Die Fasnachts-Blaggedde als Zeitspiegel

25. Januar 2007 | Von | Kategorie: Nachrichten

Kaum ein Festabzeichen in der Schweiz geniesst den Stellenwert wie die «Blaggedde». Sie wurde über viele Jahre zum einem Kultobjekt, das gesammelt und gehandelt wird wie numismatische oder philatelistische Spezialitäten. Zwar gibt es Publikationen über die Basler Fasnachtsplakette. Doch dabei handelt es sich grösstenteils um reine Bilderbücher ohne erklärenden Begleittext. Nun ist im Friedrich Reinhardt Verlag das Buch «Basler Fasnachtsplaketten – Zeitspiegel 1911-2007» erschienen. Autorin ist Corina Christen. Die begeisterte Fasnächtlerin wurde 1999 als erste Frau ins Fasnachts-Comité berufen. Gestern Abend wurde das gelungene Werk im Refektorium des Museums Kleines Klingental vorgestellt.

«Zwei Knacknüsse standen am Beginn des Projekts», so Freddy Rüdisühli vom Friedrich Reinhardt Verlag einleitend. «1. Welcher Autor soll es schreiben? 2. Woher für den Fotografen eine komplette Sammlung nehmen?». Mit Corina Christen und einem nicht genannt sein wollenden Kollegen wurden beide Fragen beantwortet. Obwohl weder aktiver noch passiver Fasnächtler ist Rüdisühli ein grosser Fan der Blaggedde. Und viele Fasnachts-Mottos passen seiner Meinung nach auch auf die Buchproduktion: «S pressiert» (1929), «Mer strample» (1998) und «Dr Schuss isch duss!» (2001). Und dann hoffe man, dass es am Schluss nicht heisst: «Numme Schutt und Gröll» (1992).

Begonnen hat es im April 2006, erzählt Corina Christen. Neben Gesprächen mit den Künstlern entdeckte sie im Staatsarchiv und im Comité-Archiv manches Kuriosum. So entstand zu jedem Jahrgang – von 1911 bis heute – eine eigene Geschichte. Denn die Blaggedde ist ein Spiegelbild des thematisierten Zeitgeschehens, sei es beispielsweise die Wirtschaftskrise 1932 oder die beiden Weltkriege. Besonders interessant die Geschichte jener Blaggedde von 2002, welche nach dem Terroranschlag auf die Twin Towers vom World Trade Center in New York zurückgezogen wurde. Im Buch ist sie nun erstmals zu sehen. Doch auch Aspekte wie Etymologie, Symbolik oder Spezialitäten des Basler Dialekts werden beschrieben.

In gewohnt launiger Versform hielt Comité-Obmann Felix Rudolf von Rohr die Laudatio:

Liebi Vernissage-Gescht, liebi Corina

Wenn z Baasel d Fasnacht wider an dr Diire glopft,

wenn Larvelagg und Lampefaarb vom Bämsel dropft,

wemme sy Schreyholz butzt und au dr Kiibel schränggt,

und s Lieblingsgoschdym zem Verluften uusehänggt,

wenn s Fieber styggt und s in de Bebbi-Ränze gäärt,

denn het d Blaggedde ganz e bsundere Stellewäärt.

Syt 1911 wird si jetz nämmlig pfläggt,

als Kinschtler-, Sammler-, Nostalgyy- und Kunscht-Objäggt.

D Blaggedde isch nit aifach Bläch. Sy het e Gsicht.

Symbolik het si, e Charakter und e Gschicht.

E Gschicht, wo d Gschicht beschrybt vo dääre Stadt am Rhy.

Wemme die Sammlig aaluegt, merggt me nämmlig glyy,

wie mängge Joorgang Gaischt und Zyt esoo beschrybt,

dass fir d Erinnerig is ebbis iibrig blybt.

Dass mee als numme Gfelligkait derhinter steggt,

het dr Verlaag vo s Reinhardt’s gottseidank entdeckt,

und feschtgstellt, dass im Baasler Faasnachtsbiecher-Schaft

in dääre Spaarte non e groosi Lugge klafft.

Me het derno e Fachmaa/Schreegstrich/Daame gsuecht

und – was mii bsunders frait – d Corina Christen buecht.

Sii het in mänggem alte, ghaime Faasnachts-Hort

in de Erinnerige umenanderboort,

im Staatsarchiv, bi Kinschtler – und zem guete Gligg

het sii nadyrlig au en Aarächt uff e Bligg

in alli alte Dokumänt vom Comité.

Und, was jetz uusegluegt het, losst sich wirgglig gsee.

Das Buech stellt iber glyy emol scho hundert Joor

d Blaggedde und au s ganz Drummumme dääwääg voor,

dass me nit numme scheeni Helge bschaue duet,

sondern bi jeedem Joorgang süffig gschriibe, guet

und gäärn e soo vyyl Informatioone griegt,

dass sich denn alles zämme zem e Ganze fiegt,

e Huuffe, wo me noonig gwisst het, aim verzellt,

und unser Medaillon uff e verdiente Soggel stellt.

Drum, kurz und guet, es isch e Zytgschicht-Dokumänt

und gheert in jeedi Sammlig Faasnachtsbiecher-Bänd.

Drum deerf i gäärn hit an däm triebe Winterdaag

e Riise-Komplimänt usspräche an Verlaag

fir die Idee, fir d Arbet und firs Risiko,

und an d Corina: Sii het d Arbet uff sich gnoo

und zitteret, ob s wirgglig zyttig fertig wuurd.

Doch jetz sinn alli Zwyyfel und Bedängge fuurt.

Das Buech isch ändlig doo und s hebbt, was es verspricht.

Und doo dermit kumm i zem Änd vo däm Gedicht.

Will ich wie Sii doo alli uff e Gleesli waart.

Blaggedde-Buech: I wintsch dr ganz e guete Staart!

Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage mit einem rassigen «Calvados», einem munteren «Ueli» und einem jubilierenden «Wettstai-Marsch» von der Museumsgrubbe.