Leserinnen und Leser mit besonders guter Erinnerungsgabe werden sich vielleicht noch erinnern, dass sich letztes Jahr ein Fasnachts-Frischling aus der Ostschweiz in einen Ueli verwandeln durfte, um erste Eindrücke unter einer Larve zu sammeln. Aufs Geratewohl ist der grün-weisse Ueli am Fasnachtsdienstag in der Stadt herummarschiert, hat viel erlebt und als blutiger Anfänger noch mehr falsch gemacht, aber am Schluss des Tages das Fazit gezogen, dass das Ganze eindeutig nach mehr schmeckt. Traurig seufzend hat der Ueli, bevor er sich wieder in die Goschdymkischte verziehen musste, den leisen Wunsch geäussert, dass er vielleicht nächstes Jahr wieder in Aktion treten darf, vielleicht sogar etwas länger und mit anderen Ueli zusammen.
Nun, der Wunsch des Ueli wurde tatsächlich erhört. Aus heiterem Himmel kommt wenige Tage vor der Fasnacht die Nachricht, dass er dieses Jahr «richtig» Fasnacht machen darf und mit der Tambouren- und Pfeifergruppe IGGS im Vortrab einen ganzen Cortège ablaufen kann.
Voller Erwartung, aber mindestens so nervös wie letztes Jahr, macht sich der Ueli also am ersten Cortège-Nachmittag auf zum Treffpunkt. Wird er sich nicht zum Ueli-Narren machen, da er doch kostümmässig gar nicht zu der Gruppe passt? Seine Sorgen erweisen sich aber sehr bald als unbegründet, er wird von der Pfyffer- und Dambuuregruppe herzlich empfangen. Und auch für die Andersartigkeit des Ueli hat ein IGGS-Mitglied flugs eine Lösung zur Hand; passend zum diesjährigen IGGS-Sujet «r3 – die potenzierti Sicherhait», bei dem sich alles um Regeln dreht, erhält der Ueli kurzerhand ein Schild um den Hals, das ihn als einen Regellosen outet. Als er auch noch eine Handvoll Zeedel und somit eine Aufgabe in die Hand gedrückt bekommt, ist er vollends beruhigt und kann seine Cortège-Premiere kaum mehr erwarten.
Allerdings wird der Ueli in seinem Eifer erst einmal gebremst und er lernt, dass manchmal etwas Geduld vonnöten ist, bis im Cortège eine Lücke zum Einfädeln gefunden ist.
Doch dann geht es los, den Steinenberg hinunter, und schon steht IGGS vor dem ersten Comité-Standpunkt. Der Ueli fühlt sich bald gut im Tritt, auch wenn er mehr als einmal über zerquetschte Orangen oder gar Rossbolle stolpert: Die Welt nur durch zwei Larven-Augenlöcher zu sehen, braucht wohl doch noch etwas mehr Übung. Eifrig verteilt der Ueli Zeedel um Zeedel, verliert zwischendurch allerdings auch mal eine Handvoll von den rutschigen Dingern.
Die Route geht über den Barfi, der Ueli marschiert neben seinen Mit-Vorträblern voraus, bis er vor lauter neugierigen Umherschauens prompt stur der Clique vor ihm folgt und von einem «Gspänli» wieder auf den rechten Weg zurück gebracht werden muss: Ach so… die vordere Clique will in die Pause, und die Route geht eigentlich weiter durch die Freie Strasse.
So langsam gerät der Ueli bei den frühsommerlichen Temperaturen ins Schwitzen und er beneidet einige der Kiebitze am Strassenrand, die in
T-Shirts oder gar Trägertops die Sonne geniessen. Obwohl… neidisch ist er auf die Zuschauenden eigentlich doch nicht, um keinen Preis möchte er im Moment mit ihnen tauschen, wo er doch schon mal die Fasnacht «richtig» miterleben darf.
IGGS marschiert über die Mittlere Brücke, bevor der erste Halt angesagt ist. Durst! Nach der Pause wird es in der Rheingasse eng, und der Ueli versucht, es seinen Mit-Vorträblern gleichzutun und der Gruppe mit energischen Armbewegungen einen Weg zu bahnen, nicht immer mit dem gleichen Erfolg. Vor der Gruppe rollt nun ein Waggis-Wagen – für den Ueli bereits die nächste Herausforderung, da die beschenkten Binggis plötzlich zu Dutzenden vor seine Füsse rennen, um Dääfeli aufzulesen.
In der Clarastrasse stehen die Kiebitze wieder reihenweise, mehr als einmal erschrickt der Ueli, weil plötzlich jemand vor oder neben ihm steht, den er durch die engen Larven-Löcher halt wieder nicht gesehen hat:
«Hesch mer e Zeedel?» – Klar, gern!
«Hesch mer e Zeedel?» – Sofort!
«Hesch mer e Zeedel?» – Uff!
«Hesch mer e Zeedel?» – Ja, ja ja!
Es ist immer noch heiss, der Ueli ist happy, aber so langsam werden seine Beine schwer. Er ist deshalb froh, dass die nächste Pause ansteht und in der Wohnung einer IGGS-Pfeiferin Saft, Weisswein und Speckbrot aufgetischt wird – wahrlich gemütlich und erholsam!
Trotz Müdigkeit steht der Ueli nach der Pause gern wieder ein, auch der dritte Comité-Standpunkt ist im Nu passiert, und auf der Wettsteinbrücke entrinnt dem Ueli ein Seufzer, weil er sich bereits auf den letzten Cortège-Metern befindet. Rasend schnell ging der Nachmittag vorüber, das Fazit: IGGStra schön! Der Ueli kann gar nicht verstehen, dass manche Fasnächtler den Cortège als lästige Pflichtübung empfinden, aber zugegebenermassen ist die Cortège-Premiere wohl etwas Besonderes.
Nach einem gemütlichen Nachtessen verabschiedet sich der Ueli von seinen neuen Fasnachts-Freunden. Auf dem einsamen Heimweg wird er noch von einem Knirps mit Räppli-Pistole angeschossen, aber auch dies kann ihn selbstredend nicht mehr in der Fasnachtsglückseligkeit stören. Unzählige Gedanken und Eindrücke schwirren im Ueli-Kopf herum, und tief drin im Ueli-Herz hat sich der Wunsch festgesetzt, eines Tages drei Tage lang richtig dabei zu sein, am besten mit einer Trommel oder einem Piccolo in der Hand …
Weitere Informationen:
bz-Berichte Fasnacht 2003



