Fasnachts-Reportage / Sie fackelten beinahe das Restaurant ab

13. Februar 2008 | Von | Kategorie: Nachrichten

Fasnachtsmontag, 16 Uhr. Die Aabrennte sitzen im Gränzgänger-Keller und warten auf ihren ersten Auftritt. Es soll eine Bangg-Vernissage mit drei anderen Gruppen werden. Die grau-schwarzen Larven, erst ein paar Tage zuvor fertig bemalt, liegen noch auf den Stühlen. Ebenso ein Sack voller Zeedel und Zündholzbriefchen mit dem Die Aabrennte-Logo drauf. Die Warterei vor den Auftritten sei das Mühsamste am Schnitzelbank machen, erzählen die vier jungen Männer. Doch das sei nur am Anfang so, im Verlauf des Abends würden die Pausen immer interessanter.

Nach dem Auftakt im kleinen Kreis gibt es schnell eine Portion Kohlenhydrat: Einen Teller mit weich gekochten Nudeln in einem Imbiss in der Steinen. Um 19 Uhr dann geht die Tour los, zuerst die Beizen, später die Keller. In zügigem Tempo marschiert die Vierergruppe zum Aeschenplatz, über Räppliberge, quer durch Pfyffer und Tambouren.

Doch vor dem Auftritt: Warten im Plastikzelt und unter einem Wärmestrahler. Dazu gibt es gespritzten Weissen. Die Verwandlung in die düsteren Die Aabrennte passiert rasch. Die roten Lämpchen im Hut anzünden, das Larven-Hut-Kombinat auf den Kopf setzen. Jetzt wird nicht mehr gewitzelt, sondern die letzten Vorbereitungen stehen an: Wie sitzt meine Larve? Wie sieht die Bühne drinnen aus? Wer geht zuerst rein, Gitarrespieler oder Helgenträger?

Und dann fackeln Die Aabrennte beinahe das Restaurant ab: Nach dem Auftritt im Keller entflammt eines der Streichholzbrieflein im Sack. Kurze Aufregung und ein Adrenalinschub, doch angebrannt ist nichts. Danach geht es schnurstracks weiter, die nächste Bühne wartet.

Eigentlich hätten sie ja gar keine Verpflichtung an diesen drei Tagen, erklären die vier Bänggler. Trotzdem ist das Programm dicht gepackt zwischen 19 und 24 Uhr. Es sind alles Beizen, in denen «man sich zeigen sollte». Auch Radio und Fernsehen sollten abgedeckt werden, schliesslich will man gehört und gesehen werden.

Beim Hintereingang der Brasserie Baselstab ist einiges los. Drei Bängg stehen schon an, drinnen wartet «Telebasel». «Mir sinn zerscht gsi», ruft von hinten einer im Jägerkostüm. Doch die Schnitzelbangg-Sänger werden der Reihe nach durch die Küche geschleust, vorbei an rotierenden Köchen und herumfliegenden Pouletbeinen, die klatschend wieder in den Bratpfannen landen. Unter die Scheinwerferstrahlen. Das Publikum lacht und klatscht, vergisst einen Moment lang das fünfgängige Menü.

Nach dem dritten Auftritt straffen Die Aabrennte ihr Programm. Martina Hingis fliegt in dieser Runde raus, genau wie -minu. Blocher ist ein sicherer Lacher und bleibt drin, Ospel vorläufig auch. Etwas später werden Mick Jagger und Keith Richards suspendiert, weil sie zu wenig Applaus einbringen. Neben den obligaten SVP-Figuren bleibt nur noch Carla Bruni bis zum letzten Vortrag im Rennen. Diese Dame hat auch einen entscheidenden Vorteil: Nackt räkelt sie sich auf dem Helgen.

Zwei Waggis und ein Ueli Bier später stehen die Häuser etwas schiefer, die Strasse ist schon nicht mehr so eben, und die Menschen scheinen sich irgendwie unkontrollierter zu bewegen. Trotzdem marschiert das Gespann zielstrebig zum nächsten Auftrittsort, die Larven unter den Arm geklemmt.

Im Basilisgge-Keller um 2 Uhr lacht niemand. Sang- und klanglos gehen die ausgetüftelten Pointen unter, die vermeintlichen Zuhörer sind mit sich selbst beschäftigt, der Schlussapplaus ist sehr verhalten. Mit hängenden Köpfen steigen Die Aabrennte die Holztreppe wieder hoch, das Selbstvertrauen sinkt gegen Null. Jetzt schnell in eine andere Beiz, neues Publikum muss her, das die nötige Energie liefert, um die Nacht durchzuhalten.

Vor dem Heuberg 40 wird beratschlagt: «Sölle mir do yne goh?» «Wänn die uns höre?» Wahrscheinlich schon, entschliesst man sich. Bereits beim Eintreten klatschen die Leute und rufen «Ändlich, e Bangg!» und «Zeige!»

Beschwingt marschiert das Gespann draussen durchs farbenprächtige Gewühl, voran der Helgen, dann die Gitarre. «Kömet, jetz mache mir e Seich», ruft einer der Truppe. Von einem hinreissenden Lächeln und ein paar Augenaufschlägen lassen sich Die Aabrennte zu einem Spontan-Konzärtli auf der Strasse verführen. Natürlich bleiben die beiden Damen, denen der Auftritt gebührt, nicht lange die einzigen Zuschauerinnen.

Auch Pierrot hat sich dazugesellt, kostümiert als rotes Schweizer-Schaf. Zusammen mit den vier Männern von Die Aabrennte wird der voll besetzte Sans Gêne-Keller überfallen: Banggüberfall! Abwechslungsweise singen sie ihre Verse, wobei sich Pierrot in dieser frühen Morgenstunde eindeutig besser hält – mit seiner langjährigen Erfahrung hat er den Aabrennte, die diesmal erst zum fünften Mal dabei sind, einiges voraus.

Um 4.30 Uhr, in der Bar des Hotels Basel, geht es nicht mehr ums Singen, jetzt ist die Zeit der grossen Verbrüderung. Einzelne Mitglieder von Cliquen, halbe Bängg und andere Nachtgestalten treffen sich, um gemeinsam anzustossen, sich mit «mein lieber Freund» zu begrüssen und sich zu umarmen – vielleicht etwas fester als üblich, denn diese Freunde hat man ja nur drei Tage lang.

Ein vierstimmiges Ständchen widmen Die Aabrennte der blonden Bardame. Kurz darauf singt diese selber los, begleitet von zwei Bangg-Gitarristen, die nun auf Blues eingestimmt sind.Ein roter Teufel schmettert ein Trommelsolo für die in den Sessel hängenden Gestalten, so dass die hohen Fenster zittern – nur die Realität, die dringt hier kaum mehr durch. Doch um 5.30 Uhr ist die Nacht zu Ende. In der Hasenburg ist schon aufgestuhlt, die Türe abgeschlossen und Die Aabrennte singen zum Schluss: «Schön, dass du da bist, weisch, mir hänn e son e Freud und Tschüss!»