Wie heisst das Sprichwort: Nach dem Drummeli ist vor dem Drummeli? Nein. Mitnichten. Nach dem Drummeli ist die Zeit der Abrechnung. So auch gestern. Kurz vor 22.45 Uhr. Messe Basel. Über 1000 Aktive sind in den drei Stunden zuvor über die Bühne des Grossen Festsaals geschleust worden. Etwa ähnlich viele Fasnachtskenner und natürlich auch «-innen» verlagern jetzt ihre Diskussionsrunden von den schlauchartigen Tischreihen ins proppenvolle Foyer, wo hie und da ein Bierspritzer auf der noblen Abendgarderobe landet. Und zumindest in einem Punkt ist sich die – rechne! – 2000-köpfige Fachjury einig: Ein Spitzen-Jahrgang ist das Monstre-Trommelkonzert – vulgo Drummeli – 2008 nicht. Aber: Spitzen-Darbietungen gibts sehr wohl.
Die Leistungsschau der fasnächtlichen Formationen bietet in diesem Jahr 19 Stammvereinen, einer Trommel- und Pfeiferschule einer Jungen Garde (cool!), zwei Comité-Bängg (saggstargg!) und einer juhubilierenden Gugge (félicitations!) eine Plattform. Sie alle setzen sich heute längst so ins Bild, wie es im altehrwürdigen «Kiechli» zu überschwänglichen Kritiken gereicht hätte – sie alle haben gelernt, mit der überdimensional grossen Bühne umzugehen. Arbeiten mit Projektionen. Integrieren Marschelemente. Lassen ihrer pyromanischen Ader freien Lauf.
«Das Drummeli 2008 verbreitet ein wenig Zirkus-Atmosphäre», versprach das organisierende Fasnachts-Comité im Vorfeld – doch der rote Faden, eine eigentlich gute Idee, franselt leider schon rasch aus. Nur wenige Auftritte sind der übergeordneten Thematik zuzuordnen, was sich bereits bei den Giftschnaigge abzeichnet, die zusammen mit der Pierrot-Clique deren Jubiläumsmarsch «Pierrissimo» intonieren. Bärenfellmützen und einen Flitzer (nicht den letzten heute Abend…) gibts stilecht bei den «Brite» der Märtplatz-Clique. Einen ersten Höhepunkt setzt die Trommel- und Pfeiferschule der Jungen Garde des jubilierenden Olympia-Stamms: Rhygass gegen Gryffegass. Grosse Schule! Sprung über den Teich: Die Zeit für den Fussmarsch durch die Prärie verkürzt sich der Barbara-Club mit dem «Yankee», während uns die Rootsheere – den Jetlag noch in den Knochen – sogleich in hiesige Gefilde zurückführen. Der «Elfer» ist (Drämmli-)Bühnenbild und Marsch zugleich. Noch bevor das Gefährt ins Tramdepot versorgt wird, geht die Reise weiter in den Süden: Knackige Reben tragen einen rassigen «Boccalino» vor – das rotblaue Dekor beim Wiehlmys-Auftritt hat für einmal nicht lokalen Fussballbezug…
Kanonen, Rauch, eine Guillotine: Die (Zeit-)Reise führt jetzt nach Frankreich. Die Versoffene Deecht reichern den «Sambre et Meuse» – ganz revolutionär – mit der Marseillaise an. Die französische Nationalhymne gibts dafür gleich im Doppelpack: Der Central Club Basel lässt mit dem «Chauvi» die «Euro 08» im Schnelldurchlauf stattfinden – nach zweitem Flitzer, Kebab-Verkäufer und italienischem Catenaccio heissts schliesslich «Le coq est mort». Fortsetzung im Juni… Der «Hofnaar» steht bei den Opti-Mischte zuerst in der Bütt und wird dann sehr schön vorgetragen. Auf Plateauschuhen (verletzungsfrei!) lassen die «Naarebaschi» ein ABBA-Medley erklingen – Prädikat: «Thank you for the music!» Nach amerikanischer Prärie, französischem Schlachtfeld und sonnigem Tessin macht die Drummeli-Inszenierung nun in Schönebuech, Ammel, Lieschtel und Basel Halt – Zeit für den «Landschäftlermarsch» (mit virtuellen Chienbäse) der Verschnuuffer. Bleibt noch Platz für eine rassige «Regimentstochter» der Pfluderi. Formidabel. Vorhang. Pause.
