Die «drey scheenschte Dääg» bestehen aus Morgenstraich, Cortège,
Bängg, Gässle, Laternenausstellung, Kinderfasnacht, Gugge-Konzert –
könnte man meinen. Doch was ist mit den drei Morgen? Die bz hat sich
auf die Spur von Frau Fasnacht gemacht.
Der Montagmorgen
beginnt mit einer Lachnummer
Auf der Bahnhofspasserelle liegt ein rotes Räppli. Es wird von den
Leuten auf dem Weg zur Arbeit unbemerkt vertrampt. Das ist das einzige
Anzeichen bei der Ankunft in der Stadt, dass hier vor kurzem Frau
Fasnacht mit dem Morgestraich Eröffnung gefeiert hat. Man hats eilig,
wirkt gestresst.
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Im Aeschengraben sägen Stadtgärtner Äste ab, die unter der Schneelast
geknickt sind. Am Aeschengraben warten farbige Gestalten aufs Tram. Aus
der Aeschenvorstadt strömen viele Aktive mehr, die Larve unter dem Arm.
Sie schauen müde aus. Ein «Blätzlibajass» klingelt mit dem Tram um die
Wette.
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In den Cafés sitzen heute nur wenige Stammgäste. Dazwischen erspäht man
die eine oder andere «Alte Dante». Vor der Kantonalbankfiliale steht
UBS-Chef Marcel Ospel und wird von einem Passanten ausgelacht. Nicht
weil er die Bank verwechselt hat, sondern weil er zum Sujet auf einer
Laterne geworden ist.
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Auf dem Bankenplatz sind nun doch Piccolo- und Trommeltöne zu hören.
Aber sie werden vom herandonnernden Tram übertönt. Der Geschäftsmann
mit dem Aktenkoffer steigt hinter dem «Pierrot» mit der Trommel ein.
Ein Touristenpärchen studiert aufmerksam einen Stadtplan und ein
Handwerker sucht sein Werkzeug im Auto zusammen. Sie achten nicht auf
die Clique, die an ihnen vorbeipfeift und -trommelt.
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Ein Lastwagen fährt die Strasse hinab, eine Tambourengruppe kommt ihm
entgegen. Gegen die Trommelwirbel hat sein Motor keine Chance. Über die
Freie Strasse ist ein Banner gespannt: «Energie aus der Tiefe», heissts
darauf. Wills der Zufall ziehen die Schnoggekerzli unten durch. Beinahe
gibts eine Kollision mit einem Velofahrer.
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«Tschüss», grüsse ich eine Bekannte. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit.
«Die dort kenne ich doch auch», denke ich. Sie hat mit Cliquenkollegen
einen weinseligen Halt eingeschoben.
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Die Rathaus-Glocke schlägt – im Takt mit einer Pfeifergruppe. Die Frau
vor mir hat Blumen besorgt. Will sie keine Mimösli und Rösli ergattern
heute Nachmittag am Cortège? Es schmeckt nicht nach Rosen, sondern
schon nach Grill. Ein «Indianer» jagt nicht Bisons, sondern auf die
Bank.
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Ein älteres Ehepaar tritt vollbepackt aus der Migros. Am Kiosk besorgt
sich eine «Alte Dante» Zigaretten und ein Mars. In den Globus verirrt
sich keine Menschenseele. Die wenigen Läden, die offen haben, sind leer
gefegt. In den Schaufenstern der Bäckereien stapeln sich die Wähen. Die
Schnuurebegge parkieren ihre Laterne.
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Es tropft vom Dach herunter. Piccolo-Töne tröpfeln mir ins Ohr. Ins
Auge stechen mir die «Weisheiten» auf der Laterne der Muggedätscher:
Egoist ist, der das grösste Stück
Kuchen vom Teller nimmt.
Mein Blick wandert von der Laterne zum Café, vor dem sie steht und
wieder zurück. Ich schmunzle.
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Mitten auf der Mittleren Brücke steht ein Waggis. Seine Zoggeli können
sich unmöglich in den Schienen verfangen haben. Nein, die Socken werden
hochgezogen. Ausser mir beachtet ihn niemand. Irgendwie ists wie im
Film: Da laufen kurlige Gestalten herum, und keiner «sieht» sie. Schon
gar nicht die Alkis, die auf ihrer Stammbank auf dem Claraplatz sitzen.
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Eine Frau kommt aus einem Laden mit einem Korb voller Flaschen. -minu
war ebenfalls einkaufen, er schleppt Cola Light nach Hause.
Die Schneidergasse, der Rümelinsplatz und der Spalenberg sind voll und
ganz in Frau Fasnachts Hand. Der Pöstler bleibt zwischen Cliquen
stecken, der Chäs-Pierre ebenfalls. Hilft ihnen die Polizei? Nein, die
Pfluderi-Schugger sorgen nur für wunderschöne Töne. Die Naarebaschi
stehen ihnen in nichts nach – bloss den Schritt müssen sie noch üben.
Der Pöstler fährt im Schritttempo hinterher.
