Das Wort «Stress» mag Xenia Fünfschilling nicht. Lieber sagt sie von sich, dass sie «zeitlich ausgelastet» sei. «Das Wort Stress habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen, da ich unter Druck viel kreativer und leistungsfähiger bin», erzählt die hübsche junge Frau über sich. Und zeitlich ausgelastet ist Xenia Fünfschilling tatsächlich: Gerade hat sie mit «Basel Tattoo Productions» das Musikprogramm der Vorfasnachtsveranstaltung «Pfyfferli»
vorbereitet.
Immer wieder taucht in Xenias Schilderungen die Fasnacht auf, die das Leben der 29-jährigen Binningerin von Kind auf begleitet hat. Trotzdem steht die Fasnacht in Xenias Leben nicht zuoberst auf der Prioritätenliste, und sie ist zuweilen verwundert über ihren Bekanntheitsgrad in und ausserhalb der Fasnachtswelt: «Ich glaube, die Leute haben einen engagierteren Eindruck von mir, als ich es tatsächlich bin», lacht sie bescheiden. Mehrmals stand sie im Einzel knapp vor dem Gewinn des «Offizielle», des «Bryspfyffe», doch trotz Topklassierungen reichte es nicht für den ersten Platz. «Ich dränge mich nicht gerne vor und warte lieber im Hintergrund, bis die Leute selbst merken, was ich kann», erklärt Xenia. Deshalb hat die talentierte Piccolospielerin wohl auch nach zahlreichen Auftritten noch immer zittrige Hände, Lampenfieber.
Mit «gruusigem Goschdym“ ans «Bryspfyffe»
Schon früh begeisterte sie sich für Musik, lernte mit acht Jahren Geige und brachte sich selbst das Klavierspielen bei. Daneben spielte sie mal Dudelsack, mal Querflöte und dazu noch Gitarre: «Ich wollte immer viele Sachen gleichzeitig machen», erklärt Xenia, «doch ich hatte nicht die Ausdauer, die hohen Erwartungen an mich selbst zu erfüllen.» Zur Fasnacht kam sie über ihre Eltern: «Sie haben mich mitgeschleift», lacht sie, die seit Jahren bei den Seibi Mysli pfeift.
1989 nahm sie erstmals am «Offizielle» teil, seither war sie jedes Jahr in den oberen Rängen zu finden – bis auf das letzte Jahr, als sie bereits in der Qualifikation ausschied. Beim diesjährigen «Bryspfyffe» wird man sie vergebens suchen: «Ich mag nicht mehr», erklärt sie. «Fünfzehn Jahre sind genug.» Bei den gemischten Gruppen, wo sie bereits mehrfach den ersten Platz erreichte, wird sie aber nach wie vor mitmachen. Dass sie dabei jeweils ein «gruusiges» Kostüm auswählt, hat Tradition: «Ich finde das selbst furchtbar lustig», lacht sie. Bei den Seibi Mysli fühlt sie sich wohl: «Wir sind 45 Frauen, und es herrscht ein wunderbarer Frieden.» Xenia sitzt mittlerweile in der Sujetkommission, schreibt den «Zeedel» und wird wahrscheinlich bald auch die Piccoloinstruktion übernehmen.
Umjubelter Auftritt am Yshalle-Tattoo
Doch für das Musiktalent ist Fasnacht längst nicht alles: Seit sie elf ist, hat die Flötenvirtuosin nämlich ein weiteres musikalisches Hobby, das sie ebenfalls über den Vater entdeckte: «Fife and Drum», die Musik der amerikanischen Bataillons des 18. und 19. Jahrhunderts, hat es Xenia Fünfschilling angetan. Unterstützt wird sie dabei von einem sehr guten Freund, einem amerikanischen Komponisten und Arrangeur, den sie oft in den USA besucht. Auch die Liebe verbindet sie mit der Leidenschaft fürs «Fife and Drum»: Mit ihrem Partner, dem 21-jährigen Piccolokönig Kevin Klapka, bildet sie das Duo «Fife Alive». Zusammen traten die beiden auch ins grosse Rampenlicht: Am Yshalle-Tattoo 2004 hatte das Fife-Duo einen umjubelten Auftritt vor 4500 begeisterten Zuschauern. «Es war ein sehr spezielles Erlebnis», erinnert sich Xenia. Seit dreieinhalb Jahren sind die beiden ein glückliches Paar. «Wir haben eine gesunde Rivalität», lacht die Piccolovirtuosin: «Deshalb sind wir beide musikalisch auch immer besser
geworden.»
«Ich will nicht schubladisiert werden!»
Am liebsten würde Xenia immer alle Dinge gleichzeitig machen: «Ich definiere mich über meine Vielseitigkeit», sagt sie von sich: «Ich bin gerne nonkonform und will nicht schubladisiert werden.» Früher habe sie sich dabei noch die Haare aufgestellt und sei mit schweren «Doc Martens» an den Füssen herumgelaufen – heute lebt sie lieber die Vielfalt ihrer Interessen aus.
