Die Steilvorlagen der Zürcher

4. Februar 2002 | Von | Kategorie: Nachrichten

Vorfasnachtsveranstaltungen sind untrügliche Zeichen dafür, dass die drei «scheenschste Dääg» nahe sind. Schorsch vom
Haafebeggi II, ein erfahrener Basler
Fasnächtler, äussert sich im bz-Samstagsinterview zur Fasnacht im allgemeinen und zum Ernst der Fasnacht.

bz: Schorsch, haben Sie dieses Jahr
noch nicht genug Fasnachtsluft geschnuppert?


SCHORSCH VOM HAAFEBEGGI II: Ich war ja erst in der 35.Vorstellung
des «Mimösli». Das sind rund zwei
Drittel dessen, was noch vor mir ist.
Wir sind eine solch glatte Truppe, dass
man nie genug Fasnacht haben kann.

Es passiert also nicht, dass Sie sich am
Morgestraich, am 18.Februar, sagen
werden: Jetzt habe ich genug und
bleibe im Bett?


Nein. Denn ich bin ja auch Mitglied einer Gesellschaft, die natürlich auch erwartet, dass ich sie unterstütze, indem
ich mit ihnen unterwegs bin. Zudem
bin ich auch nicht dauernd voll im Einsatz. Am Dienstag werde ich als Vortrab
mit meinem Zug gässle.

Man hat den Eindruck, dass es immer
mehr Vorfasnachts-Veranstaltungen
gibt, die zudem schon früh im alten
Jahr beginnen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?


Betrachtet man den Publikumsaufmarsch an den zahlreichen Vorfasnachtsveranstaltungen etwa in Basel – ­«Mimösli», «Charivari», «Drummeli»­ -,
so hat man nicht den Eindruck, dass es
zuviele solcher Anlässe gibt. Die meisten sind ausverkauft. Beim «Mimösli»
waren die 18000 Billette innert anderthalb Tagen weg.

Ausverkauft -­ wird die Fasnacht also
immer kommerzieller?


Fasnacht war ja immer ein Geschäft.
Etwa für Textilhändler, Kostümschneider, Larvenmacher, Laternenmaler,
Instrumentenhändler ­ und wohl
auch für viele Wirte. Sehr viele Fasnächtler investieren jedes Jahr sehr
viel Geld in die «drei scheenschte
Dääg». Das war eigentlich immer so,
auch in schlechteren Jahren.
Vielleicht waren die Stoffe früher
weniger exklusiv, und das Kostüm war weniger chic. Ich bin
jetzt zum 51.Mal dabei ­- und es
war nie anders.

Hat sich denn in Sachen Fasnacht gar nichts verändert?

Vor 20, 30 Jahren hat man sich
vielleicht noch etwas kreativer an
der Fasnacht betätigt. Viele haben ihre
Larven selber hergestellt, die Laternen
selber bemalt und die Kostüme noch
selber geschneidert. Was völlig verschwunden ist, sind die Fasnachtsanlässe in den Aussenquartieren. Vor Jahrzehnten herrschte im Gundeli, in der
Breiti, in Kleinhüningen reges Fasnachtstreiben. Heute hat sich die Fasnacht sehr stark in die Innenstadt verlagert. Dies finde ich schade. Inzwischen
wird es auch den Wirten dort zuviel. Sie
beklagen sich, sie kämen in dem Gedränge nicht mehr zum Servieren und
machten deshalb zu wenig Umsatz ­
womit wir wieder beim Kommerziellen
wären…

Den Bängglern wird oft vorgeworfen,
es fehle heute an Biss und Courage.
Stimmt dieser Eindruck?


Es gibt sicher Unterschiede. Einige
Bänggler wollen zum Schmunzeln anregen, mit einer gelungenen Pointe, einem Wortspiel. Mir selber, der seit über
50 Jahren dabei ist, reicht dies aber
nicht: Ich will, dass die Leute herzhaft
lachen können. Die politischen Verse
der Schnitzelbänggler sind heute alle
lieb, die Bänggler greifen nicht mehr
mit so spitzem Speer an. Das liegt wohl
an der Zeit; es geht uns allen gut. Die
Kampfmoral gegenüber der Obrigkeit
hat deutlich nachgelassen. Man sagt
die Dinge heute freundlicher, und eher
lustig als bissig.

Und wie ist es mit dem Vorwurf, die
Qualität der Schnitzelbängge habe
abgenommen?


Den Vorwurf habe ich auch schon
gehört. Früher gab es vier, fünf Bänggler pro Jahr, die man sich merkte, und
die auch für mich Vorbild waren. Das ist
aber auch heute noch so. Nur sind die
Leute ­- vor allem wegen des Fernsehens ­- sehr verwöhnt und anspruchsvoll geworden. Sie messen alles am
deutschen Karneval und am deutschen
Kabarett. Und sie überhören die guten
Verse und guten Pointen im eigenen
Umfeld. Kurz: Die Schnitzelbängg sind
nicht schlechter geworden.

Gibt es Themen, über die man sich
nicht lustig macht?


Eigentlich sollte man sich über alles lustig machen dürfen. Bei einigen heiklen
Themen ist es aber schon vorgekommen, dass man die Schnitzelbänggler
angerufen hat, man möge sich bei diesem oder jenem Thema zurückhalten.
Letzlich muss es jeder Bänggler selber
wissen. Ich selber werde sicher keinen
Vers über den 11.September, über
Tote oder über schwere Unglücksfälle machen. Man darf aber nicht
vergessen, dass auch die Neigung
Betroffener zunimmt, Schnitzelbänggler und Kabarettisten mit
Ehrverletzungsklagen für künftige
Scherze zum Schweigen zu bringen. Solche Versuche gehen auf
Kosten der Bissigkeit, zweifellos.

