Das isch e ganz stargg Stigg: dr Cortège im Wättergligg

4. März 1998 | Von | Kategorie: Nachrichten

Wer bisher der Meinung war, man bekomme als Zuschauer am Cortège mittwochs dasselbe vorgesetzt wie am Montag, den belehren die Vereinigte Kleinbasler eines Bessern: Am ersten Fasnachtstag wurden sämtliche Mitglieder der Stammclique sujetgemäss «Last minute» in einen anderen Zug geschickt. Jetzt kommen sie, als gewiss an die 100 Mann starker Zug, den Steinenberg herabmarschiert. Und was für ein Zug! Voraus eine ganze Armada von fantastischen Requisiten: Die «Voll-Kuul-Bar» und «0-Wambos Schdrand-Souvenir-Schobb» könnten noch gestern die Sonnenanbeter auf Teneriffa oder den Seychellen beglückt haben. Reiseleiter Chico, als Vorträbler im Einsatz, dürfte den Rest des Jahres Pauschaltouristen an der Costa Brava betreuen. Bierbäuchige Mallorca-Deutsche, Scheichs, Glaceverkäufer, Strand-Faultiere, Safari-Freunde und, und, und wurden allesamt mit einer Palme geschmückt. Das erstaunlichste ist aber, dass diese Karawane von schrecklich-schönen Billigfliegern auch noch hervorragend trommeln und pfeifen kann. Sensationell!

Wenn wir schon beim Aussergewöhnlichen dieses Tages sind: das Wetter macht heute wahre Kapriolen, der Föhnsturm lässt das Thermometer am frühen Nachmittag auf über 20 Grad steigen. Ein rekordverdächtiger Wert.

Rekordverdächtig sind auch die zahllosen liebevollen Details im Zug der Muggedätscher. Mit «so long Hong Kong» verabschieden sie die ehemalige Britische Kronkolonie. Beim Vorbeimarsch bleibt dem Zuschauer längst nicht genug Zeit, jeden angehängten Vogelkäfig, jedes Drachenkostüm zu bestaunen. Ganz zu schweigen von der Laterne, an der ich mich am Dienstag auf dem Münsterplatz fast nicht sattsehen konnte. Es ist kaum zu erahnen, wie viele Stunden Arbeit und wieviel Fingerspitzengefühl in diesen Zug investiert wurden.

Nicht nur die Herren vom Comité blicken etwas verdutzt drein, als die Stammclique der Alti Stainlemer die Theaterstrasse herabkommt. Die sind ja im Charivari! Die haben ja gar kein Sujet! Doch, sie haben eins, denn wer genau hinsieht, liest auf der Laterne «D Egoparade». Hier macht jeder, was er will. Zeitgeistmässig.

Die Spale-Clique trauert mit Garri Kasparov ob der Niederlage der menschlichen Intelligenz gegen den Computer. «SchACHMATT» heisst ihr Sujet, und sie führen das elektronische Super-hirn gleich als Requisit mit. Der ganze Zug erscheint verpackt als vorbildgetreue Schachfiguren, der Tambourmajor als König beider Parteien, links schwarz, rechts weiss. Ob die Anordnung der Formation auch die korrekte Schlussstellung der verhängnisvollen Partie widergibt, lässt sich leider nicht feststellen.

Ein gutes Beispiel für vielversprechenden Fasnachtsnachwuchs stellt die Junge Garde der Seibi-Clique dar. Sie nimmt sich mit den modischen Alkohol-Limonaden ein typisches Jugend-Sujet vor: «Isch HOOCH, hit top als Alcopop, dangg Bundes-Stop scho glyy e Flopp?» Die Tambouren kommen mit Apfel-Geschmack daher, die Pfeifer bevorzugen Zitrone.

Die Nasa-Landung auf dem Mars beschäftigt verschiedene Gruppen. Besonders gefällt mir die Umsetzung bei der Jungen Garde der J.B.-Clique Santihans: Im Vortrab rund 40 (!) US-Astronauten, an den Piccolos eine Horde Marsmenschen. «Stradeege und Forscher» bearbeiten die Trommeln, den Tambourmajor-Stock führt eine Marsrakete.

