Das diesjährige Drummeli-Motto «Legendär» wurde von vielen Gruppierungen berücksichtigt und von einigen wirklich gelungen umgesetzt. Wie immer war es die grosse Leistungsschau der Stammcliquen und wie immer gab es – zumindest im ersten Teil – bei den Wortbeiträgen Höhen und Tiefen. Insgesamt ein guter Jahrgang – aber ob er als «legendär» in Erinnerung bleiben wird…
Legendäres gibt es vieles in Basel, einiges davon auch seit diesem Samstag auf der Drummeli-Bühne. So gleich zu Beginn den nun wirklich legendären Pinguin-Spaziergang jeweils im Zolli, den die Rootsheere zur Route-Symphonie ausspielen und herrlich komödiantisch herumwatscheln in ihren Fracks.
Wobei «Beginn» nicht ganz richtig ist: Davor zelebrieren Stammverein und Junge Garde der Schnoogekerzli das Fasnachtsfieber mit sehr romantischen Lichteffekten nach einem Buch der Brüder Daniel und Domo Löw. Ein würdiges Doppeljubiläum mit 75 Jahren Stamm und 50 Jahren Junge Garde.
Sogar auf ein Jahrhundert – und damit einen «sac à dos» voll Erinnerungen darf die Rätz-Clique zurückblicken, und präsentiert deshalb den «Saggodo» von Karl Engel und Frutz Berger. Der Begleittext im Drummeli-Programm ist sogar gereimt und erinnert vor allem an die Gründung der Clique im damaligen Restaurant Belvedere. Auf der Bühne hat man sich Verstärkung durch ein Schlagzeug und zwei Pauken geholt. Der Reigen der verschiedenen angetönten Märsche passt – und vor allem passt die schiere Masse der Auftretenden auf der monströs breiten Bühne.
Mit dem von Michael Robertson komponierten «Fyyrvogel» kommt die Olympia auf die Bühne, nachdem -minu aus dem Off zuerst die passende Zubereitung des Federviehs erklärt. Sie füllen die Bühne von der Masse her nicht, kompensieren das aber durch einen saulustigen Film auf der Videoleinwand. Nur soviel: Der Vogel muss Federn lassen, Hunger macht die Zubereitung aber auf keinen Fall.
Und schon wieder tönt der «Saggodo» von der Bühne, von den Muggedätscher allerdings in Moll und als Trauermarsch interpretiert, angesichts des aktuellen Geschehens auf der Welt. Dazu Gefängnis-Atmosphäre und ein Tambourmajor in Ketten. Im Hintergrund wechselt eine Hiobsbotschaft auf dem Screen mit der nächsten. Doch bald ist Aufatmen angesagt: Zwei Ueli befreien den Armen. Eine düstere Nummer, aber auch dafür soll, ja muss es Platz haben.
Da tut es gut, dahinter die Opti-Mischte zu hören, dies mit einer Kürzestfassung der «alten Schweizermärschen», mit denen sie bekannte Persönlichkeiten Basels wie den tatsächlich legendären Bluemefritz ehren. Sie kommen aber im Laufe des Programms immer wieder und setzen den Marsch fort, dann zu Ehren von Selmeli Ratti, dem wirklich legendären «Menu-Ausrufer» und dem «Zittis-Anni», sie zweifellos auch eine Legende.
Was würde man wahrscheinlich zuerst als kulinarische Legende Basels bezeichnen? Wohl das Läggerli. Diesem bringen die Aagfrässene mit «D Beggerei» ihr Ständeli. Es handelt sich um ein Arrangement der beiden Märsche «z’Basel» und «Läggerli» mit Perkussionseinschüben. Hier sind viele Köche auf der Bühne, aber der Brei, pardon: die Süssigkeit wird keineswegs verdorben.
Viele Geschichten und Legenden ranken sich um die Basler Klöster, in denen es nicht nur heilig zugegangen sein soll. So sollen sich unter Nonnen-Kostümen an der Fasnacht bisweilen auch echte Glaubensschwestern versteckt haben. Ob auch unter denjenigen der Pfluderi-Clique, entzieht sich der Kenntnis des Beobachters. Auch hier ein toller Einbezug des Beamers; man hat das Gefühl im Kreuzgang des Münsters zu stehen. Und gegen Schluss wird wieder einmal klar: Auch Männer haben schöne Beine, vor allem wenn sie in Netzstrümpfen stecken.
