Da harrte ich also im Restaurant Börse der fasnächtlichen Gäste, die da in grosser Anzahl erscheinen sollten. Als Angehöriger der schreibenden Gilde fiel es mir natürlich nicht so leicht, wie ein echter Kellner zu agieren. Vorerst brauchte ich mein Geschick als Servierer aber nicht unter Beweis zu stellen. Denn am Montagnachmittag kurz nach zwei Uhr herrschte totale Flaute. Die wenigen anwesenden Fasnächtler verloren sich fast in der geräumigen Gaststube. Es sei zu warm draussen, bedauerte Wirt Romeo Grementieri und für dreieinhalb Stunden mein «Chef». Das werde eine ruhige Fasnacht, prophezeite er. Und so lauschte ich also weiter den Klängen der Pfeiffer und Trommler und freute mich an den vorbeiziehenden Cliquen.
Dann – es war irgendwann nach drei Uhr – begannen sich die Tische, für deren Bedienung ich zuständig war, langsam aber sicher zu füllen. Das Abenteuer konnte also beginnen. Zu meinem Kundenkreis gehörte anfänglich eine ungefähr zehn Mann starke Clique. Frauen waren keine auszumachen. Obwohl besagte Clique nicht die Güte hatte, mir ihren ehrenwerten Namen zu nennen, möchte ich einen Achtel meines Vermögens darauf wetten, dass es sich um Rappespalter handelte (sofern es eine solche Clique überhaupt gibt).
Jeder bezahlte nämlich sein Bier oder seine Cola fein säuberlich auf den Rappen genau. Von Bezahlung des Preises der gesamten Runde wollten die Männer nichts wissen. Dass sie mit ihrem Vorgehen dem Servierpersonal zusätzlichen Stress aufbürdeten, liess sie völlig kalt. Ihre Knausrigkeit ging sogar soweit, dass sie gänzlich auf den meistens obligaten Zustupf namens Trinkgeld verzichteten. Selbst mein alter Trick, mir mit der Herausgabe des Rückgeldes ausserordentlich viel Zeit zu lassen, den zu zahlenden Betrag langsam zu wiederholen und nervös in meinem Portemonnaie nach kleinen Münzen zu suchen, fruchtete bei den wackeren Mannen nichts. Jeder rechnete auf den Rappen genau ab. Nach diesem eigenartigen Tun der Clique konnte ich mir eine entsprechende Frage nach dem Warum nicht verkneifen. «Gebt Gott, was Gott gehört; und gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört», zitierte einer der Zehn einen biblischen Satz mit fasnächtlich-tierischem Ernst. Nach diesem Prinzip aus dem Buch der Bücher handle die Clique, und wem das nicht passe, der solle den Kellnerberuf an den Nagel hängen, wurde ich fast barsch zurechtgewiesen.
Einige der Gäste mögen es wohl gemerkt haben, dass da kein absoluter Profi-Servierer am Werke war. Wie wäre es sonst zu erklären, dass einer nach Leibeskräften nach einem Kellner schrie, obwohl ich dicht neben ihm stand und ihn freundlich fragte, was er zu trinken begehre. Er könne bei mir etwas Flüssiges bestellen, wiederholte ich noch einmal. Worauf mich besagter Gast mit mitleidigem, weinseligen Blick anschaute und meinte, in der heutigen Zeit brauche es anscheinend nicht viel, um Kellner zu werden. Nur ein Servierplateau müsse einer in die Hand nehmen, einen Lappen darauflegen und ein grosses Portemonnaie im Sack haben. Er verstehe jetzt, warum es um das Gastgewerbe momentan so schlecht bestellt sei, fuhr er mit seinem belehrenden Vortrag fort. Ich müsse das nicht so ernst nehmen, wollte mich einer seiner Kollegen beschwichtigen. Es sei jetzt Fasnacht und da erlaube man sich manchen Spass. Worauf ich als zugewanderter Basler nicht umhin kam einzuwenden, die Basler Fasnacht sei meines Erachtens ein tierisch ernstes Ritual, von Spass sei da nicht viel zu spüren. Ein Nichtbasler solle es bitte bleiben lassen, über die drei schönsten Tage in Basel zu urteilen, wurde ich von einem echten Basler belehrt. Und ausserdem gebe es ja in meinem Heimatkanton – diesen ausfindig zu machen fiel den Fasnächtlern trotz meines ausgeprägten Dialektes äusserst schwer, was mich innerlich belustigte – keine Fasnacht. Oder wenigstens nicht das, was den Namen Fasnacht verdiene. Ein anderer Gast, brav kostümiert, liess mich, nachdem er mein anscheinend amateurhaftes Tun beobachtet hatte, schmunzelnd wissen, in meinem Alter müsse ich halt noch viel lernen, und wenn ich die Arbeit als Kellner noch lange ausüben würde, würde ich mit der Zeit schon noch ein guter Kellner. Weil ich einmal gehört habe, Kostümierte seien an der Basler Fasnacht so was wie Privilegierte, verzichtete ich auf die Entgegnung, die ich schon auf den Lippen parat hatte. Und siehe da für mein weitsichtiges Verhalten sollte ich gleich belohnt werden. Denn besagter Gast drückte mir wohlwollend, so als Entschuldigung quasi, ein ansehnliches Trinkgeld in die Hand, als er das Lokal verliess.