Einen äusserst farbenfrohen Anblick bietet der Stamm der Rätz-Clique, der sein 75jähriges Bestehen überschwenglich feiert. Auch hier keine einheitliche Kostümierung und ein Sujet, das dem einzelnen viele Freiheiten lässt: «E Fasnachtsiberraschig – e Iberraschigsfasnacht». Wie eine multikulturelle Grossfamilie in verschiedensten Rottönen sehen sie aus, man entdeckt Zauberer, Skifahrer und Indianer unter ihnen. Beim Vorbeimarsch am Steinenberg beglücken sie das Comité auch noch mit einer rassigen «Retraite».

«Sicher isch sicher» meinen die Schnurebegge und spielen damit auf die Sicherheitsmassnahmen rund um das 100-Jahr-Jubiläum des Basler Zionistenkongresses an. Vor ihrem Zug rollt ein monströses Panzergefährt, halb Polizeischiff, halb Kampfhelikopter. Die Soldaten und Polizisten im Zug tragen kugelsichere Westen, der Tambourmajor ist niemand anderes als- Theodor Herzl.

Das Sujet «Eili mit Meili» der Rhyschnoogge mag etwas gesucht wirken, doch die Realisierung ist dennoch gelungen: Die Laterne als überdimensioniertes Spielbrett, die Pfeiffer und Tambouren als rote, blaue, gelbe und grüne Figuren. Der Tambourmajor, eine sauber nachgebildete Freiheitsstatue, trägt den Spielwürfel.

In besonders drastischer Weise thematisiert die Alte Garde des Dupf-Club den Graben zwischen wirtschaftlicher Misère und gigantischen Börsengeschäften einiger Anleger. Im Vortrab ein Rudel Pleitegeier im grauen Federkleid, den Tambourmajor macht der geldgeile Dagobert Duck.

Auch eine Alte Garde ist die Rumpel-Clique, und sie hat dieses Jahr ein wirklich beachtliches Alter erreicht – 75 Jahre, und dementsprechend wird gehörig jubiliert. Doch die reifen Herren sind jung geblieben und somit «Im zwaite Friehlig». Die Blumenkränze auf ihren ergrauten Häuptern sind ein liebenswürdiger Anblick. Doch sie wären nicht die Rumpel, würden sie nicht auch noch ein wenig provozieren: Ihr Requisit ist ein komfortables Liebesnest, in dem sich ein strahlender älterer Herr mit zwei knackigen Miezen räkelt.

Ebenfalls mit dem Alter befasst sich die Guggemusik Ueli-Schränzer. Sie nehmen einen Slogan der Flower-Power-Generation auf: «Drau kaim iiber dryssig?!» Ihr Major ist denn auch ein respektabler Hippie, und bei den Larven hat man sich etwas besonderes einfallen lassen: Der Freund der Rockmusik erkennt verblüffende dreidimensionale Karikaturen der Rolling Stones-Mitglieder Ron Wood und Keith Richards, die beide bekanntlich das übliche Rockstar-Alter deutlich überschritten haben.

A propos Gugge: Die Fuege-Fäger nehmen das ökonomische Thema des Jahres konsequent auf und gehen selbst eine Fusion ein. Sie ziehen in diesem Jahr gemeinsam mit der Stammclique der Basler Mittwoch-Gesellschaft durch die Strassen, was vor allem musikalisch eine Bereicherung der Fasnacht darstellt. Der riesige Zug der «BMG-Fäger» präsentiert sich in mittelalterlichen Ritterrüstungen. Als Requisit haben sie auch noch ein monumentales Schloss samt Ziehbrücke dabei.

Die Wagenclique Moorgsbrieder fragt «Kippsch au?» Sie haben ihr Zugfahrzeug als A-Klasse-Modell von Mercedes verkleidet. Das Bordpersonal trägt Elch-Kostüme, aus deren Köpfen wiederum die instabilen Kleinwagen ragen.

Den öffentlichen Verkehr thematisiert die Wurzle-Clique auf ihrem Wagen: Ihre «provisorische Tramhaltestelle» spielt zwar auf die Gleiserneuerung in der Gerbergasse an, bewegt sich aber mitsamt Leitplanken und Bauabsperrungen durch die ganze Innerstadt.

Unter den 24 Chaisen am Cortège können die Güplisiirpfler einen besonderen Erfolg beim Publikum verbuchen. Sie machen ihrem Namen alle Ehre und verteilen 2-Deziliter-Sektfläschchen en gros.

Auch um 17 Uhr sinkt an diesem Nachmittag das Thermometer nicht unter 18 Grad Celsius. Und so braucht heute nicht einmal der VKBler, der nur in der Badehose angetreten ist, zu frieren.