Das nochmalige Prachtswetter scheint den Blick zu verklären; jedenfalls erlebe ich den Cortège am sonnenüberfluteten Steinenberg noch ideenreicher, glänzender und farbenfroher als am Montag. «Stainen-Explosiv» haben die Alti Stainlemer zum Sujet und sie sprengen quasi ihre Laterne und den riesigen Pfeifer- und Trommelharst, machen daraus vier einzelne Züge, die ihrerseits «Vier Hyylgschichte ruggsichtslos, sexy, huutnooch und bluetig» darstellen. Genial! Bei der Gundeli dominiert grelles Orange. Die ganze Clique erscheint als Strassenwischer, die Tambouren und Pfeifer wischen im Wechsel, nachdem die «Street Parade» vorbei ist, den Dreck weg. Schade nur, dass die Hornochsä Zunzgä erst nach ihnen kommen. Sie haben sich mit ihrem saubiederen Wagen in den Cortège eingeschlichen und lösen nur verständnisloses Kopfschütteln aus. Lassen wir das, und geben uns dem Genuss weiter hin.
Die Wiehlmys setzen das bischöfliche Thema, das der Spitzenreiter der diesjährigen Sujets ist, mit «Vogel…gryff» vor allem kostümmässig gekonnt um: Im Vortrab der Dompfaff, der Kardinalsvogel, ein Vogelei und Vogelscheuchen, die Pfeifer sind «die ganze Vogelschar», der Tambourmajor winkt als Papagei und die Tambouren ruessen als frohe Botschafter. Auf der Gegenseite kommt für kurze Momente der Carnevale zu Besuch: die 20jährigen Verschnuufer Gnepf feiern in herrlichen venezianischen Kostümen. In wahrstem Sinne eintönig, allerdings in leuchtendem Grün, zieht der Dupf-Club vorbei. «S isch enorm e Norm» meint er, und alle Kostümierten sind genormte Paragraphen. Und dann nicht zu übersehen eine einzige silberne Orgie: «Pagg ART» sagt die VKB. Die Laterne und der Tambourmajor sind ebenso in silberfolienartigen Stoff verhüllt wie die Pfeifer und Tambouren. Sie marschieren unter vier rund 30 Meter langen Bahnen, umrissartig sind unter ihnen die Ueli-Kostüme auszumachen, die die älteste Clique (gegründet 1884) anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums sich zum Geschenk machte. Trotz der Eintönigkeit ein spektakulärer Zug, von dem man wohl noch lange sprechen wird.
Auch mit der Kultur, wieder etwas farbenfroher, haben es die Aagfrässene. Die Laterne zum Sujet «S Basler Kultur(dr)ama» zeigt vorne Basilius Amerbach und hinten das Kulturdurcheinander, die Kulturpäpste pfeifen, und als Batzenglemmer sind die Tambouren kostümiert. Imposant auch die Rätz-Clique mit «Zöli oder zöli nit?» Der pfeifende höhere Klerus wird ständig vom Satan verfolgt, der Tambourmajor als Pfarrköchin ist quasi die Versuchung, und die Tambouren geistern als Ergebnis des klerikalen Sündenfalls mit einer Schlange auf dem Rücken durch die Strassen.
Für dieses Thema hat auch eine Wagen-Clique einen ungeheuren Aufwand getrieben. Der Sujet-Vers Wurzle-Clique holpert zwar etwas: «S Zölibat isch en alte Zopf unsere Ex-Bischof wäge däm en arme Tropf», dafür entschädigt der Wagen vollauf. In einem riesigen roten Himmelsbett warten acht Buschi, die auf den Babbe warten. Wären doch nur alle 117 Wagen von dieser Qualität! Keine Bange, es hat noch einige, die über den Durchschnitt hinausragen. Etwa die Rhyschlappe-Waggis, von denen einer sprichwörtlich daherrollt. Auf Rollskis. Sie haben zum Sujet «Olympi-ade», treiben in winterlicher Kulisse viel Klamauk, selbst der Reporter mit Megaphon fehlt nicht. Oder die Gwürztraminer-Waggis, die sich die Mühe genommen, ihren Traktor unter einer riesigen Larve zu verstecken, und zum Sujet «S dapfere Schnyderli» als alt PMD-Vorsteher maskiert sind.
Die Guggemusiken hatten ja am Dienstag ihren grossen Tag, aber immerhin 65 Formationen sind auch am Cortège dabei. Mehr als die Hälfte gehören weder der FG noch der IG an, sind also «Wilde». Dass dies nicht unbedingt ein schlechtes Markenzeichen sein muss, beweisen eindrücklich die gekonnt schränzenden Räpplischpalter mit dem allerdings etwas lang geratenen Sujet «EU: Bilaterali Verhandlige – oder alles numme Kaabis?». Das Requisit stellt «EU – oder alles numme Kohl» dar, der Major ist die Queen, und die gut 35 Schränzer «e ganzi Bandi vo däre Sippschaft». Gegenstück zu dieser Gugge sind etwa die 20 Jahre alten Luggefiller, die gemäss ihren eigenen Angaben im «Rädäbäng» «jubiliere und brilliere», eigentlich aber nur ihrem Namen gerecht werden.