Mit den Trinkgeldern ist es sowieso so eine Sache. Gibt man keines, ist der Kellner unzufrieden; gibt man zuviel, erweckt man beim Servierpersonal den Anschein von grossem Reichtum. So heisst es im Volksmund. Was sich aber ein jüngeres Ehepaar, er Konsumemt zahlreicher Becher Bier, sie Liebhaberin französischer Rebensäfte, erlaubte, muss wirklich unter dem Kapitel exklusive Kuriositäten abgehandelt werden. Die Beiden tuschelten hinter meinem Rücken und diskutierten darüber, wieviel Trinkgeld für einen jungen Mann wie mich angebracht sei. Schliesslich trafen sie, sich wie frisch verliebte Turteltauben aufführend, die weise Entscheidung, zwanzig Rappen seien wohl die beste Lösung, da ich ja meine Sache so schlecht nicht mache.
Die Diskussion über Sinn oder Unsinn beziehungsweise über die Höhe des Trinkgeldes ergoss sich daraufhin auf den Nebentisch. Der Grundtenor an diesem Tisch, ausnahmslos besetzt mit kostümierten Gästen, war klar und deutlich: An der Fasnacht müssten die Gäste mehr Trinkgeld springen lassen als sonst, denn schliesslich müsse das Servierpersonal in den schönsten drei Tagen auch viel mehr schuften. Diese Tatsache schienen sich die meisten Freunde der närrischen Zeit denn auch wirklich zu Herzen genommen zu haben. Denn oftmals gaben die Gäste ihrer fasnächtlichen Spendierfreudigkeit kräftig Ausdruck und rundeten die Preise grosszügig auf.
Die Stimmung am Montagnachmittag war heiter und locker. Deftige Sprüche machten in der «Börse» die Runde. Mancher Fasnächtler verlor seine Hemmungen, wohl nicht zuletzt wegen des reichlichen Konsums von Bier und gespritztem Weissen. Weniger Anklang als die promillehaltige Tranksame fand die legendäre Mehlsuppe. Es sei eben nicht mehr wie früher, wo jeder Beizer seine «Mählsuppe» noch eigenhändig zubereitet habe, zweifelte ein älterer Herr ein wenig an der allgemeinen Qualität dieser typischen Fasnachtsspezialität. Keine Qualitätseinbusse ortete er anscheinend bei der «Kääswaie». Diese munde ihm immer noch vorzüglich, merkte er an und bestellte gleich noch ein Stück.
Dreieinhalb Stunden habe ich gearbeitet, nein, ich habe geschuftet. In diesem Gewühl mit meinem Servierplateau durchzukommen, forderte mir alles ab. Erstmals wurde mir knallhart vor Augen geführt, wie anstrengend und aufreibend es sein kann, im Service zu arbeiten. Mehr als 700 Franken habe ich umgesetzt, obwohl in der ersten Stunde an meinen Tischen wenig bis gar nichts lief. Umso grösser mein Erstaunen, als mir mein «Chef» Romeo Grementieri berichtete, bis jetzt sei das eine «ruhige Fasnacht» gewesen. Seine Voraussage habe sich bewahrheitet, die Fasnächtler seien wegen den für die Wirte zu warmen Temperaturen weniger in die Beizen gekommen. Das meistverkaufte Getränk sei Bier gewesen. Mit dem Geschäftsgang könne er bis jetzt zufrieden sein, erklärte Grementieri, bevor er mich in den wenigstens meines Erachtens wohlverdienten Feierabend entliess.