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Zwei Pärchen schauen sich ein schön gestaltetes Fasnachtsfenster an.
Das nächste Fenster ist mit einer Plache bedeckt. Hier wurde das Licht
am Morgenstraich nicht ausgeschaltet! Ein Mann führt seinen Hund Gassi.
Tauben tun sich an einem Hotdog gütlich. Neben den Schneehaufen türmen
sich Abfallsackberge. Die Putzfrau der Rhyschnogge kümmerts nicht, sie
marschiert stramm weiter.
Am Dienstag zwitschern
die Vögel Fasnachtsmärsche
Alles «normal»: Menschen auf dem Weg zur Arbeit, und Reisende, die
entweder grade angekommen sind oder ihre schweren Koffer auf den noch
eisigen Strassen Richtung Bahnhof ziehen. Im St. Alban-Graben sind die
Schneehaufen gelb und grün. Die Cortège-Route ist heute Morgen nach wie
vor bunt markiert.
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In der Rittergasse zwitschern die Vögel. Eine Frau radelt vorbei, eine
Laptop-Tasche auf dem Kindersitz. Zwischen den Laternen auf dem
Münsterplatz drängen sich die Hobbyfotografen. Ein Kunstwerk wird
repariert. Eine Einzelmaske schreitet langsam daher, unter dem Arm eine
Zeitung. Sonst ist weit und breit nichts von Fasnacht zu sehen oder
hören. Ist man am Wellnessen, Saufen, beim Marathon, auf
Schnäppchenjagd oder eingesperrt? Die Laternen suggerieren viele
Möglichkeiten. Immerhin ist die Jugend schon auf den Beinen: Ein
kleiner Mann, kostümiert, mit Huhn am Gürtel kanns wohl nicht abwarten,
bis er heute Nachmittag loslegen darf.
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Auch die Selecta-Automaten-Auffüllerin ist voller Tatendrang. Ein
Abfallwagen sammelt die Bebbi-Säcke ein, der Pöstler verteilt Pakete.
Heute hat er freie Fahrt. Ein paar freie Znüni-Minuten gönnen sich die
Dachdecker im Staatsarchiv. Pause machen auch die Stadtreiniger auf dem
Märtplatz: Sie essen Mehlsuppe. Auf dem Platz herrscht Normalbetrieb:
Trams, LKW, Taxis, Hausfrauen – und zwei Ritter.
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Viele Geschäfte sind offen, aber leer. Zeit zum Scheibenputzen,
Auslagen arrangieren, Auffüllen. «Lassen Sie sich schminken», lockt ein
Warenhaus die zwei Kundinnen, die ich erspähe – nebst zwei Räppli auf
der Toilette.
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Ich mustere die Trommeln und Larven vor der Beiz. Drinnen gehts hoch zu
und her. Frau Fasnacht hat sich offenbar in die Restaurants verzogen.
Doch zuerst hat sie sich noch umgezogen, auf offener Strasse. Oh, oh.
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Oh, etwas passiert? Feuerwehrleute sammeln sich in der Schneidergasse.
Alles okay, sie haben keine Schläuche, sondern Trommeln dabei.
«Tschau», grüsse ich einen abgekämpften Bekannten. Doch kaum ist die
Larve auf, ist er wie verwandelt.
Ein Lieferwagen versucht, vorbei zu drängen. Doch vor dem Hotel Basel
ist der Fasnachts-Verkehr zu gross. Druggede. «Es ist so heiss in den
Beizen», klagt ein Aktiver. Dabei trägt er kurze Hosen. «Guete Morge
Walti», ruft der Pöstler dem Klagenden zu. Und: «Du heschs schön. Ich
muess chrampfe.»
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Die Toiletten am Barfi werden geputzt. Frauen mit Kinderwägen warten
aufs Tram. Eine Schulklasse studiert den Tinguely-Brunnen. Basler
Alltag. Noch einen letzten Fasnachtston höre ich, doch der Pfeifer
verzieht sich in den Braunen Mutz.
Am Mittwoch macht
Frau Fasnacht ein Nickerchen
Es regnet. Die Räppli-Pappe unter den Schuhen blubbert. Die Stadt ist
noch ruhiger als an den Morgen zuvor. An jeder Kreuzung kreuzt zwar ein
Fasnächtler meinen Weg, sogar mit päpstlichen Insignien versehen, aber
sie sind offensichtlich nicht «im Dienst».
*
Auf dem Barfi werden die Guggen-Konzert-Bühnen demontiert. Ein Käfer
streckt alle Achte von sich. Wird er sich bis zum Cortège wieder
aufgerappelt haben? Tote Hose tatsächlich in der Innerstadt. Da steht
eine Trommel, dort hopsen zwei Kinder in Fellkostümen über den Platz.
Heute scheint Vater-Kind-Tag zu sein. Frau Fasnacht hat sich
zurückgezogen.
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Auf dem Bahnhof steht eine junge Frau im Kostüm und ruft: «Blaggedde!»
Aha, Frau Fasnacht öffnet also durchaus nochmals ihre Augen, es ist
noch lange nicht vorbei . . .



