Nicht ganz wolkenloser Nachthimmel, die Temperatur leicht über null Grad, praktisch kein Wind. Tausende von Schaulustigen bevölkern die Innerstadt, stehen in dichten Reihen am Strassenrand, erwartungsfroh, dick eingepackt und trotzdem leicht fröstelnd. Da und dort Laternen der Cliquen und Ziigli bereit – die Spannung steigt. Schlag vier Uhr wird’s dunkel, viele tausend klatschen, johlen, machen «aaah» und «oooh» (nicht nur auf baseldeutsch, auch auf französisch, englisch, badisch, elsässisch und in vielen weiteren Sprachen), pfeifen vor Freude oder beginnen gar zu tanzen, aber vermutlich nur, um die Kälte aus den Gliedern zu schütteln. «Morgestraich, vorwärts, marrrsch», schreit manch ein Tambourmajor das bekannte Kommando.
Der erste Vers wird im Stehen gepfiffen und getrommelt, dann setzen sich die zum Teil sehr imposanten Züge der Cliquen in Bewegung, um bald wieder stehen zu bleiben. Auf dem Märtplatz erscheint, nomen est omen, die Märtplatz-Clique, welche in der Hutgasse abmarschierte, sie biegt in die Freie Strasse ein. In der Schneidergasse gestartet ist der Dupf-Club, der als erste Stammclique den Platz überquert – «Bürger ehre die Heimat» lautet gemäss Laterne das Sujet, und es geht um den Banntag der Lieschtlemer. «Au dr Schild duet am Banndaag wild», steht unter anderem zu lesen. Und:«D’ Ohre mache wee, wäge der VKBe». Diese ist zwar so früh am Morgen im Grossbasel noch nicht zu sehen, doch dafür die Wettstai-Clique, die in der Marktgasse gestartet ist. Die J.B-Clique Santihans stösst vom Fischmarkt her nach, und etwas später die Laterne der Rootsheere ebenfalls, im Eilschritt gezogen – wir hoffen, dass sich Lampe und Clique bald gefunden haben. Eine Prachtslampe führen die Harlekin mit – es geht um die neue Rechtschreibung.
Apropos Licht:Auch diesmal gab’s ein paar Geschäfte, welche sich nicht bemüssigt fühlten, das Licht zu löschen. Zu den Sündern gehörten das «Singerhaus» mit seiner beleuchteten Uhr am Märt sowie «Fein-Kaller» und «Sport Gerspach» in der Gerbergasse. Am Morgestraich sollten eigentlich nur die Laternen leuchten!
Bald defilieren die grossen Cliquen auf den Achsen zwischen Märt und Barfi, die einen in der Freien Strasse, die anderen via Falknerstrase und Gerbergasse. Dort entstehen, fast logisch, auch die ersten Staus, ein neuralgischer Punkt im Fasnachtsverkehr ist wie immer die Hauptpost. Die kleineren Formationen bewegen sich eher in den Seitengassen, hoch zu und her geht es auf und um den Rümelinplatz, fast kein Durchkommen auch am Spalenberg und am Heuberg, in der Streitgasse und in der Schneidergasse, und auch nicht in den Beizen, wo sich Aktive und Zivilisten gegenseitig auf den Füssen herumtrampeln. Gefragt sind auch die Cliquenkeller – im Imbergässlein und im Pfeffergässlein stauen sich die Leute an den entsprechenden Pforten aber bald hoffnungslos.
Die einen stürmten schon nach 20 Minuten Morgestraich in ein Lokal, um sich mit Mählsuppe und Käs- oder Zibelewäie aufzuwärmen. Manchmal wurde auch «Cheeswäie» angepriesen wie im «Grünen Heinrich» – ein Geheimtip für alle Baselbieter. Aber was soll’s? – die Fasnächtler unter den Larven stammen ja ohnehin zu einem guten Drittel von der Landschaft. Die meisten aber blieben auf der Gasse und genossen den wunderschönen, weil vor allem trockenen Morgestraich.
Nach zwei, drei Stunden begannen sich einzelne Formationen zu lichten – auch an den drei schönsten Tagen müssen noch einige Baslerinnen und Basler zur Arbeit erscheinen, wobei gewisse Verspätungen und dergleichen toleriert werden. Die meisten machten aber weiter, bis weit über den Tagesanbruch hinaus.
Den «Morgestraich» bekam man natürlich nicht mehr zu hören, den pfeift und trommelt man nur zum Auftakt. Dafür die schönen alten Märsche wie «d Brite», «Route-Symphonie», «Dudelsagg» oder «Glopfgaischt» – ein Ohrenschmaus löste den anderen ab.
Ein schöner und problemloser Morgestraich war’s, nicht zu kalt, nicht zu warm, gestört haben eigentlich nur die Blitzlichter. Wer je unter einer Larve steckte, weiss, wie empfindlich das Auge in der Dunkelheit auf einen Blitz reagiert. Ein probates Gegenmittel hatte ein Tambour der Sans-Gêne dabei: ein an seinem Arm fixiertes Gegen-Blitzgerät.