Ein fester Bestandteil der Basler Fas-
nacht sind die alljährlichen Seitenhiebe Richtung Zürich. Fällt einem
Bänggler dazu überhaupt noch etwas
Neues ein?


Das ist ja nicht unbedingt böse gemeint.
Aber wir Basler können doch nichts
dafür, wenn die Zürcher uns jedes Jahr
rechtzeitig eine Steilvorlage liefern.

Die Grundelemente der Fasnacht
kennt man. Gibt es da auch Raum für
neue Formen?


Die Fasnacht hat eine lange Tradition.
Sie ist ein Kulturgut. Daran wollen vie-
le aktive Fasnächtler nicht rütteln.
Dafür habe ich auch Verständnis. Ganz
neu in seiner Form erscheint mir seit
zwei, drei Jahren das «Charivari». Dort
versucht man mit Erfolg, neue Formen
und Elemente in die Fasnacht hineinzubringen. Gezeigt werden auch traurige oder besinnliche Seiten. In den
Kritiken hat das «Charivari» beste No-
ten erhalten. Dieser Mix aus Heiterem
und Ernstem ist beim Publikum offen-
bar sehr gut angekommen.

Sind auch Guggen als neue Elemente
der Basler Fasnacht zu verstehen?


Inzwischen gehören Guggen zu den
festen Bestandteilen. Es gibt sehr viele
Guggen, für viele sind es bereits zu viele. Aber mit der Fasnacht ist es wie mit
den Olympischen Spielen: Mitmachen
ist wichtig. Das Problem hat damit angefangen, dass Beizer angefangen haben, Guggen einzuladen, wo wir
Schnitzelbänggler bereits vertraglich
verpflichtet waren. Zeitlich ist es dann
schwierig, dass die Bänggler ihre Verse
singen und die Guggen ihre drei oder
vier Stücke spielen können.

Es scheint, die Fasnacht bietet kaum
mehr Raum für Spontanes?


Ohne eine gewisse Organisation lässt
sich ein solcher Grossanlass mit internationaler Ausstrahlung wie die Basler
Fasnacht nicht mehr durchführen.
Deshalb müssen diverse Guggenverbände -­ FG-Gugge, IG Gugge -­ die Auftritte der einzelnen Guggen organisieren. Ähnlich verhält es sich ja auch mit
den Bängglern.

Ist die Basler Fasnacht zu erfolgreich
geworden?


Die Basler Fasnacht ist wohl auch in einem gewissen Sinne «Opfer» ihres Erfolges geworden. Sie ist in der ganzen
Schweiz, ja in ganz Europa bekannt.
Zahlreiche Fernsehstationen bemühen
sich jedes Jahr um Aufnahmen. Diesen
geeignete Standorte und Lokale zu bieten, erfordert eine gewisse Organisation. Grossen Raum für Spontanes bleibt
da kaum. Hingegen viel Spontanes, viel
Kreativität erlebt man etwa in Basel an
der Kinderfasnacht. Hier sind Familien
mit Kindern dabei, die sonst gar nicht,
oder nicht mehr, Fasnacht machen.
Hier wird noch vieles selber gemacht.
Am Dienstag sieht man am Nachmittag
deshalb auch Supersachen.

Wenn man die Fasnacht von aussen
betrachtet -­ Organisation, geregelte
Abläufe, festgelegter Cortège -­ so erhält man den Eindruck, dass Fasnacht
keine lustige Sache ist. Auch auf Kritik
reagiert man oft unwirsch. Warum
fehlt Fasnächtlern oft die Fähigkeit,
Kritik mit Humor zu nehmen?


Weil die Fasnacht tatsächlich eine ernste Angelegenheit ist. Denn die Fasnächtler bereiten sich während Monaten ernsthaft auf die tollen Tage vor. Sie
üben regelmässig, feilen an den Bängg
oder bauen an den Wagen. Man ist mit
viel Engagement, Herzblut und Emotionen dabei. Und auch das Gässle ist
kein Schenkelklopfer-Anlass. Hier unterscheidet sich die Basler Fasnacht etwa von der deutschen Fasnacht oder
auch Fasnachten in der übrigen
Schweiz, auch in der Nordwestschweiz.
In den Dörfern und Stedtli, so habe ich
festgestellt, dominieren in der nächtli-
chen Fasnacht die Guggen.

Nach den Anschlägen in New York und
Washington erscheint Besinnlichkeit
durchaus am Platz. Einige empfehlen
sogar, deswegen ganz auf die Fasnacht
zu verzichten. Was halten Sie davon?


Gar nichts. Die Fasnacht bietet vielen
Menschen die Möglichkeit, für einige
Stunden und Tage den Alltag zu vergessen, etwas Abstand zu gewinnen
von Schreckensmeldungen aus aller
Welt. Es hat sich ja schon während des
Golfkriegs 1991 gezeigt, dass ein Verzicht auf die Fasnacht nicht populär
ist. Wer es nicht passend findet, Fasnacht zu machen, kann ja immer noch
den diversen Anlässen, vom Morgestraich über den Cortège bis zu den
Schnitzelbängg, fernbleiben.