Laternen strahlen mit der Sonne um die Wette

12. Februar 2008 | Von | Kategorie: Nachrichten

Oben am Schlüsselberg muss ich erst einmal die Luft anhalten. In der hinter der Münsterkulisse aufgehenden Sonne spiegelt das fantastische Lampenmeer das ganze Spektrum der Fasnacht (und damit auch des Alltags) wider: Vom Schwarz des Todes bis hin zum flammenden Rot der Wiederauferstehung. Leicht benommen von der Vielfalt der Formen und Farben nehme ich Kurs auf ein paar der rund 200 Kunstwerke, die wie Schaumkronen aus dem Meer herausragen.

«High zämme!» ruft mir die Laterne der jubilierenden Seibi entgegen. Sie sind «75 Joor duregnallt dangg Fasnachtsdrooge». Zu sehen ist auf der Vorderseite ein aus einem Hirn quellender Globus aus fantastischen Fasnachtsfiguren und drüber der Vers
D Seibi waiss – uff däre Ärde
ka si nimm verstande wärde

Auf der Rückseite führt der Fasnachtstrip vom verkleinerten Globus aus in ein Labyrinth,
wo sich Wääg um Wääg verliert
bis dr Tod zum Uusgang fiehrt

Uns führt der Weg zur Wettstai-Clique, die mit «Bamb us China» die wohl formschönste, von hohen Bambusstauden umgebene Lampe präsentiert. Das trifft vor allem auf den rückseitigen Pagoden-Tempel zu, dessen «Architektur» mit dem Inhalt, den Missständen in China in Sachen Umweltverschmutzung, Verachtung der Menschenrechte etc., stark kontrastiert.

Die Umweltverschmutzung – aber die hiesige – behandeln mit «S Gschyss mit em Drägg» auch die Vereinigte Kleinbasler. Ihre «Laterne» ist ein metallener Abfallcontainer mit einem Plastikfenster, das den Blick auf die malerische Grossbasler Altstadtkulisse mit Münster und Pfalz freigibt. Doch darum herum und speziell am Rheinbord türmen sich die Abfallberge. Und brandaktuell ist dazu zu lesen:
Kirzlig het me am Rhybord unde
e Schüüfeli und e Durban gfunde
ganz ohni Durban und rasiert
wär dä Inder lengschtens integriert

Die Laternen-Rückseite zeigt schliesslich einen wütenden roten Sauhund, der mit dem Abfall in Parks Fussball spielt.

Farblich wunderschön ist das Kirchenfenster der Schnurebegge, mit dem selig dreinschauenden Elvis, der heilig gesprochen werden soll. Zu den sinkenden Mitgliederzahlen der Landeskirchen fällt dem Värslibbrinzler dazu ein:
Mit Sex, Drugs und Rock’n’Roll
griegsch d Kirche wider voll

Dann wird’s ziemlich düster. «Rütli! Rächts um – keert». Auf der Lampe der Rhyschnoogge ist zwar vorne noch das idyllische Rütli mit See und weidender Kuh zu sehen, doch hinten erkennt man Fahnenträger Toni, die Schweizer Flagge zu seinen Füssen, untermalt mit dem Vers:
Mir wärde wyter marschiere
und gwinne d Schlacht sicher am Änd
denn bitte, do hämer scho dryssig
und morn gwis hundert Prozänt

Mich schauderts, wohl genauso wie die Wiehlmys alti Garde, die meinen «Mir gseen schwarz». Ihre Pfunzle ist schlicht ein schwarzer Sarg mit dem Sensemann auf dem Deckel. Was sie alles schwarz sehen, muss man allerdings ihrem Zettel entnehmen.

Rabenschwarz auch das Sujet «Abglöscht» (dementsprechend auch die Laterne) der Verschnuuffer. Unheimlich das verängstigte Gesicht, mutlos, geistlos trostlos, brotlos, gedankenlos, machtlos. Auf der Rückseite eine Galerie von allen, denen es abgelöscht hat. Aber hoffnungslos?

Nein! Gottlob nicht. Hoffnung gibt uns die Prachtslampe der Olympia, der Phönix, der leuchtend rot aus der Asche steigt und weitere «100 Joor Fyyr und Flamme» sein soll. Mit diesem Wunsch lasse ich das Lampenmeer hinter mir, steige den Münsterberg hinab und tauche in das Gewusel der Kinderfasnacht ein.