Ein Hauch von Edinburgh im Neandertal

14. Januar 2007 | Von | Kategorie: Nachrichten

«Applaus, Applaus, Applaus!» Die erste Artistennummer gelingt. Und zwar bevor das Programm offiziell angefangen hat. Gleich tausendfach. Platzbezug im Ueli-Zirkus ist eine Zirkusnummer für sich. Wer sitzt, will gar nicht mehr weg. Kann in der Regel auch gar nicht. «Im Mimösli ist es auch nicht anders», beruhigt ein Ueli. Seitenhiebe gibt es in den folgenden viereinhalb (!) Stunden noch viele – gegen alle und jeden. Gewinnen tun am Ende jene, bei denen die Zeit eigentlich stehengeblieben ist. Und das lässt sogar die Prominenz in der Manege zu einer Polonaise mitreissen. Ja, so lieben wir es: das Ueli-Bryysdrummle. Doch schön der Reihe nach.

Das Ueli-Bryysdrummle gibts nur zirka alle acht Jahre, erstmals 1976, als die «Wilden» vom Offiziellen Preistrommeln des Fasnachts-Comités ausgesperrt wurden. Zur fünften Aufführung haben die Ueli 1356 – äxgysi 1876 – ins Zelt des Cirkus Gasser Olympia aufs NT-Areal geladen, der Reinerlös des Benefizanlasses kommt dem Jugend-Circus Basilisk zugute. «Nur-Trommeln-Areal» heisst das, klärt Leo (Daniel Buser, die eine Hälfte des Duos «Touche ma bouche») auf, nachdem er sein Baseldytsch-Värsli zum Besten gegeben hat – «nicht von Carl Miville, nein, am Vorabend selbst geschrieben», wie er betont. Und das erst noch in einer Fremdsprache, ist Leo doch unüberhörbar Baselbieter. Dennoch besitzt Leo, der «Lead Executive Officer», einen prallgefüllten Rucksack an Vorfasnachtserfahrung. Vom «Chirsifurzerli», dem «Nundebuggeli», als Stör-Waggis im Leimental, als Krüppel an der «Hinggedde» – und an der «Schleegledde» im Pronto-Shop in Liestal. Nur in Basel durfte er noch nie ran… wobei… ist das NT-Areal emänd doch auf deutschem Boden?

Bevor Leo allzu sehr ins Sinnieren gerät, gesellt sich Mäni (Roland Suter, die andere Hälfte…) zu ihm. Er, der an der Horburgstrasse eine 2 1/2-Zimmer-Wohnung bewohnt, mimt den Scheuen, schiesst aber – bildlich gesprochen – aus dem Handgelenk. «Die Prominenten-Jury versteht nichts vom Trommeln. Die sind einfach prominent. Darum sind sie da.» Ja, das sind sie: Während Bettina Dieterle, Caroline Rasser und Karli Odermatt den lokalen Charakter unterstreichen, sorgt der Vierte im Bunde unter der Zeltkuppel ein erstes Mal für Begeisterungsstürme. Emil ist da. Emil Steinberger. Und das bestens gelaunt, mit feinem Sinn für die baslerisch-luzernische «Fasnachts-Freundschaft». Auch eine Fachjury gibts: Mit Ivan Kym, dem x-fachen Trommelkönig aus dem «weisssockenaargauischen Möhlin», Hans Kiefer, einer Ueli- und Trommellegende schlechthin, und Silvia Haefeli-Otter – weibliche Power aus der Trommel-Dynastie. Allzu viel zu tun bekommen sie nicht. Bei einigen der 13 folgenden Nummern spielt das Trommelhandwerk nur eine untergeordnete Rolle. Danke, Cäsar (Walo Niedermann, er hielt bereits im Vorfeld und hält jetzt hinter den Kulissen alle Fäden des Abends exzellent in der Hand) jedenfalls, für den engagierten Versuch, das Bewertungssystem zu erklären. Wens wirklich interessiert, ruft am besten die Ueli an. Fair ist der Wettkampf auf jeden Fall, sitzen doch keine Verwandte der Teilnehmenden in der Jury: «Das ist nämlich nur am Offizielle Brysdrummle zugelassen», so Cäsar.

Ja – und so kommt es, dass nach 50-minütiger (!) Einführung der Wettbewerb bereits startet. Und wie: «The Bijous», sorgen für ein regelrechtes Feuerwerk: «Edinburgh 2009» beinhaltet auf Schlegeln pfeifende Trommler, einen Harley-fahrenden Ueli und Tambouren, die in Skischuhen stecken, die auf Ölfässer montiert sind. Noch Fragen? Herrlich, dann «dr Grien Hund», der seinem Namen alle Ehre macht und durch die Manege flitzt. «Den schnellsten Grien Hund, den ich je gesehen habe», sagt Mäni. «Und vorallem der Schlankste.» Und Karli ergänzt: «So grün im Gesicht habe ich jeweils am Fasnachts-Donnerstag ausgesehen…» Die Mischung aus Genialität, Absurdität und Überflüssigkeit nimmt ihren Lauf: «Le due stupidi» (mit Variationen des «10. Värs» auf einem Bagger), «Drum Steps» (eine in Zusammenarbeit mit dem Jugend-Cirkus Basilisk gesteppte Retraite – Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Ridicule sind wirklich rein zufällig…), «Die glorreichen Zwei» (letschtemänd mehr Revolver- denn Schlegelhelden), «Dirks Tierschau» (ein barbarisches Vergnügen mit viel Getröt), «Huba Buba» (die ultimativen siamesischen Trampolin-Trommler, natürlich mit dem «Ueli»), «Ueli-Narre» (die Nummer «Vom Narr zum Ueli» reicht übrigens – dies nur am Rande erwähnt -, um im vor dem Zelt aufgebauten Artisten-Toiletten-Wagen die Blase zu erleichtern und währenddessen scheinbar nichts zu verpassen), «005» (eine faszinie-, nein, fluoreszierende weibliche Wiederauferstehung der Schlegelwurf-Pioniere) und eine obligate Pferdedressur (mit Trommelhunden).

Aufs Podest schaffen es schliesslich, soviel steht kurz vor Mitternacht fest, folgende drei Nummern: «Lipoldio». Die Saubermänner der Fasnacht zersägen Pfeifer, provozieren Trommler und entpuppen sich schliesslich als Negro Rhygass, die das Zelt schränzenderweise zum Erzittern bringt. «Politisch nicht ganz korrekt», befindet Mäni, doch Bettina Dieterle beschwichtigt: «Wahrscheinlich hat die Zeit einfach nicht gereicht, um alle Guggemusiker zu zersägen…» Die «Butzedde» ist mit «Gugge di Gugge» niemand Geringeres als die erste A-Capella-Fasnachts-Boygroup: «Kikerikiiiiischtooo!» So dass noch die absolute Überfliegernummer des Abends übrig bleibt, die gleichzeitig noch für Gesprächsstoff sorgen dürfte. Hat das Top Secret Drum Corps seine viel bejubelten Auftritte in Schottland nur abgekupfert? Gab es diese Choreografie schon 30 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung? Eindeutig ja. Die «Neandertaler» beweisen es. Und lassen nur ein Fazit zu: Top Secret war gestern.

Weitere Fotos vom Ueli-Bryysdrummle gibt es in unserer Fotogalerie.