Drei Sekunden frische Luft

24. Februar 2010 | Von | Kategorie: Nachrichten

Eigentlich fristet das Räppli ein trauriges Dasein. Schon die Geburt ist unsanft: Eine Stanzmaschine drückt mit aller Gewalt auf das Fleckchen Papier – vielleicht hat das Räppli da schon eine Ecke ab. Dann beginnt ein Herumgeschubse, bis das Räppli mit Tausenden anderer Leidensgenossen in einen Plastiksack gepackt ist. Womöglich landen noch Dutzende Säcke auf ihm. Nach Monaten wird das Räppli mehrmals tüchtig durchgeschüttelt, verladen und kommt hoch auf einem fahrenden Ungetüm kurzfristig zur Ruhe. Das heisst, vielleicht kommt es einmal auf die andere Seite zu liegen.

Endlich kriegt es dann frische Luft zu atmen und der Druck seiner Kollegen nimmt ab. Bei seinem Pech wird es von einem ruppigen Waggis weit weggeschleudert, verfängt sich in den Locken einer Kiebitzin, die es über kurz oder lang entnervt mit einem Kamm aufspiesst und in einem Abfalleimer auf einer miefigen Toilette entsorgt. Oder das Räppli landet im Nacken eines Knaben, rutscht ihm den Buckel herunter, bis: «Mami, ich han es Räppli in den Unterhose, das bisst!»

Auch kein schönes Ende ist dem Räppli vergönnt, wenn der Waggis gleich den ganzen Sack auf einmal ausleert. Total verwirrt und orientierungslos flattert es zu Boden, kommt unter die riesigen Räder von Traktoren und gerät danach noch in die Sintflut. Das Räppli wird mit weiteren seiner Leidensgenossen vermatscht, sodass sie bald nur noch eine graue Pappe bilden. Diese wird von einer Wischmaschine eingesogen, dort mit Senf und Ketchup beschmiert und schlussendlich mit viel Zivilisationsmüll verbrannt. Wir wollen aber nicht nur schwarzmalen – obwohl (zu) viele Räppli heutzutage schwarz sind. Die Fasnacht 2010 ist doch «e rundi Sach», und auch das Räppli kann wohlgerundet aus der Stanzmaschine kommen. Ab dann läuft alles rund.

Das Räppli gehört zu den Auserwählten, ist von einem leuchtenden Blau und rieselt in ein kleines Säckchen, in dem es sich wohlig bettet. Es wird sanft hin und her «gewiegelt», bis eine zarte Kinderhand danach greift, liebevoll mit ihm spielt, ihm ein paar Streicheleinheiten gibt, bevor es das Räppli auf einem seidigen Buschischopf platziert.

Das Räppli wird durch die Stadt spazieren geführt, von einem Windhauch auf ein Bänkli geblasen. Dort macht das Räppli, das eh schon 108 Freunde auf Facebook hat, noch mehr Freunde: Kinderhände klauben es auf, lassen es wieder runter flattern, tausendmal – und die Augen der Kleinen strahlen so blau wie das Räppli.

Eine Patschehand streicht das Räppli schliesslich an einem modischen Mantel ab. Von dort rutscht es tief in ein Seitenfach einer Handtasche, wo es auf ein rotes Räppli trifft – und rund neun Monate später, am 11. November, gesellt sich ein violettes Räppli dazu. Ein Happy-End für ein kleines Ding, das Grosse (Männer) zu Kindern und Kleine überglücklich macht.

Weitere Informationen:

Fasnachts-Berichterstattung 2010 der bz auf einen Blick