Glaibasler Charivari 2002: E scheeni Lyyche

20. Januar 2002 | Von | Kategorie: Nachrichten

Es war «a scheene Laich», pflegen die Österreicher zu sagen, wenn sie von einer Beerdigung zurückkommen, die ihrer Ansicht nach besonders gelungen war. «Es isch e scheeni Lyyche» könnte man darum mit Fug und Recht von der diesjährigen Ausgabe des Charivaris behaupten, und dies beileibe nicht, weil die Stimmung diejenige einer Beerdigung wäre. Der Fasnachtskrimi «Faschtewaie» ist gegenteils sehr lebendig und wurde von Bettina Dieterle auf aussergewöhnliche Weise und nahezu perfekt inszeniert. Dazu merkt man den Schauspielern an, dass sie mit Herzblut bei der Sache sind, auch wenn (oder vielleicht gerade deshalb) einige von ihnen – wie die Regisseurin – bekennende Nicht-Berufsfasnächtler sind.

«Fasnacht pur» steht auf dem Programmheft, und dies darf man getrost wörtlich nehmen. Nach «Stärnestaub» und «Doodedanz» hat man sich der Fasnacht wieder stärker angenähert, ohne aber auf den Trampelpfad (nochmals Programmheft) zurückzukehren, auf dem sich viele andere in der Vorfasnachtsszene tummeln. Alles ist Fasnacht, von den klassischen Elementen, welche nicht fehlen, bis zu den Intrigen und Geschichten rund um die Clique «Storzenääri», die zeigen, dass dieser virtuelle Verein – wie so viele reale – mehr als nur eine Leiche im Keller hat.

Und damit wären wir bei der Geschichte des Krimis, über die natürlich nicht allzu viel verraten werden soll. Dass am Morgestraich die Leiche des Obmannes im Cliquenkeller gefunden wird, war schon vorher als Ausgangspunkt der Handlung bekannt. Bis zur Premiere unter dem Deckel halten konnte die Charivari-Crew dafür einen Spezialgag des Stücks: Dem Fasnachts-Comité widerfährt etwas, was ihm wohl viele Aktive durchaus gönnen mögen, nämlich: Aber Nein, auch das verraten wir nicht…

Die Rahmenhandlung gibt dem Publikum Gelegenheit, hinter die Fassade der «glatte Sieche» einer Clique zu schauen. Da war der Obmann hinter jedem neueintretenden Rock her, da nahm es der Vorstand mit der Kasse wohl nicht so genau, da ist zwar jeder mit jedem Gut-Freund, aber nur, bis der andere ihm den Rücken zukehrt; alles Dinge, die wohl manchem Cliquen-Mitglied einen düsteren Déjà-vu-Schauer über den Rücken laufen lassen. Aufgefangen wird die eher trübe Analyse aber durch einen feinen Humor, der immer wieder aufatmen lässt.

Ähnlich kontrovers ist auch die Figur des Hauptkommissar Buess, einerseits Muttersöhnchen, andererseits knallharter Ermittler, und dies als Fasnachtshasser auch noch verdeckt im Vortrab der Storzenääri. Eine Paraderolle für Hugo Buser, der schon im «Doodedanz» letztes Jahr als König und Hausmeister eine brilliante Leistung gezeigt hatte; die diesjährige Performance lässt wiederum kaum Wünsche offen.

Ebenfalls noch vom letzten Jahr (und aus Café Bâle) kennt man Roland Herrmann, der damals als Drämmlifiehrer aber besser glänzen konnte als dieses Mal als Drummelhund. Dafür gibt Simon Grossenbacher den Grobian und FCB-Hooligan so überzeugend, dass man ihn sich jederzeit in der Muttenzerkurve vorstellen könnte. Etwas weniger Schluchzen, dafür mehr Ausdruckskraft würde man sich von Anna-Katharina Rickert wünschen, welche als bedauernswerte Maja Moll die weibliche Hauptrolle besetzt und nicht immer glaubwürdig wirkt. Dafür glänzt die frühere Miss Schweiz Stéphanie Berger, welche als Lokal-TV-Journalistin wohl zum Liebling des Publikums avancieren dürfte. Die «Telebreiti»-Dame wirkt so herrlich unbedarft, als ob sie schon jahrelang bei einem realen regionalen Sender tätig wäre. Bei einem solchen wird man bald Peter Richner sehen – und auf sein perfektes «Baseldytsch» können wir uns genauso freuen, wie es das Premieren-Publikum des Charivari tat.

Beim Charivari 2002 herrscht Fasnacht pur, und so kommen auch diese Töne keinesfalls zu kurz. Allein schon die Ouverture lässt den Kenner mit der Zunge schnalzen (oder resignierend sein Piccolo verbrennen): Meisterhaft arrangiert von Michi Robertson und brilliant vorgetragen flöten die «Pfyffer» eine Mixtur aus Krimi-Erkennungsmelodien und James Bond-Titeln. Als ebenso herausragendes Pendant der Trommelkunst wirkt die Tambourengruppe «Nussegge» (Guildo Horn-Fans?), und für den Vortrag der «Antygge» müsste das Comité – wenn es denn da wäre – eine Rekordsubvention zubilligen. Melodiös und doch rassig eröffnen die Grunz Gaischter (sie bestehen auf dieser Schreibweise) den zweiten Teil, und gewohnt souverän präsentiert sich der Schnitzelbangg «Gasladäärne».

Alles in allem eine äusserst «scheeni Lyyche»! «Faschtewaie» ist fasnächtlicher als der «Doodedanz» und wird wohl auch diejenigen, welche sich im vergangenen Jahr überfordert fühlten, weniger erschrecken. Dies heisst aber keineswegs, dass man im Volkshaus konventionellere oder gar kommerziellere Kost anbieten würde. Das Charivari bleibt auch 2002, was es in den letzten Jahren immer war: speziell.