Jetzt wieder Vorhang auf. Für eine Welturaufführung – den «Fyyrvogel», vorgetragen von der Olympia: rassig, sauber, mit hie und da gewöhnungsbedürftigen Melodienbögen – dazu auch optisch wunderheerlig ausgefeilt (die goldenen Olymper-Kessel bleiben im Dunkeln…). Keine Gelegenheit zum Durchschnaufen: Der «Washington Post March» der Basler Bebbi kommt mit voller Wucht – Hammer! Und das musikalische Niveau wird hochgehalten: Die Muggedätscher laden zusammen mit einer Delegation der «Pipes and Drums of Basel» in den Kasernenhof: «Scotland The Brave» ist ein schönes Arrangement des unvergessenen René Brielmann. Auch traditionelle Märsche können durchaus zu Höchstleistungen animieren: Das beweist die 75-jährige Seibi (Applaus, Applaus!), die zusammen mit Myysli, Jungi und Alti Garde die «Route-Symphonie» zum Besten gibt. Zunächst noch zaghaft, da es – wohl nach dem vorgängigen Kasernenauftritt der Muggedätscher – Lärmklagen gegeben hat: «Auch Fasnacht verletzt Lärmgrenzwerte», meint etwa Christoph Nörgeli aus Basel-Ost…
«Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» erlebt mit der Lälli eine regelrechte «Fata Morgana»: Kurz vor dem Verdursten findet der Wüstensohn, wonach er gesucht hat – nein, nicht Wasser, den Lälle-Keenig… Stargast beim Drummeli? Hey, jo! Die Rätz-Clique hat kurzerhand Jimi Hendrix als Tambourmajor verpflichten können und lässt mit dem «Woodstock-Festival» den Geist von 1969 aufleben. Kurze Röcke, muskulöse Beine – die Funken-Mariechen sind da. «Au in Dir schteggt e glaine Schwoob», lässt uns der Dupf-Club wissen. Das rhythmisch-klatschende Publikum schluckt leer. Ertappt. Lacht. Und vom grandiosen Auftritt des Spielmannzugs schlicht begeistert. Kommt den «Aagfrässene» die Ehre zu, mit «Zirkus-Muusig» den musikalischen Bogen des Drummeli 2008 zu Ende zu spannen.
Ein Drummeli 2008, das zudem zwei Bängg erlebt, die sich bereits in Hochform präsentieren. «Die Penetrante» fühlen sich zwischen Niggi-Näggi, Weihnachtsengel und Osterhase hin- und hergerissen und setzen bitterböse Pointen:
Bym Josef isch s no ohni Doping gange
Drum het d Maria unbefläggt empfange
Ohnehin ein Genuss ist der einschläfernde Vortragsstil des «Fäärimaa», der – ebenfalls ohne schwachen Vers – sich rührend Sorgen um die Finanzen von UBS-Chef Marcel Ospel macht. Und noch ein Höhepunkt: die 50-jährige Negro Rhygass! «O mein Papa», schränzen die stadtbekannten Clowns, spannen mit einer Fife-and-Drum-Einlage den Bogen zu anderen Welten – eigentlich «Nit möööööööglich!», gäll, Grock?!
Tja. Dann wären da noch die Rahmenstücke – und Traditionen sollen bekannterweise gepflegt werden. So kommt auch der Jahrgang 2008 textlich sehr bescheiden daher. Lichtblicke gibts einzig beim «Hienerstall», der einen Blick ins Wahlkampfbüro der LDP gewährt. Frei nach Monty Python blicken zudem «4 Glaibasler» auf die gute schlechte Zeit zurück. Skuril. Schräg. Aber im Drummeli-Kontext schlicht am falschen Ort. Eines ist allen Stücken gemeinsam: Die Schlusspointe sitzt nicht. Geradezu peinlich fällt sie bei der «Plauderstund mit –minu» aus, die gleichzeitig aber Beweis dafür ist, dass die schauspielerischen Leistungen des zehnköpfigen Drummeli-Ensembles allesamt überzeugen. Nichtsdestotrotz: Schöner als (bereits) im Prolog («Honi soit qui malama…») bringen auch wir es nicht auf den Punkt:
Vorhang uff zem scheenschten Aggt
S Fasnachtsfieber het ys paggt!
Weitere Drummeli-Impressionen gibt es in unserer Foto-Galerie.



