Gseh, gheert und vermerggt

26. Februar 1996 | Von | Kategorie: Nachrichten

Das Schöne an der Fasnacht ist ihre Vielgestaltigkeit. Besonders am Morgestraich, an dem s Goschdym frei gewählt werden kann, wird das Kreative am Chaos offenbar. Aber auch der Einsatz, den die gegen 20.000 aktiven Fasnächtler, abgesehen von geringfügiger Subvention, ohne Entgelt leisten. Was sich da durch die Menge schiebt und in den Gässli drängt, hinterlässt dank diesem Engagement schon optisch einen bleibenden Eindruck.

Und die Usswärtige?

Das findet auch Marie-Louise aus Del,mont, die zum ersten Mal an der Fasnacht ist. Die Larven und Kleider seien magnifique, anerkennt die junge Frau, die selber künstlerisch tätig ist. Die Märsche sind ihr ein wenig zu militärisch, wenn sie auch zugegeben Tradition besitzen. Mühe hat Marie-Louise hingegen mit der agressivit,, die sie am unteren Spalebärg erlebt hat. Das sei schon fast gefährlich gewesen, wie man da hin- und hergedrückt werde, unterstützt sie auch Freundin Catherine. Und ein Bierflaschen schwingender Trunkenbold hätte beinahe den zehnjährigen Sohn auf den Schultern getroffen. Dieser scheint jedoch wieder guten Mutes, wenn auch ein wenig müde. Befragt nach seinen Eindrücken, weiss der Kleine: Il y a beaucoup de touristes!

Tatsächlich ist der Morgestraich der Touristen-Anlass der Fasnacht. Dieses Jahr hat man besonders viel Französisch gehört, aber auch s Schwöbele ist nicht ausgestorben. Aber man merkt: Die Fasnacht ist eine Insider-Angelegenheit, Auswärtige werden zwar geduldet, aber nicht hofiert.

Doch auch mit einem einigermassen passablen Baseldytsch ist niemand vor kritischen Blicken gefeit. Weisch iberhaupt was de do issisch? fragt mich ein offenbar altgedienter Eingeweihter mit Blick auf die Mehlsuppe vor mir. Es folgt ein kleiner historischer Exkurs, der mich jedoch nur teilweise überzeugt. Auch spricht mein Gegenüber nicht sehr deutlich, es stehen bereits zwei leere Weisswein-Flaschen auf dem Tisch…

Drang in d Baiz

Die Aggressivität an einigen engen Stellen ist wirklich nicht ganz von der Hand zu weisen, es muss etwas mit dem Dichtestress zu tun haben. Aber auch der Drang in die Beiz nimmt heftige Züge an: Wie kurz nach vier Uhr der Braune Mutz seine Tür öffnet, entsteht sofort ein Sog in Richtung Zapfhahn, in den auch unschuldig Passierende hineingerissen werden. Für einige Trinkfreudige erschöpft sich darin die Fasnacht.

Auf der Route draussen ist es dafür umso beschaulicher. Zwar setzt es mal einen kleinen Stoss von einem Vorträbler. Sonst aber überwiegt das Gemächliche und fast Trance-Artige der schweren Rhythmen und dunklen Menschenmassen.

In optimistischer Hoffnung auf erzieherische Wirkung hat das Comité, im Fasnachtsführer Rädäbäng und auf Flugblättern zusammengefasst, was man an der Fasnacht tut und was nicht. Kein Blitzlicht für Fotos vom Morgestraich, das haben offenbar auch dieses Jahr nicht alle gelesen, ebenso wie Trunkenheit vermeiden – aber das gilt ja laut Comité, erst für den Abend… Sich vom Bierernst der Basler nicht anstecken zu lassen und ruhig einmal zu lachen, ist sicher auch gut gemeint. Vielleicht hilft ja, dass diese Hinweise auch noch in Fremdsprachen gedruckt werden. Bei den Schnitzelbänggen zumindest wird sich das Lachen der nicht sprachlich und auch sonst Eingeweihten aber auf die Helgen beschränken müssen. Die Strassenfasnacht bleibt auch 1996 eine traditionell ernste Angelegenheit.

E baar Stärnli vo Ladäärnli

D Ladäärne sind auch dieses Jahr noch bis morgen früh auf dem Münsterplatz ausgestellt. Die Alti Richtig zum Beispiel sagt Joo zuen ere suubere Elsbethe und zeigt auf der Vorderseite eine durch Hare-Krishna-Jünger und geweihte Schweine entweihte Kirche, auf der Rückseite die wieder sauber-sterile Kirche nach offizieller Säuberung. Farbig und grell d Ladäärne der Alte Abverheyte mit allerlei Auffälligem aus der internationalen Regenbogenpresse (darauf bezieht sich, um Missverständnissen vorzubeugen, das Sujet Mir kaufe si nit, mir lääse si numme). Trennkost, ein Psychotest und Facelifting finden hier ebenso schräge Darstellung wie das Neuste aus dem Buckingham-Palast.

Von weitem erkennbar auch das mit roter Faschings-Nase ausgestattete Phantom of the OPERARI, mit dem die Jungen der Alte Richtig das immer noch aktuelle Sujet karikieren. Unbescheiden geben sich d Wettstai Knorzi, die die Ufo-Gläubigen aufs Korn nehmen und kurzerhand das ganze Sonnensystem gemalt haben. Aber auch sehr profane Themen finden statt: die Junge Garde der Muggedätscher verfolgt d Spur vo dr Techno-Kultur und kann nicht umhin, unter anderem den Ecstasy-Konsum drastisch darzustellen.