Kälte und Sujets lassen uns schaudern

14. Februar 2005 | Von | Kategorie: Nachrichten

Die Basler Deutschlehrer müssten am Cortège vor Freude Luftsprünge
machen: Denn so viel Jeremias Gotthelf war an der Fasnacht garantiert noch
nie. Nur beziehen sich die Cliquen dabei natürlich auf die Reality-TV Serie
«Leben wie zu Gotthelfs Zeiten» von SF DRS.
Schön ausgespielt wird das Sujet von der Märtplatz-Clique, diese will
nämlich «3 Daag läbe wie ze Gotthälf¹s Zyte», damals «wo Männer no Männer
gsi sin». Deshalb tanzen im Vortrab Vogel Gryff, Wild Maa und Leu um die
Wette. Die imposante Laterne zeigt vorne Gotthelf samt schwarzer Spinne, und
hinten einen unheimlichen Ueli mit ewig langem Lälli. Ein zünft-iger
Fasnachtszug also, den die Clique uns beschert.

Noch rauher geht es bei der Rätz zu und her, diese findet «Jetz
längt¹s BL! Mir gryffe-n-aa!!!» Die Kriegserklärung ans Baselbiet wird durch
die Requisiten Rammbock und Kanone unterstrichen, der Tambourmajor trägt
vorsorglich bereits eine Axt als Taktstock in der Hand. Hier müssten
eigentlich die Opti-Mischte mit ihrem «Halt Gewalt»-Zug eingreifen,
deren ganz in schwarz gekleidete Köpfe bereits von Rasierklingen und Messer
durchbohrt sind.
Morbid auch die Rhyschnoogge, die zum 75-Jahre-Jubiläum als Moskitos
mit blutigem Stachel unterwegs sind, und deren «Sugus»-Zug schaurig schön
anzusehen ist. Auch die J.B. -Clique Santihans hat Blut am Goschdym:
Wer bei dieser «Fäärnseemetzgede» noch Lust auf eine Schönheits-O.P. hat,
dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Die Volksgesundheit fördern wollen zwei weitere Stammcliquen: Sowohl d
Spale als auch d Pfluderi beschäftigen sich mit dem blauen
Dunst. Die Laterne der Spale mutiert zum Parisienne-Päckchen, auf
dem vorne «macht schöön» und hinten postwendend «Schön dood» steht, während
ein Krebs aus dem Aschenbecher krabbelt. Zu den Klängen von «Spiel mir das
Lied vom Tod» schlotet bereits auf einem Wagen weiter vorne im Zug eine
fiese Riesenzigarette vor sich hin ­ ob diese der Gesundheit der als
Feuerwehrmänner daherkommenden Cliquenmitglieder zuträglich ist, sei
dahingestellt…

D Pfluderi jedenfalls, die im Kontermarsch den Steinenberg
hinaufmarschieren und dabei eine superbe «Pfyffer Retraite» zum besten
geben, meinen «Fuma o Muera ­ On Veras». Wunderbar hier die Tambouren in
ihren Gauloises-Larven sowie der «Casanovas» rauchende Vortrab.

Von der Raucherlunge zur grünen Lunge: Der Streit um die Zollfreistrasse
wird auch am diesjährigen Cortège ausgetragen: «Zoff im Auewald» titelt die
Wettstai über ihren wunderprächtigen Zug. Da sitzt ein Umweltaktivist
auf dem Tambourmajor-Baum und auch die Trommler schleppen als
«Baragraphewald» ganze Bäume auf ihren Schultern. Die Pfeifer haben
währenddessen ihr Zelt schon am regenbogenfarbenen Pulli festgemacht.

Statt Flora hat sich die Spezi zum 100-Jahre-Jubiläum für die Fauna
entschieden und läuft unter dem Motto «Spezifisch» als Rheinbewohner. «Z
Basel in mim Rhy» ist vom Kredithai zum Seedeifel alles, was noch nicht
harpuniert wurde ­ die Farbwahl des ganzen Zuges in türkis-blau (inklusive
Junge Garde und Binggis) ist übrigens eine Wucht.

Immer noch tierisch geht es bei der Lälli zu und her, hier wird aber
das Wasser zur Spucke: Die Lamas im Fussballdress werden geführt von
SFV-Preesi Ralph Zloczower, wobei SFV bei der Clique für
«Speuze-Filme-Verseggle» steht. Ob man deshalb den Schweizer Fussball gleich
begraben kann, wird offengelassen.

Staatssärge jedenfalls wären genügend vorhanden, haben doch gleich mehrere
Cliquen auf das makabre Sujet gesetzt. Die Sans-Gêne lässt die im
«Kartonsarg statt Sarkophag» begrabenen Toten bereits wiederaufstehen: ein
wahrlich gfürchiger Cortège.

Weitere Informationen:

bz-Berichterstattung
Fasnacht 2005