Der Blick vom Kohlenberg-Gymnasium auf den Seibi hinunter lässt schon am frühen Nachmittag erahnen, was in den nächsten paar Stunden in der Innerstadt los sein wird: ein wunderherrliches Chaos von Schyssdräggziigli, Kinder-Waggiswagen jedwelcher Bauart, Einzelmasken, aber auch Cliquen und Monsterguggen. Vor dem Casino ist schon um diese Zeit praktisch kein Durchkommen mehr. «He Si», winkt mir eine kleine Hexe im Vortrab eines Familien-Ziigli streng mit ihrem Besen, «do isch denn kai Durchgang, do isch Cortège!»
Cortège ist gut – aus allen Richtungen strömen sie auf den Platz. Der Nachwuchs der Wirbel-Waggis auf einem Mini-Wagen. Zehn kleine Waggisse drängen sich auf einer Fläche von etwa zwei Quadratmetern – kein Zweifel, die Verkehrskontrolle würden sie keinesfalls erfolgreich passieren. Spielt auch keine Rolle, Hauptsache, sie haben den Plausch wie die Binggis der Route-Bysser-Waggis, die Rhybrugg Stolperi oder d Steinbühler, die alle in Miniausgaben von Waggis-Wagen unterwegs sind, mit mit viel Herz intrigieren und dabei auch die Kiebitze am Strassenrand gleich hampfleweise mit Räppli eindecken. Unter einem dieser Räppli-Platzregen hindurch gelingt es uns, auf den Seibi hinüberzuwechseln, wo gerade die Ueli-Schränzer ein Platzkonzert und den Nachwuchsfasnächtlern ein schlechtes Beispiel geben. Nicht nur scheint der Gugge-Majorin am meisten daran zu liegen, sich für ihren Pseudo-Tanz bewundern zu lassen, sie und das Spiel treten auch ohne Larve auf – schäm di!
Grosses Lob gebührt dafür den Windle-Füller, einem durchgestylten Mehrfamilien-Ziigli, dem wir im Stau der Freien Strasse begegnen. Windle-Füller übrigens, weil viele der zwölf Kinder aus sieben Familien noch in den Windeln lagen, als sie im Jahre 2000 erstmals am Fasnachtsdienstag dabei waren. Heute fahren in den beiden Wagen neun als Eisbär-Mädchen «Floke» (Kinder schreiben das eben ohne c), eines ist der Wärter, und zwei weitere dürfen wie ihre Eltern als Schweizer Touristen-Fotografen fungieren und Floke auf Chip oder Celluloid bannen.
Eso e Uflauf fyr e Bär
und doch wird kai Mollionär
heisst eines der vielen, sprachlich selbstverständlich nicht ganz lupenreinen Värsli an der Wagenwand. Ein originelles Ziigli jedenfalls, bravo!
Die Eltern schlüpfen am Fasnachtsdienstag überhaupt in andere fasnächtliche Rollen als am Vortag. So sind sie heute etwa Vorträbler, die den Kinderzügen den Weg bahnen, ziehen selbstgebastelte Leiterwägeli, in denen ihre kleinen Marienkäferli, Feen, Clowns, Seeräuber, Pinguine oder Ueli sitzen und glücksstrahlend Däfeli, Läggerli und andere Bhaltis verteilen. Ja, zuweilen ist die Welt total verkehrt wie etwa bei den zwei Gorillas, die einen Käfig hinter sich her schleppen, in dem ihre Waggis-Kinder einsitzen.
Doch nicht nur Kinder sind unterwegs, es ist ja auch der Tag der Guggen. Und dieser ist auch generationenübergreifend: Mitten im Kindergewusel auf dem Rümelinsplatz taucht mit den 1926 gegründeten Jeisi Migger die älteste Basler Gugge auf – ein herrliches Bild. Da – kaum zu glauben – landen auf der Fasnachtspiste vor dem Hotel Basel sogar zwei Flugi. Köstlich sehen die beiden Dreikäsehoch in ihren Kostümen aus, und wahrscheinlich geniessen sie Früh-Englisch. Jedenfalls stellen ihre Eltern Fluglotsen dar, die auf ihren orangen Westen die Aufschrift «Follow me» tragen. Und so finden die Flugi denn auch narrensicher durchs Chaos.
Schliesslich begegnen wir noch dem Schyssdräggziigli Glüggsdräffer. Im Vortrab ein Leiterwägeli mit dem Schild «Drei Dääg in Basel pagg is, gniess d Stadt als glaine Waggis». Und dieser ist gerade mal 13 Monate alt! Auf der kleinen Laterne steht: «Duet dr Storch so wyter wiete, mien mir statt pfyffe Buschi hiete».
Hoffentlich – sonst gäb’s irgendwann keinen Kinder-Zyschtig mehr . . .



