Der grün-weisse Ueli liegt verpackt in einer Tasche. Etwas skeptisch nehme ich seinen Kopf in die Hand und betrachte, was zu meiner neuen Identität werden soll – zumindest für die nächsten paar Stunden. Doch das Kostüm sitzt und fühlt sich gut an, und schon ist der Ueli bereit, sich ins Fasnachtsgetümmel zu stürzen.
Stürzen tut er jedoch im wahrsten Sinne des Wortes um ein Haar bereits nach ein paar hundert Metern. Wo kam denn bloss der Randstein her? Fazit: Jemand, der das erste Mal unter einer Larve steckt, lernt schnell, wie eingeschränkt das Blickfeld der Fasnächtlerinnen und Fasnächtler ist.
Nun gut, mit fleissigem Kopfdrehen und -senken bei jedem Richtungswechsel oder Hindernis marschiert der Ueli weiter. In der Innenstadt ist Betrieb, die Kleinen und die Grossen geniessen die Kinderfasnacht. Einige der ganz kleinen Knöpfe strahlen den Ueli an und winken ihm zu – und er natürlich fleissig zurück.
Ein Mädchen streckt dem Ueli die Hand hin, doch als der sie erfreut nehmen will, zieht die Kleine sie wieder zurück. Wie der Ueli noch mehr ausgestreckte Kinderhände antrifft, kapiert er und merkt sich: Das nächste Mal muss er ein paar «Dääfeli» griffbereit haben. Allerdings gibt es auch Binggisse die dem Ueli ihrerseits «Dääfeli» schenken, doch zu seiner Schande muss er gestehen, dass er die selber gegessen hat, anstatt sie den nächsten Schleckmäulern weiterzugeben.
Dem Ueli kommen zwei grosse «gfürchigi» Waggisse entgegen, instinktiv macht er sich bereit, die Flucht zu ergreifen, bis er feststellt, dass ihn die Waggisse kaum eines Blickes würdigen. