Was hatten die Meteorologen nicht alles vorhergesagt: strömenden Regen, sogar Minustemperaturen und Schneefall. So mancher Blick galt an diesem Morgen zuerst dem Himmel. Und siehe da: Sternenklar war’s, als man in aller Herrgottsfrühe aus den Federn kroch. Frau Fasnacht hatte da in letzter Minute dem Petrus wohl noch ins Gewissen geredet.
Um halb vier ein erster Augenschein in der Innerstadt: Ab jetzt gilt die neue Polizeivorschrift, nach der das Beleuchten von Schaufenstern während des Morgestraichs nicht nur äusserst unerwünscht, sondern schlicht verboten ist. Zuwiderhandelnde laufen Gefahr, von der Staatsgewalt aufgespürt und per Telefon zum Abschalten beordert zu werden. Doch siehe da: Auch in der Gerbergasse leuchten nur noch die Strassenlampen.
Langsam füllen sich die Strassen und Gässlein mit Menschen. Neben Baseldytsch sind auch Hochdeutsch und zahllose weitere Sprachen aus allen Winkeln des Globus zu hören. «Are you afraid?» fragt eine Dame ihren Partner, als es langsam gegen vier Uhr zugeht.
Die Spannung steigt. Alle Cliquen stehen zum Abmarsch bereit, im Publikum wird immer öfter auf die Uhr geschaut. Als mit dem Vieruhrschlag die Lichter der Innerstadt erlöschen, geht ein überschwenglicher Aufschrei durch die Menge. Das traditionelle Kommando «Morgestraich, vorwärts, marsch!» wird von der Begeisterung übertönt. Ab jetzt ersetzt das einzigartige Scheinen und Flackern der über 200 grossen Laternen und Tausenden von Kopf- und Stäggeladärne das monotone Licht der Strassenlampen.
Der erste Vers wird im Stehen getrommelt und gepfiffen, dann setzen sich die Züge langsam in Bewegung. Die Basler Bebbi starten vor der Safranzunft. Ihre Laterne hat die Form eines monströsen Hahns; das Sujet: «Dr Matsch(o) isch gloffe: Dr Maa kunnt dra.» Hinterher die Alte Garde, sie hat sich Astronomisches vorgenommen: «Hallo Bopp». Von der Schneidergasse her kommt die Alte Garde des Dupf-Club: Auf ihrer beeindruckenden Lampe, ganz in schwarz und weiss gehalten, bilden düster dreinblickende Herren menschliche Pyramiden, die zusammen ein Wort formen: «ARBEITSLOS».
Am Spalenberg bilden sich wie so oft die ersten Staus; «rien ne va plus» auch auf dem Rümelinsplatz. Dort steht auch der Stamm der Versoffene Deecht. Ihr Kunstwerk von «Diggi Dö Sä Fall» ist allerdings eher eine beleuchtete Vitrine als eine Laterne.
Sehr störend für die Zuschauer, aber vor allem für die Aktiven unter der Larve ist das fotografische Blitzlichtgewitter, das bei jedem «lohnenden Motiv» einsetzt. Diese gefährliche Unsitte würden wir gerne einmal auf einem ganz besonderen Zeedel finden: den Polizeivorschriften betreffend die Fasnacht.
Gegen fünf beginnen sich die Restaurants und Cliquenkeller zusehends zu füllen – es riecht aber auch gar verlockend nach Mählsuppe und Zibelewaie. Doch heute hält es kaum jemanden lange im Warmen. Wer von der Schneidergasse ins Imbergässlein hinaufblickt, dem kommt vielleicht gerade eine Lichterkette von Kopfladärnli entgegen. Auch nach 6 Uhr marschiert unten am Marktplatz immer noch eine Clique nach der anderen vorbei. Es wird langsam hell, und immer noch sind erst einige Wolken aufgezogen. Merken wir es uns fürs nächste Jahr: Frau Fasnacht wird’s schon richten!



