Schöner, ja strahlender könnte sich die einmalige Kulisse denjenigen nicht bieten, die um neun Uhr morgens den Münsterberg hochsteigen: Zwischen dichten schwarzen Wolkenfetzen hindurch bahnt sich die Sonne ihren Weg und lässt mit ihren Strahlen die rund 200 Pfunzeln, Lampen und Laternen auf einem der schönsten Plätze Europas in voller Pracht erstrahlen.
Doch fällt mein Blick erst einmal auf eine recht düstere Laterne. Die Spale-Clique erinnert mit dem Sujet «Germanager» daran, dass immer mehr nördliche Nachbarn den Weg zu uns finden und offenbar an unseren Arbeitsplätzen nagen sollen. Sinnigerweise ist die Vorderseite der Laterne eine bissig-furchterregende Ratte, auf der Rückseite wird uns ein nackter Hinterteil entgegengestreckt, in den so manche kriechen. Dass hier originelle und saubere Verse zu schmieden eine heikle Angelegenheit ist und deshalb oft daneben gerät, kommt auf der Laterne zum Ausdruck. Träf und bissig bös ist aber dieser:
Was vo dr Rächtschrybreform in Erinnerig blybt
ass me Günther Grass jetzt doch mit SS schrybt
Apropos Laternenverse: Kurz, bündig, viel aussagend und im Reim in sich stimmend, sind sie nicht jedermanns Sache, das fällt auch beim Kunstwerk des 75-jährigen Dupf-Club auf. Die Jubel-Lampe, umgeben von mehreren Stäggeladärne aus verschiedenen Zeiten, präsentiert sich als Würfel und spricht dafür in Form und Farbe an.
Farblich und vor allem formmässig einfach genial, oder genial einfach, sind die drei (!) Laternen der Wettstai-Clique zum Sujet «Oel ins Fyyr git Fyyr im Dach». Am eindrücklichsten der drei Lampen-Türme ist der blutige Ölturm. In schillernden Farben zu sehen sind die Ölmafia, der grausame Ölkrieg, Osama bin Laden, und natürlich
George W. Bush.
Dr amerikanisch Presidänt haisst Bush han y gheert
dä haisst nit nur Bush, dä kunnt au vo deert
. . . steht da unter anderem über den weltmachthungrigen Politiker. Ob das brandheisse Sujet die Clique nicht nur am Cortège dreigeteilt, sondern auch sonst gespalten hat, darüber kann bei folgendem Värsli nur spekuliert werden:
Eel ins Fyyr git Fyyr im Dach
scho hän die Erschte in der Clique Krach
Jetz wird dr Schlutti in sym Alter
tatsächlig no zem Glygge-Spalter
Quasi gespalten wird bei den Muggedätscher Alti Garde auch ein Pärchen. Das Sujet heisst «Vom Draum-Maa zem Drauma», auf der Laternen-Vorderseite küsst sich ein eng umschlungenes verliebtes Paar, von der Rückseite grinst die hässliche Fratze eines Verlassenen – und alles ganz ohne Worte.
Wortreich und mit meist gelungenen Värsli wird uns das Sujet der Spezi-Clique Alti Garde, «Dr Bammel vor em Gammel», nähergebracht. Die Laterne ist ein Stück von Würmern zersetztes Stück Fleisch, auf dem Wespen und Schmeissfliegen herumhocken. Appetitanregend heisst es dazu
Wenn s als Frischfleisch nimme lauft
wird s als mariniert verkauft
Auf der Rückseite sitzt u. a. ein Skelett am Tisch und sinnigerweise liest man
S näggscht Filet wird y näh
uff em Hörnli – Raaje zäh. . .
Der Stamm der Spezi-Clique sagt «Aadie Pingu!» und greift damit wie an die 30 weiteren Fasnachtsgruppierungen das Thema des von der Regierung abgelehnten Polariums auf. Zum einen krallt auf der Laterne der unersättliche (Allreal-)Zürileu monopolartig alles an sich, zum anderen vertreibt der auf Eisschollen thronende Racheengel Eva (Herzog) die Pinguine aus dem Zolli. Sarkastisch steht dazu:
Die Pinguin wärde z letschtemänd
z Züri no als Böögg verbrännt
Das wollen wir doch nicht hoffen und freuen uns lieber mit der Olympia. Ihr Sujet heisst «Ultima latet: nit ganz hundert und unstäärblig». Die Clique feiert im nächsten Jahr ihren Jahrhundert-Geburtstag und erzählt uns auf der Laterne eine heerlige Fasnachtsgeschichte – vom Larvenkaschieren bis zu den Übungsstunden für die drey scheenschte Dääg 2008.



