«Unglaublig…» Dieses Motto hat sich Hausherr Häbse H.J. Hersberger für das diesjährige Mimösli, notabene bereits das 19., auf die Fahne geschrieben – und «Unglaublig…» ist in der Tat an diesem Abend so einiges. Das Mimösli 2010 ist unglaublig musikalisch, unglaublig abwechslungsreich, unglaublig innovativ, aber bisweilen auch unglaublig traditionell. Und – das soll fast schon das einzige Haar in der Suppe bleiben – unglaublig lang. Erst kurz vor 23 Uhr verhallt der langanhaltende Applaus der rund 350 Premieren-Gäste, die dreieinhalb Stunden zuvor von einem bestens aufgelegten Ensemble im Prolog begrüsst wurden. Moment – stimmt so eigentlich gar nicht. Denn Begrüssung und den roten Faden im Häbse-Theater übernimmt TV-Moderator Matthias Hüppi alias David Bröckelmann, der kurzzeitig auch schon mal in die Rolle des umtriebigen René Häfliger oder des begriffstutzigen Hakan Yakin schlüpfen darf. Unglaublig vielseitig.
Gewohnt rasant lässt im Prolog das Mimösli-Ensemble (Rinalda Caduff, Hedy Kaufmann, Nicole Loretan, Maik van Epple, Joël von Mutzenbecher und Häbse) die vergangenen zwölf Monate im Zeitraffer Revue passieren – und lässt schliesslich flux auch die beiden Minarett-Türme von der Bühne verbannen, die die Sicht aufs Münster verdecken: «Die haben wir noch vor der Abstimmung anfertigen lassen», entschuldigt sich Häbse, der sich heuer über weite Strecken aber politisch zahnloser als auch schon gibt. Das ist für die Rahmenstücke indes nicht nachteilig: «S iberwacht Basel» darf zwar als Seitenhieb an die Regierung verstanden werden – die Geschichte um ein gestohlenes Deluxe-Velo, eine verkratzte Nobelkarrosse und vergessen gegangene Parkverbotsschilder löst sich aber letztlich in Minne auf.
Ganz stark die Szene «Im Ykaufscenter Stücki», bei der der Stau für einmal nicht im Parkhaus, sondern an der Kasse eines Elektronik-Discounters entsteht. Unglaublig herrlich Hedy Kaufmann als Seniorin («Das sinn halt no Zytte gsy…»), die auf die Aktionsdurchsagen per Lautsprecher immer das letzte Wort hat. Kostprobe gefällig? «Zwei Festplatten zum Superpreis», werden feilgeboten – meint sie: «Das mag jo niemer ässe…» Geduldig harrt sie in der Schlange vor der Kasse, bis sie gesteht, dass sie den Einkaufswagen eigentlich nur als Gehhilfe brauche: Kaufen will sie (fast) nichts – «Geiz sei geil», kontert sie trocken. Das Stück «TelMed» rechnet mit alt Bundesrat Pascal Couchepin und seinen Gesundheitsreformen ab. «Alles will är bhalte, numme s Wasser nid», klagt Rinalda Caduff das Leid ihres erst kürzlich pensionierten Ehemanns – bis sich herausstellt, dass dieser die vermeintlichen Wehwehchen nur vorspielt, um durch die Kur-Aufenthalte den Fängen seiner Gattin zu entkommen. Schwach und flach dagegen «Citybeach» – ein Ausfall, der angesichts der restlichen «Rähme» verkraftet werden kann.
Das Mimösli 2010 ist aber auch unglaublig musikalisch. Überragt natürlich vom fulminanten Auftritt der beiden Weltstars Andreas Vollenweider (Harfe) und George Gruntz (Tasten), die jazzig angehauchte New Age-Klänge gekonnt mit dem Piccolo und der Trommel, aber auch fasnächtlichen Melodien («Läggerli», «z Basel an mym Rhy») verschmelzen lassen. Szenenapplaus. Aber auch sonst gelingt den Pfeifern der Hofnaare und der Trommelgruppe stickStoff der Spagat aus Experiment und Tradition. Hingucker und Hinhörer in einem ist etwa «Strike One», in dem sich die Trommler elektronisch verfremdeter Klänge bedienen. Dem wird später im Programm eine fulminante «Radac-Tagwacht» gegenübergestellt. «Bravo», tönts aus dem Publikum. Aber auch die Hofnaare treffen mit «Scotch – Irish and Country Dance» oder «Papagena» ins Schwarze – und setzen zusammen mit den stickStoff-Tambouren im «Dummpeter» und «Dritt Värs» bewusst auf (fasnachts-)klassische Klänge. Abgerundet wird der musikalische Teil durch die Guggemusig «Grunz Gaischter» (ab dem 25. Januar werden sie von den «Märtfraueli» abgelöst): Rechtzeitig zum 75. Geburtstag von Elvis Presley stimmen sie «Suspicious Mind» an und lassen Jennifer Rushs «Power of Love» durch den Theater-Saal stampfen. «Nicht alle guten Brass Bands können am Basel Tattoo auftreten», kündigt sie Hüppi alias Bröckelmann an – und verspricht irgendwie gar nicht soviel zu viel. Irgendwie unglaublig.
Bleiben die obligaten zwei Schnitzelbangg-Auftritte, die qualitativ als weit offene Schere daherkommen. Während «s Bangg-Ghaimnis» für «die drey scheenschte Dääg» noch Luft nach oben hat (stark allerdings der Couchepin-Abgangsvers…), laufen im zweiten Teil des Abends «d Joggeli» zu Hochform auf. Unglaublig spitze Pointen.
Weitere Informationen:
Impressionen des Mimösli 2010 in der BFO-Fotogalerie



