Und dr zwaiti Schuss – fir d Kinder e Gnuss

6. März 2001 | Von | Kategorie: Nachrichten

Bereits der Morgen lässt erahnen, was an diesem prächtigen Vorfrühlingstag am Nachmittag in der Stadt alles los sein wird. Schon zu früher Stunde sind erstaunlich viele Gruppen unterwegs und gässle nach Herzenlust. Kinder allerdings, denen der Dienstag eigentlich gehört, sind erst wenige auszumachen. Das sollte sich ändern!

Am frühen Nachmittag steigen wir den Leonhardsberg herunter Richtung Barfüsserplatz. Von dort mischen sich Trommelschläge und Pfeiferklänge mit schrägen Tönen der zahlreichen Guggen, die sich für die abendliche Gala einblasen. Je näher wir zum Seibi kommen, sind in einem Riesendurcheinander von Mässggli und nicht kostümierten Kiebitzen eine ganze Reihe urkomischster Gefährte auszumachen. Wie eine Karawane fahren sie vom Seibi Richtung Freie Strasse, wo das Gedränge noch grössere Ausmasse annimmt. Es sind alte Leiterwagen, die zu Mini-Waggis-Wagen umgebaut worden sind, bunt geschmückte Vierrad-Fahrzeuge, die an Seifenkisten erinnern, Kinderwagen aus früheren Tagen, Trottinetts und Velos, die mit einem wagenähnlichen Aufbau zum fahrbaren Requisit umfunktioniert worden sind, und, und, und.

Und ihnen allen sind verschiedene Dinge gemein: Sie sind von Kinderhand bemalt, mit kindlichen Versen versehen. Die Passagiere sind Binggis, die oft noch nicht einmal auf drei zählen können. Letztlich handelt es sich bei den «Zugpferden» dieser Gefährte in den meisten Fällen um Eltern, Tanten oder Onkel, die an diesem besonderen Fasnachtstag ihre Kinder kutschieren.

Einer dieser mit viel Liebe selbst gebastelten Wagen stellt den St. Jakob-Park dar. Auf ihm residieren vier Zwei- bis Dreijährige, und auf einem Schild steht in ungelenker Schrift: «Meinsch, wenn mir is jetz scho amelde im Tertianum, denn hänn mir bis zu unsere alte Tage au e Plätzli»…

Und schon fliegt uns von der Freie Strasse her Familie Jesuskäfer entgegen. Die Kostüme für die Eltern und den Nachwuchs hat wahrscheinlich Mami genäht, die Flügel und die Fühler verraten eine Kinder-Handschrift. Jedenfalls lösen die beiden grossen und allerliebsten fünf kleinen Käfer rundum bewundernde «Aahs» und «Oohs» aus. Doch keine Zeit mehr für genüssliche Betrachtungen – ein erstes Mal geraten wir in einen Räppliregen, der sich gewaschen hat. Die Säcke, die auf den Kinderwagen mitgeführt werden, sind oft grösser als die Waggisse, Gleen, Dummbeeter und Harlekin, die aus dem Vollen schöpfen und kichernd mit den farbigen Räppli um sich schmeissen.

Irgendwie schaffen wir es dann doch noch im Papiergestöber und durch das dichte Menschengewühl bis zur Freie Strasse. Doch da geht nichts mehr – Megastau, wie er in den verkehrsreichsten Zeiten nicht einmal am Gotthard vorkommt. Also ein wenig Zeit, die Kunstwerke der Kleinen genauer zu studieren. Auf einem herzigen Äntewägeli steht der sinnige Vers:

Alli myni Äntli schwimme uff em Rhy, schwimme uff em Rhy, oobe gsehsch Drämmli am Fudi han y Chemie…

Im Gegenverkehr rollen in einem veritablen Oldtimer-Wagen die Bebbi-Rueche an, und von den erwachsenen Passagieren auf einem originellen Fünffach-Velo gezogen, «fliegen» die Kuchi-Schaabe gleich hinterher. Waage kunterbunt heisst die nächste «Kutsche», aus der drei adrett geschminkte Mädchen Köstlichkeiten wie Nougat Pralinés an eine auserwählte Kundschaft verteilen. Logisch, gehören wir dazu…

In der unüberschaubaren Menschenmenge eingekeilt, lassen wir uns zum Märtplatz treiben. Dort pflegen seit Jahren einzelne Wagen-Cliquen den Nachwuchs in die Wäägeler-Zunft einzuführen. Heute auch einer der neun Châlet-Rueche. Ohne Larve, die Weisswein-Flasche in der Linken, das Glas in der Rechten, hockt er auf der Wagenbrüstung, lässt die Beine nach aussen baumeln und lallt irgendwas vor sich hin. Ob er den Knirpsen zeigen will, wie man’s nicht machen sollte?

Sei’s drum, es ist bereits später Nachmittag, als die Kiechli Binggis vorbeifahren. Auf ihrem Wagen verraten sie Interna von zu Hause: «Dr Moritz da glai Luuser sait zem Mami, gäll dr Papi isch e Pfuuser». Den Schoppe-Wärmer (sie sind kaum zwei Jahre alt) und den Ludschen Binggis (sie lutschen tatsächlich am Daumen) ist’s eh egal – sie sind bereits eingeschlafen…