tags sinnieren.
Der Freitag begann, wie manch anderer Tag zuvor auch. Zwischen 6 und 7 Uhr erwachten die Ersten, wenngleich mit unterschiedlichen Motiven. Die Einen, weil sie ihren Harndrang nicht mehr unterdrücken konnten, die Anderen, weil sie durch jene geweckt wurden, welche von ihren nächtlichen Streifzügen eben erst in die Unterkunft zurückkamen. Durch das dauernde Öffnen und Schletzen der Türe, das durch alle Beteiligten verursacht wurden, waren bald alle wach, und so döste man bis zur offiziellen „Tagwache“ mehr oder minder entspannt vor sich hin.
Eine „Touristen-Performance“ im Edinburgh Castle stand als erster Punkt auf dem Programm. Jede Einheit, welche am Tattoo teilnimmt, muss dieses Prozedere 1-2 Mal über sich ergehen lassen. Nun, der Freitag war unser Tag und so bestiegen wir den Car und fuhren ins Castle. Dort angekommen konnten wir uns einen ersten Eindruck über die Anzahl der Touristen verschaffen: Es waren sehr viele. Die meisten stammten wohl aus dem asiatischen Raum und knippsten mit ihren Pocket-Kameras so ziemlich alles! – Vom vermeintlich echten Schotten (offensichtlich ein australischer Tourist in einem schlecht sitzenden billigen Kilt mit weissen Turnschuhen, weissen Tennis-Socken und einem über die unübersehbare Wampe gezogenes T-Shirt mit dem Auftdruck „Beer Builds Better Bodies!“) bis hin zur Radkappe eines Reisebusses. Als wir in Voll-Montur ausstiegen, unsere Instrumente packten und uns langsam Richtung Draw-Bridge begaben (der Platz unserer Vorstellung war gleich vor dem Haus des Govenors im Innern des Castles), wurden wir auch schon von allen Seiten aufs Heftigste angeknippst und abgefilmt. Wir erreichten jedoch ohne grössere Mühe unsern Bestimmungsort und legten nach einer kurzen Pause auch schon los. Erik begrüsste (in seiner gewohnt generösen Art) die Zuschauer und erklärte ihnen, wer wir sind, woher wir kommen und was wir ihnen bieten werden. In Ermangelung eines gut 1-stündigen Programms (denn so viel Zeit war vorgesehen) kamen uns unsere Warm-Up Übungen mehr als gelegen, und das Publikum zollte uns herzlichen Beifall. Danach gings quasi „Schlag auf Schlag“ weiter mit Jack Daniels’ und G-Punkt. Eine kleine Pause mit einer Ansprache (Lobeshymne?) von John Bosworth verschaffte uns noch ein paar zusätzliche Minuten. Zum Schluss gaben wir noch einige Teile aus unserer Tattoo-Show zum Besten, was beim Publikum entzücken und noch mehr Fotos auslöste. Dann war unsere Touristen-Show offiziell vorbei und wir marschierten mit dröhnenden Streetbeats Richtung Castle-Gate und (zum ersten Mal!) über die Draw-Bridge zur Esplanade, wo unser Bus bereitstand.
Der nächste Programmpunkt folgte sogleich, nämlich ein Treffen mit den Teilnehmern der „BaZ-Leserreise“ im Hollyrood Hotel. – Der Begrüssungs-Umtrunk fand in einem der Salons statt. Als wir den Raum betraten (diesmal ohne Trommeln, sondern nur in Uniform) empfingen uns die gut 30 Teilnehmer (alles meist ältere Semester) mit einem herzlichen Applaus und mischten sich gleich unter uns und überschwemmten uns gleich mit allerlei Fragen und viel Lob. Zur Erfrischung wurde jedem von uns ein Pint Bier offeriert, was jedoch einige von uns lieber in eine Flasche Cola umtauschten (warum bloss??).
Heute Samstagabend wird sich die Reisegesellschaft die Spätvorstellung ansehen und wie wir von allen Teilnehmern einheitlich vernommen haben, freuen sie sich bereits jetzt schon riesig darauf. – Wir werden alles daran sezten, um ihre Erwartungen nicht zu enttäuschen.
Wieder zurück in den Redford Cavallery Baracks (unserer Kaserne) blieb noch Zeit zum Duschen, Liegen oder Essen, bevor’s um halb sieben mit einer kurzen Probe weiterging, bevor wir wieder den Bus bestiegen und im von 9 Motorrad-Polizisten begeleiteten Konvoi (24 Busse!) in Richtung Castle zur bereits 7. Abendvorstellung losfuhren.
Obwohl sich bereits Routine bemerkbar macht, gehen wir dennoch jedesmal gespannt und konzentriert an unseren Auftritt. – Besonders heute Abend bei der Spätvorstellung, wenn wieder Hunderte von Basler Top-Secret-Fans reihenweise auf der Tribüne gegenüber dem Castle (dem sogenannten East Stand) sitzen werden, ihre Basler und Schweizerfahnen schwenkend unserem Auftritt entgegenfiebern und uns danach einen tosenden, beinahe ohrenbetäubenden Beifall spenden. – Das sind die Momente, in welchen es einem kalt den Rücken runterläuft, man zitternd den Schlegel festhält und die Augen feucht werden.
Das sind die Momente, in welchen man nirgendwo anders auf der Welt sein möchte, wo man das Gefühl hat, das Zentrum der Welt zu sein!
Weitere Informationen:
Das Tagebuch
Die Foto-Galerie
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