«Vorwärts marsch», brüllt der Tambourmajor. Das Löwenrudel setzt die Schlegel an und setzt sich folgsam in Bewegung. Aufgeschreckt dadurch werden zwei Waggis, die aus ihrem Wagen auftauchen, dem sie für den Cortège den letzten Schliff geben.
Auch sonst herrscht emsiges Kommen und Gehen in der Riehentorstrasse. Bei der Schlebach AG drängen sich die Kundinnen und Kunden; sie sprechen Holländisch und kaufen Schlegel. Da tritt ein Fasnächtler herein, in jeder Hand eine Trommel. Er begrüsst alle wie alte Bekannte. Dabei müsste ihm alles andere als freundlich zumute sein. Seine Trommel sei heute Morgen gestohlen worden, erzählt er. Nun habe er seine alte Trommel dabei, die jedoch ein neues Fell brauche. Er verschwindet mitsamt Trommel hinten in der Werkstatt.
Bei der Schlebach AG ist man sich solche Notfälle gewohnt. Drei «Doktoren» kümmern sich um die Instrumente. Der eine schnappt sich den neuen Patienten, die anderen sitzen an Maschinen, tragen dicke Handschuhe und schränken zwei weitere Patienten. Das Schränken, das Nachziehen des Seils, gehört zu den meisten «Leiden», weswegen die «Doktoren» an den drey scheenschte Dääg notfallmässig aufgesucht werden.
Geschäftsführer Peter Ammann weiss, dass sich viele Tambouren auf die Fasnacht hin neue Trommeln leisten. Diese würden sich gerne dehnen, weshalb das Seil nachgezogen werden muss. «Das ist in einer Viertelstunde gemacht», sagt er. Eine halbe Stunde gilt es einzukalkulieren, um ein kaputtes Schlagfell auszutauschen.
50 Patienten pro Fasnachtstag sind der Durchschnitt. Es könne auch passieren, dass sich die Saiten unten an der Trommel lösen. Eine Blitzoperation sei das. Ebenfalls im Nu ist ein gerissenes Tragriemli ersetzt.
Vor dem Morgestraich sei der Ansturm jeweils gross, erzählt Ammann. Dann erst würden manche Tambouren feststellen, dass etwas mit der Trommel nicht stimmt. Nach dem Cortège kämen jene, die mit dem Instrument nicht zufrieden seien.
Dieses Jahr dürfte das Leiden nicht ganz so gross sein, meint der Fachmann: «Je schöner das Wetter, desto eher geht etwas kaputt, weil mehr getrommelt wird und weil zudem Kalbfelle zum Einsatz kommen, die schneller kaputt gehen.» Bei nassen Verhältnissen hingegen kleben die Saiten an der Trommel. Dies verleihe dem Instrument einen anderen Ton, weshalb viele den Gang zum Doktor machten.
Die «Ärzte» brauchen übrigens viel Kraft. «Trommeln zu schränken, ersetzt einem das Fitnessstudio», schmunzelt Rolf Schlebach in der Werkstatt. Das Schmunzeln wird zu einem Lachen, als ein Kunde herein gestürmt kommt und Schlegel verlangt, weil er seine im Büro liegen gelassen habe. Da schiebt sich ein weisses Goschdym in den Laden: Sein Tragriemli ist gerissen . . .
Orts- respektive Praxiswechsel: In der Spalenvorstadt macht sich eine Gugge schränzbereit. Sie übertönt für einen kurzen Moment die Glocke, die bei Musik Oesch nonstop klingelt. Aber auch die Flamme in der Werkstatt kommt nicht zum Erlöschen. «Doktor» Erwin Oesch schaut hier vor allem dazu, dass die Patienten optimal gepolstert werden.
«Guete Daag», grüsst ein «Sperber» in die Runde. «S Mayeli het e Bölschterli verlore», sagt er zu Oesch und überreicht ihm ein Piccolo. «Dangg dir höflich», meint er artig und entschwindet. Der Doktor macht sich sofort an die Heilung. Er reinigt das Instrument, montiert die Klappe ab, in den Halter füllt er Schellack, lässt diesen über der Flamme flüssig werden, klebt das Polster darauf und montiert die Klappe wieder an. Mit einem Plättli, das er mit der Zunge befeuchtet, kontrolliert er, ob die Klappe richtig aufliegt. Es braucht ein paar Korrekturen – dafür hat er einen langen Nagel am kleinen Finger –, bis es perfekt ist. «Hier kommt es auf Tausendstel Millimeter an», lächelt der Fachmann. Er prüft danach, ob alles dicht ist und probiert zum Schluss das Piccolo höchstpersönlich aus. «Man muss spielen können, nur so merkt man, ob wirklich alles stimmt.»
Solch ein Piccolo zu reparieren, sei relativ leicht, meint Oesch. Es habe nur sechs Klappen und kleine Löcher. Am häufigsten müsse er Pölsterli ersetzen. Dafür benötigt er keine zehn Minuten. Ab und zu breche eine Feder. Fällt das Instrument runter, könne schon mal eine Mundplatte kaputt gehen.
Da erblickt Oesch einen Kunden, schnappt dessen instandgestellte Piccolos, bringt sie ihm und erklärt, was getan werden musste. «Bin ich froh», erklärt der Kunde, und eilt von dannen.
Da das Material der Instrumente heutzutage sehr gut sei, habe das Wetter nicht grossen Einfluss auf den Zustand der Piccolos, weiss Oesch. Auch die Polster würden rund zehn Jahre halten. Trotzdem musste er alleine schon am Montag an die 100 Patienten behandeln.
Nicht nur Piccolos landen bei Musik Oesch. Guggen-Instrumente gehören ebenfalls zu den Patienten. Abgerissene Sousaphon-Bögen, Zugposaunen, bei denen Teile abgefallen sind, Trompeten, bei denen die Ventile klemmen: Um all diese kümmert sich ein weiterer Spezialist. «Bei den Guggen herrscht an der Fasnacht halt Chaos, und da fallen Instrumente gerne runter, erhalten Beulen oder ähnliches», erzählt der Blechinstrumenten-«Doktor».
Inzwischen hat Erwin Oesch das Piccolo von Mayeli geheilt und legt es bereit. «Es ist wieder okay, s Mayeli darf glücklich sein», grinst er – und schon liegt der nächste Patient auf seinem Operationstisch . . .



