37… 38… 39… 40… in der Wirrlete-Spiilegge des Vereinsorgans zur ersten unordentlichen Generalversammlung von «Pro Carnevalis» verbinden wir die letzten Punkte des «Malen mit Zahlen», derweil Caesar (Walo Niedermann), Mäni (Roland Suter) und Leo (Daniel Buser) auf dem Podium – vulgo: Tabourettli-Bühne – die letzten Vorbereitungen treffen. Der Vorstandstisch steht. Die Namenstafeln sind ausgerichtet. Die Technik funktioniert. Sie kann beginnen: Die Suche nach Gegenwart und Zukunft, nach Sinn und Unsinn der Fasnacht. Nach Integration. Und: Vorallem nach dem neuen Präsidenten des Vereins.
Einen Vorhang gibt es nicht, der vollgepferchte Theatersaal mutiert zum Vereinslokal – und jeder bekommt während äusserst kurzweiligen zweieinhalb Stunden sein Fett ab: «Ihr strotzt vor unglaublicher Inkontinenz», rügt Caesar seine Mitstreiter, «von Nichts eine Ahnung, aber es trotzdem einfach laufen lassen…» Doch Mäni lässt sich nicht beirren, verliest das Protokoll der Gründungsversammlung im Jahr 2006, untermalt mit Videoeinspielungen, die Leo zum Besten gibt. Ganz schön frech, das neue Programm mit Höhepunkten des Vorgängers anzufangen. Frech genial. Wie auch der gesamte Rest des Abends, der von der ersten Minute an ausufert und das Premieren-Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinreisst. Etwa auch dann, wenn die seit der Gründungsversammlung arbeitslose und ziemlich heruntergekommene Kapelle St. Pascal (Pascal Kottmann, Pascal Caviezel, Pascal «Martin» Bammerlin) von ihrem Musik-Therapeuten (Florian Volkmann) aus der Ostzone, äxgysi, ehemaligen DDR, wieder auf die richtige Bahn zurückgeführt wird. Sie erhalten von Caesar, Mäni und Leo zwei Mal 45 Minuten Bewährungszeit, auch wenn «jede Schwoob, wo gangen isch, sy Zwägg erfillt het», wie Caesar festhält.
Ohnehin steht Caesar, der provisorisch-impressionistisch-imperative Präsident, immer wieder im Rampenlicht, als die Resultate seiner Fasnachts-Nachwuchsförderung im Vereinslokal erscheinen – aus Griechenland (Diana Blome), aus Schweden (Rebecca Werz), aus dem Nahen Osten (Daniela Cattelan) – und später auf dem Piccolo verkünden: «O mein Papa!» Für Caesar des Guten zuviel. Auszeit. Endlich kann der Bon für den Pausenapfel eingelöst werden.
Die Wirrlete 2008 ist erneut Vorfasnacht der anderen Art. Da ist das Stück an und für sich «Rahme» (entsprechend hat das Nonsens-Drehbuch zum «Sunntigsbrootis» – gespielt von Christian und Renate Hürner – keine Chance). Da ist das Stück an und für sich «Bangg» (zum Schreien schlechte Verse des vorgenannten Ehepaars). Da ist das Stück an und für sich Konstruktion und konstruktiv in Einem: Etwa dann, wenn die grenzüberschreitende Cortège-Verlängerung nach Weil, nach Sarkozy-Saint-Louis, durch den Kronenplatz-Kreisel in Binningen, durch den Kronenplatz-Kreisel in Binningen und den Kronenplatz-Kreisel in Binningen gefordert wird… hinein in den Zolli, wo das Comité auf dem Affenfelsen sitzt und der Fasnachts-Love-Parade LSD mit den Hauptingredienzen der Fasnacht («lache, suffe, dumm due») abgibt. Etwa dann, wenn an Stelle des Münsterplatzes eine Ladärn-Art in Miami (Motto «Tschille und grille») oder das Bijou als Zungen-Piercing (mit Cortège als Form des «Road piercing») vorgeschlagen wird.
So läuft die Versammlung schliesslich ziemlich aus dem Ruder (der Revisor ist beim Kassabericht «zünftisch uff d Wält koo, was alles dr Gerschbach ab isch»…), Caesar träumt von «Ewigi Fasnacht», der Baselbieter Leo erhält endlich die grosse Rolle in Basel (als Frau Fasnacht) und Mäni zeigt sein Alter Ego («Punk you!»). Und obendraufgesetzt wird ein herzerweichendes musikalisches Finale («Jede bruucht e Wirrlete»). Zu kompliziert? Hingehen. Noch bis 3. Februar. Prädikat: grandios! Und jetzt schon ein Tipp fürs «Malen mit Zahlen» – e Wirrlete!
Weitere Impressionen von der Wirrlete gibt es in unserer Fotogalerie.



