Geheimnis der Fastenwähe gelöst

1. April 2007 | Von | Kategorie: Nachrichten

Bis vor einigen Jahren glaubte die Fachwelt, die Tradition der Fastenwähe entspringe einer vorchristlichen, archaischen Glaubenswelt. Die ersten Zweifel entstanden, als eine verschollen geglaubte Schriftrolle mit einem Lied des bekannten Minnesänger Walther aus der Vogelweide (1430 – 1478) wieder gefunden wurde. In dieser Ode an die lukullischen Freuden wurde überraschenderweise eine «Fastenkrähe» erwähnt. War es ein Versehen? Namhafte Geschichtsprofessoren begannen, die Geschichte zu hinterfragen und die neuen Erkenntnisse versetzten die Fachwelt in Staunen.

Im Laufe der akkuraten Nachforschungen bestätigte sich die These, dass wir tatsächlich von einer «Fastenkrähe» ausgehen müssen. Im Jahre 1412 regierte in der Region um Basel der Lehnherr Leopold von Binnenstein. Er wurde auch Leopold der Gierige genannt, da er seine Untertanen mit absurden Steuern, zum Beispiel auf silberne Türklopfer, bis aufs Blut auszunehmen pflegte. Als sich das geplagte Volk vorsichtig bei ihm beschwerte und zum Ausdruck brachte, dass sie am Verhungern seien, riet er ihnen, doch Krähen zu fressen, die damals in grosser Anzahl anzutreffen waren.

Und so geschah es auch. Die armen Bauern begannen, die Krähen einzufangen und sie zu braten. Da auch die Krähen die harte Zeiten durchlebten und dünn und knochig waren, nannte man dieses kärgliche Mahl «Fastenkrähe». Ab dem Jahre 1467 entstand in der Region um Strassburg die Tradition, die Krähen mit Kümmel zu stopfen. Man erreichte damit, dass die Tiere ein Gewicht von bis zwei Kilogramm erreichten, und das Fleisch wurde so auf natürliche Art uns Weise aromatisiert.

Im Jahre 1634 kam es zur grossen Wende: Albert zu Weissenstein löste die Dynastie der von Binnenstein ab. Nach dem dieser eine mystische Vision hatte, die ihn im Kreise von göttlichen Krähen zeigte, verbot er, diese weiterhin in der damals beliebten Kümmelvariante zuzubereiten. Er, der später als der Heilige St. Corvus in die Annalen einging, sah in dieser grausamen Tradition ein Zeichen der Dekadenz. Eingehüllt in schwarzen Gewändern und mit einem goldgelben Schnabel als einfache Kopfbedeckung zog er durch die Strassen um und in Basel.

Auch «Schyssdräggziigli» erklärt
Der Heilige St. Corvus versammelte eine ganze Reihe Jünger um sich. Auch sie zogen farbige Kleidung an, die sie unkenntlich machte und ihre Identität verbarg. Um die Krähen nachzuahmen und auf sich aufmerksam zu machen, zogen sie mit Instrumenten laut lärmend durch die Gassen. Die Jünger hatten sich der Armut verschrieben und da dadurch die körperliche Pflege in den Hintergrund geriet, ging von der Gruppe ein stechend unangenehmer Geruch aus, was ihnen den Namen «Schyssdräggziigli» einbrachte und bewirkte, dass die Menschen ihnen nur ungern entgegenkamen, sondern lieber gegen den Wind folgte. Durch feurige Reden und das Verteilen von Goldstücken gelang es ihm, die Menschen zu überzeugen, keine Krähen mehr zu verzehren.

Die einfachen Bewohner der Stadt hingen jedoch sehr an ihren Traditionen, die sie nur ungern aufgaben. Deshalb begannen sie, Krähen aus Teig zu formen und sie mit Kümmel zu bestreuen. Somit erzeugten sie die Illusion, weiterhin ihre landesübliche Delikatesse zu verspeisen. Dies wird allgemeingültig als die Geburtsstunde der «Fastenwähe» anerkannt.

1762 überzog eine verheerende Dürre das Land. Nachdem das Verbrennen einiger Hexen und die Verbannung der Juden nichts an der misslichen Lage änderte, sahen die Stadtbewohner ein, dass eine Zeit des Fastens über sie hergezogen war: Die «Fastenwähe» wurde zu einem wichtigen Hauptnahrungsmittel. Leider hielt die Hungersnot über Jahre hinweg an. Das Mehl wurde immer knapper und somit verloren die Fastenwähen immer mehr an Konsistenz und wurden immer flacher.

Im Jahre 1772 erreichte die Hungersnot ihren vorläufigen Höhepunkt. In Belgien wurden die Wähen noch flacher zubereitet, mit einer wabenförmigen Struktur versehen und Waffeln genannt. Im Raum Basel hatte der Bäcker Armin Vischer die zündende Idee, die flachen Wähen zusätzlich einzuschneiden und somit nochmals Teig einzusparen. Seit dieser Zeit hat sich an der Form nichts mehr verändert und das vorzügliche Gericht erfreut sich in unseren Tagen nach wie vor grosser Beliebtheit.