Mit der Ladärne-Uusstellig ist’s wie beim Besuch eines Kunstmuseums: Die Zahl der Meisterwerke ist zu gross, um in nur einem Tag jedes Exponat gebührend zu würdigen. Zumal die Lampen auf dem Münsterplatz ja höchstens einen Tag lang zu sehen sind.
Tatsächlich scheinen sich einige Laternenmalerinnen und -maler in diesem Jahr an der «hohen» Kunst orientiert zu haben: Die Frontseite der Seibi-Lampe ist von Salvador Dalì inspiriert, aus dem Leib einer Figur mit äusserst phallisch anmutender Nase schieben sich mehrere Schubladen, ein Arm wird von einer Krücke gestützt. Mit ihrem Sujet «Wie goht s, wie stoht s oder Mir Pfyffe» bewegen sie sich allerdings eher auf mässigem Stammtischniveau: Kindische Fäkalsprache dominiert bei den Ladärnevärsli.
Kunsthistorisches auch bei der Wettstai-Clique, die sich in ihrem Sujet zur «Wettstai-Drogerie» umtauft. Das Thema Sucht behandelt sie gleich mit zwei aktualisierten Gemälden: Christus’ Hand aus Grünewalds Isenheimer Altar wird mit einer Heroinspritze anstelle eines Nagels ans Kreuz geschlagen. Und auch hier kommt Dalì nochmals zu Ehren, diesmal mit der Frau im Spiegel, die zur Drogenabhängigen umgedeutet wird.
Hohe Kunst bieten aber auch zahlreiche Lampen, die nicht von grossen Vorbildern abkupfern: An erster Stelle ist hier das Kunstwerk des Stamms der Muggedätscher zu nennen. Das Sujet «so long Hong Kong» wird mit einer liebevoll gestalteten, leuchtenden Pagode umgesetzt. Das dreistöckige Gebäude wurde mit vergoldeten Dächlein und chinesischen Lampions verziert und mit Drachen und anderem Getier bemalt. Ein Värslibrinzler dichtete:
Hong Kong kheert wieder de Chinese
de Britte blyybe numme d’Spese
Bei der Stammclique der Lälli heisst es: «S Gryz mit em Gryz». Gemeint ist das Wappen der schweizerischen «Leidgenossenschaft». Verschiedene Legendenfiguren der schweizerischen Geschichte werden in beinahe impressionistischem Stil in historische Jammerlappen verwandelt. Aus dem Zentrum der Laterne ragt das helvetische Vakuum hervor, ein Hohlraum in Form des Schweizerkreuzes. An den Seiten finden sich despektierliche Neugestaltungen verschiedener Kantonswappen. Die Sterne des Walliser Kantonssignets sind beispielsweise in europäischer Kreisform anstelle von engstirnigen Reihen angeordnet. Dazu folgende Zeilen:
D’Walliser, die hätte gärn
Olympia- statt Eurostärn
Ganz in Blau gehalten ist die Lampe der Alten Garde der Vereinigten Kleinbasler, was hübsch aussieht und auch zum Sujet passt: «Starggblau-Schwachmatt». Es geht um das Schachduell Kasparov gegen den Computer Deep Blue, das der beste Schachspieler der Welt bekanntlich sang- und klanglos verlor. Der blickt dementsprechend geknickt vom Helge herab, während die clevere Maschine hämisch vor sich hin grinst. Doch ein Värslidichter meint, es sei für den Ex-Weltmeister doch alles nur halb so schlimm:
Dr Kasparov maint: s drifft mi nit schwär
wenn ich verlier – nur s Gäld muess här
Eines der relativ wenigen Motive mit Lokalkolorit zeigen die Helge der Schnooggekerzli-Stammclique: «bätte statt bette» ist ihr Motto, gemeint sind die Folgen der Spitalliste des Sanitätsdepartements. Regierungspräsidentin Veronica Schaller liegt im Nachthemd auf dem Operationstisch, während sich aus dem Hintergrund sechs grimmig dreinblickende Quacksalber anschleichen, die sich bei näherem Betrachten als Schallers Regierungskollegen entpuppen. An anderer Stelle ist zu lesen:
D SP kauft zwai Better z vyl i
und versorggd dert Pädophyli
Einige Exponate gefallen in erster Linie mit aussergewöhnlichen Gerüstkonstruktionen: Der Stamm der Alte Glaibasler hat drei ungleichmässige Würfel aufeinandergeschichtet. Hier werden auch zwei Sujets zugleich verhandelt: Zum einen feiert man mit «1923 Geburt der AGB» das 75-Jahr-Jubiläum, zum anderen warnt die Clique «Nit lache, mir wache». Angespielt wird auf das immense Sicherheitsdispositiv beim Zionistenkongress im vergangenen Jahr. Sogar aus acht Einzelteilen wurde das Werk der Rätz-Clique, ebenfalls eine 75-Jahr-Jubilarin, zusammenmontiert. Die farbenfrohen, grafischen Helge illustrieren das Sujet «E Iberraschigsfasnacht», mit dem sich die Clique selbst ein Geburtstagsgeschenk macht. Das Leid eines Fasnachts-Dichters kommt in einem Värsli zum Ausdruck:
Isch s Baseldytsch nur denn perfäggt
wenn me s us em Suter schläggt
Auffällig ist in diesem Jahr die grassierende Düsternis vieler Lampen, auf denen zumeist die gegenwärtige Wirtschaftslage und die «Fusionitis» abgehandelt wird: Die Gundeli-Clique unterstreicht die Tristesse noch mit einigen angehängten Tierschädeln, die Junge Garde der Schnurebegge hängt ihrer Laterne einen schwarzen Mantel um.
Zurück zur Kunstgeschichte: Die Kerzedrepfli, die nicht einmal im «Rädäbäng» aufgeführt sind, haben ihre Laterne vollkommen jugendstilecht verziert. Ihr Sujet: «Fin de siècle».



