Einst gehörte der Dienstagnachmittag an der Fasnacht den Kindern. Heute gehört er schlicht allen, die Fasnacht machen. Doch die Erwachsenen nehmen die Kinder in ihre Mitte, und die jüngsten Fasnächtler stehen nach wie vor im Mittelpunkt des Geschehens.
Kurz vor 14 Uhr bei der Heuwaage: Die Tramlinie 10 macht hier Endstation, und aus jedem Tram quellen endlose Schlangen von Kindern mit ihren Eltern. Und so strömt es aus allen Richtungen in die Innerstadt, wo sich auf dem Barfi und am Marktplatz, aber auch in den Strassen und Gassen, Meere von Menschen bilden.
Fast niemand kommt unkostümiert, besonders die Kinder lassen es sich natürlich nicht nehmen, sich in allen nur erdenklichen Weisen auszustaffieren. Die klassischen Fasnachtskostüme sind vertreten: Blätzlibajass, Alti Dante, Harlekin und Waggis. Doch der Zyschtig kennt keine Grenzen, und so ist alles möglich, was den Jüngsten gefällt. Besonders beliebt sind Tiere aller Gattungen: Löwen und Bären, Katzen und Mäuse, Fische und Vögel. Doch auch kleine Indianer und Cowboys, Zauberer und Hexen sind unterwegs. Und zahllose Kostüme sind einfach ein Produkt der Fantasie. Eine Larve wird selten getragen, doch dafür sind viele Kinder bunt geschminkt.
Fast so zahlreich wie die Kinder sind die Wagen am Fasnachtsdienstag. Was heisst da Wagen: Rollende Zollis und Häxehüsli, ganze Eisenbahnzüge und Mini-Chaisen (vom Babbi gezogen) kreuzen in der Stadt. Eine Gruppe von Olympiasiegern ist frisch aus Nagano eingetroffen. Die Skis noch geschultert, präsentieren sie stolz ihre Goldmedaillen. Ein Hühnerstall rollt die Steinenvorstadt hinab zum Barfi, an Bord eine Horde von Hühnern und Bibbeli mit Eierschalen auf dem Kopf. Dort begegnet er einer leibhaftigen Gartenzwergfamilie: der Zwergenvater mit einer Giesskanne, die Zwergenmutter mit einem Leiterwägeli und zwei Zwergenkindern an der Hand. Auch die grossen Waggiswagen sind im Einsatz, doch deren Mannschaften bestehen ebenfalls weitgehend aus Binggis. Was für ein Glücksgefühl, einen «Grossen» mit einer Hampfle Räppli zu bewerfen. Einzelne Wagen scheinen gleich hektoliterweise Konfetti mitzuführen, und die Kinder schaufeln sie mit Hingebung in die Menge. Andere werfen sich in Position, d Mamme hat den Fotoapparat gezückt.
Gegen drei Uhr beginnt es kurz, leise von oben zu tröpfeln, doch kaum ein Blick gilt dem Himmel. Niemand lässt sich in seiner Fasnachtsseligkeit stören, und innert weniger Minuten ist der kleine Schauer vorüber.
Natürlich ist der Zyschtig auch der Tag der Guggemusiken, und dies nicht nur wegen der abendlichen Konzerte. Ohne den «Zwang» des Cortège kann erst so richtig losgeschränzt werden. Ausserdem lieben die Kinder die Guggen und die Guggen auch die Kinder. Die Fuege-Fäger öffnen wie alle Jahre ihren Zug den Kindern und lassen sie auf Mini-Instrumenten mitmachen. Auch bei den Messing-Käfern macht heute so mancher Knirps mit, und über dem Zug schwebt ein Harst von Ballons. Trotz der Kakophonie der ohrenbetäubenden Guggen ist aber auch so mancher Fasnachtsmarsch zu hören, denn zahlreiche Trommel- und Pfeifergruppen lassen es sich nicht nehmen, am Dienstag dabei zu sein. Von den gelegentlich etwas in der Menge untergehenden Einzelmasken bis zu kompletten Stammcliquen ist alles zu sehen, die Gruppen stets im Charivari. Und Charivari ist auch der passendste Begriff, um das ganze Geschehen zu beschreiben.
Der Barfüsserplatz versinkt im Verlauf des Nachmittags langsam unter einer dichten Schicht von Räppli. Für grössere Züge gibt es hier zeitweise kaum noch ein Durchkommen. Wer die Stufen zur Barfüsserkirche hinaufsteigt, könnte fast glauben, eine friedliche Revolution habe in der Stadt stattgefunden: Die laute, bunte freie und verrückte Seite der Fasnacht scheint das Regiment übernommen zu haben.



