D Kinder uff dr Gass wärde gar nit nass

19. Februar 2002 | Von | Kategorie: Nachrichten

Wenn die Schwalben tief fliegen, ist Regenwetter angesagt, meint der Volksmund. Zum Glück sind’s also keine Schwalben, sondern zwei niedliche junge Raben, die sich am frühen Nachmittag auf dem Leonhardskirchplatz eingenistet haben, respektive von ihrer (Raben!-)Mutter in einem Wägeli zur Kinderfasnacht gefahren werden.

Drunten auf dem Seibi geht es schon überaus munter zu und her. «Familie Ueli» ist auch schon unterwegs, zwei blau-weisse Ueli – wahrscheinlich Vater und Mutter – führen fünf schwarz-weisse an einem Gstältli, rechts werden sie von einem Gorilla auf einem Velo überholt, der im Anhängerwagen den ersten (von unzähligen, wie sich später herausstellen wird) Harry Potter mit sich führt. In der Streitgasse gibt es schon die erste Druggedde, naht doch eine gut 50-köpfige Gugge und möchte eine junge Garde passieren, die ihrerseits warten muss, weil ihr der von einem Traktor gezogene Wagen der Vogese-Rueche Binggis den Weg versperrt. Der Traktorfahrer wie auch jener der Privé-Waggis Binggis scheint noch nichts davon gehört zu haben, dass die Strecke zwischen Bankverein und Märtplatz für schwere Zugfahrzeuge tabu sein sollte…

Diese neueste und zweifellos weitsichtige Weisung des Comités (sie nimmt nicht zuletzt Rücksicht auf das Gefahrenmoment für die ganz Kleinen) vermag dennoch nicht zu verhindern, dass in der Freien Strasse bereits jetzt ein völlig unüberblickbares Gedränge herrscht. Eigentlich ganz erstaunlich: Da beschweren sich doch zahlreiche Fasnächtlerinnen und Fasnächtler und mokieren sich über die genormte und geregelte Fasnacht, loben dafür den «freien» Dienstag über alle Mimosen und wissen nichts Gescheiteres, als mit ihrem grossen Cliquen- oder Guggenharst cortègemässig Basels grösste Einkaufsstrasse herunter zu marschieren…

Sei’s drum, die Dreikäsehochs, denen dieser Nachmittag gehört, scheint’s nicht zu stören. Im Gegenteil. Stolz sitzen sie – zuweilen bis zu zwölf an der Zahl auf knapp zwei Quadratmetern Fläche – in phantasievoll selbst gebastelten Wagen und lassen sich von Babbe, Mamme, Unggle, Dante oder auch Götti durch die Innerstadt kutschieren. Grosszügig verteilen sie Däfi, Kaugummi, Schokolädli oder narren die Kiebitze am Strassenrand, indem sie statt der Süssigkeiten eine Handvoll (oder auch mehr) Räppli auf sie niederregnen lassen.

Der Namensgebung ihres «Wagens» – vielleicht auch der Gruppe, die sie repräsentieren – haben sie keine Grenzen gesetzt. So rollen an uns etwa Die wysse Müllballtöffeli, die Nuggipampers oder, leicht makaber, die Eiterdimli vorbei. Die Figuren auf dem Wagen sind ganz selten einheitlich. Vorherrschend natürlich Harry Potter, aber in der Beliebtheitsskala steht ihm Pipi Langstrumpf kaum nach.

Nebst den üblichen vierrädrigen Wagen jedwelchen Kalibers rollt noch manch anderes die Freie Strasse runter. Beispielsweise ein Piratenschiff mit furchterregenden Gestalten, oder die Tinguely-Waggis auf zwei mit Metallrohren verbundenen Velos. Hinter sich eine grosse Metallkiste, in der drei «Waggis-Stifte im 1. Lehrjohr» sitzen und sich im Intrigieren üben. Besonders beeindruckend ist ein mit Ballonen geschmückter Wagen, in dem Tamara, Sandro, Nico, Abigail, Jessica und noch einige andere – und Andersfarbige sitzen. Ein herrliches Beispiel dafür, wie viel Frau Fasnacht für die Integration zu tun imstande ist…