Das Faible für Sprachen, das sie bereits von jung auf hatte, konnte sie im Studium weiterverfolgen: Zwölf Semester lang studierte sie an der Universität Basel Englisch und Französisch. Das kritische Denken liege ihr einfach: «Das macht mich aus, ich bin ein sehr ergründender, kritischer Mensch.» Oft hätten sie Leute gefragt, was man denn mit einem Sprachstudium anfange. «Ich bin dann lizenzierte Intellektuelle», habe sie jeweils ironisch geantwortet. Heute stelle sie allerdings fest, dass sie das Erlernte eins zu eins anwenden könne.
Nur graue Theorie war der Studentin nie genug: So unterbrach sie das Studium für zwei Jahre, um in den USA eine «Fife & Drum»-CD aufzunehmen und in der Binninger Mittelschule Französisch, Englisch und Deutsch zu unterrichten. Eigentlich wollte Xenia in die Fussstapfen ihrer Mutter treten und Lehrerin werden: «Doch nach dem Liz mochte ich nicht gleich noch eine Ausbildung anhängen.»
Eine wichtige Lebensschule war für Xenia auch ihre Arbeit im Paddy Reilly’s Pub in Basel, in dem sie während ihres Studiums jobbte. Fünf Jahre lang arbeitete sie bis spät in die Nacht mit einer nicht immer einfachen Kundschaft und lernte dabei «in den Dreck zu langen», wie sie es nennt. «Diese Erfahrung möchte ich nicht missen», meint sie rückblickend. «Gerade für
angehende Akademiker ist es wichtig, mal unten durch zu müssen.»
Sie schätzt die kleinen Dinge im Leben
Heute zieht Xenia als Produktionsassistentin von Erik Julliard, Frontmann des «Top Secret» Drum-Corps, bei «Basel Tattoo Productions» die Fäden. Kennengelernt haben die beiden sich über die Grey Coats, ein «Fife and Drum Corps», bei dem Xenia Fife spielt und Erik Julliard trommelt. «Wir beide können sehr gut miteinander arbeiten», meint Xenia, die bereits während ihres Studienabschlusses in der Kommunikation des «Yshalle-Tattoos» mithalf – obwohl sie nur eine Woche nach dem Tattoo ihre mündlichen Abschlussprüfungen absolvieren musste. Im Sommer stieg das Kommunikationstalent dann endgültig in das Jungunternehmen an der Glockengasse ein.
Trotz des vollen Terminkalenders bleibt der Binningerin Zeit für die kleinen Dinge im Leben. So fährt die leidenschaftliche Köchin jeden Mittag mit dem Velo in ihre kleine, gemütliche Wohnung, um für sich selbst ein Menu zu kochen. «Diese kleinen Dinge müssen einfach Platz haben», betont sie.
Dazu gehört auch ihr kleines Nähatelier, wo sie für sich und andere näht. «Ich mache am liebsten Röcke, deshalb habe ich mittlerweile viel zu viele davon», lacht sie. Besonders gerne näht sie für andere: «Das war schon immer so in unserer Familie, zu Weihnachten gab es nur selbstgebastelte Geschenke.»
Sie ist von keiner Partei überzeugt
Eines reizt Xenia hingegen nicht: die Politik. Mit ihrem Götti und Onkel Hans Fünfschilling, FDP-Ständerat des Kantons Baselland, und ihrer Mutter Bea, FDP-Landrätin und ehemaliger Gemeindepräsidentin von Binningen, wäre der freisinnige Weg wohl bereits vorgezeichnet. «Ich möchte mich auf keine Partei festlegen», erklärt sie selbst hingegen, «denn bisher hat mich noch keine ganz überzeugt.» Typisch Xenia eben!
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Spontan
Wissenschaft: Ich plane, irgendwann zu doktorieren. Ich weiss noch nicht in welchem Rahmen, aber ich werde bestimmt weiterhin mit der Wissenschaft verbunden bleiben.
Zukunft: Ich werde sicher vorerst bei Basel Tattoo weiterarbeiten. Eigentlich mache ich mir keine Sorgen um meine Zukunft. Ich bin zuversichtlich, dass es schon gut kommt. (Lacht) Wichtig ist mir, dass ich alle Möglichkeiten offen lassen kann.
Glück: Ich betrachte mich als sehr privilegierten Menschen, dadurch dass ich in der Schweiz in einer sehr guten, intakten Familie aufgewachsen bin. Ich habe ein Riesenglück gehabt.
Kochen: Ich liebe es, beim Kochen zu experimentieren, etwa mit asiatischen Gewürzen und Gerichten. Ich habe viele Kochbücher, aber ich koche nie nach Rezept.
Militär: Eigentlich habe ich nichts mit dem Militär am Hut. Mir gefällt die folkloristische Musik und die Präzision der «Grey Coats» und des Fife und Drum. Sonst bin ich eher friedensliebend eingestellt.