Arthur Cohn, aber auch die eher langweilige Basler Regierungsmitglieder Cramer, Engelberger und Keller (so zumindest die Einschätzung der Auftretenden) sind beim Barbara-Club die engere Auswahl in den Basler Oscar Nights. Es gewinnt natürlich der Filmproduzent. Dazu ertönt mit «The Liberty Bell» tatsächlich ein Klassiker und ein schmissiger dazu. Schade, war man hinsichtlich der Kostümierung – wenn man das überhaupt so nennen darf – derart sparsam und ideenlos.
Mit den Giftschnaigge und ihrem «Unggle Sam» bleiben wir gleich jenseits des Grossen Teichs, aber nur musikalisch: Ihre Hommage gilt der Legende Jean Tinguely – und hier wurde in Sachen Kostümierung der Phantasie freien Lauf gelassen. Mit einer wahren – und zum Künstler sicher passenden Kakaphonie endet dieser begeisternde Auftritt.
Mit echt gut erhaltenen 100Jährigen wird das Premierenpublikum in die Pause entlassen: Die Märtplatz-Clique intoniert, passend zum schönen Jubiläum «Alte Kameraden». Das ist im Zusammenspiel mit einer Jazz-Band ein schmissiger Ausklang des ersten Teils, der das Publikum gut gelaunt in die Pause entlässt.
Höhen und Tiefen im Wort-Teil
Zu den Wortbeiträgen: Da hat es Höhen und Tiefen. Zu den Höhen gehört sicher der Rahmen, in dem ein Waggis dem afganischen Botschafter die Basler Fasnacht in einem knappen Satz erklärt: «Fasnacht isch wie e Pulverfabrik, in dääre s Rauche erlaubt isch.» Der Taliban ist nicht so begeistert und will – wegen des ähnlichen Frauenbilds – lieber nach Appenzell-Innerrhoden.
Das ist sehr lustig und pointenreich aufgemacht – im Gegensatz zum «Raame» mit zwei Dalbanesen im naturhistorischen Museum, wo man wahrscheinlich eine ähnlich hohe Pointendichte findet wie während dieser Nummer auf der Drummelibühne. Diese Pointendichte findet man dafür im fein gedrechselten Prolog, in dem überlegt wird, wer legendär sein könnte. Ein Bundesrat auf alle Fälle nicht, denn
Wenn dr Berset legendär wär
wüssti s der Bligg scho vorhär
Auch ernstes soll Platz haben: Die Philippika von Dominik Gysin gegen die samstäglichen Dauerkrawallanten in der Innerstadt bekam unerwartet (?) höchste Aktualität, da auch am Premierensamstag der Mob tobte und die aus der Generalprobe mit Rollstühlen und Rollatoren strömenden Gäste vor der Eventhalle mit einem Grossaufgebot von der Polizei geschützt werden mussten.
Legendär waren ja in der Vergangenheit die Balkonszenen des Drummeli. Der Balkon ist dieses Mal eine mobile Hebebühne, auf der eine verzweifelte Helvetia gegen die Tücken der Technik kämpft und gefühlt hundert Mal anfängt: «Ich sitz am Rhy, daaguss, daagyy». Grandios komisch!
Als Schnitzelbangg des ersten Teils lässt sich Hansli Bargäld mit den klassischen Johnny Cash-Rhythmen in einem lustigen Film im Saloon einführen. Die Verse können in Sachen lustig nicht immer mithalten, dazu kommt an der Premiere ein Riesenhänger. Zu loben ist der originelle Klima-Kleber-Vers und vor allem die stimmungsvolle Bühnenshow.
Und damit ist auch das Stichwort der diesjährigen Drummeli-Ausgabe, Teil 1, gegeben: Eine gute bis grossartige Show, die im gesprochenen Teil meist pointenreich ist, im musikalischen Bereich kaum Wünsche offen lässt – und damit durchaus Potential hat, als legendär bezeichnet zu werden.



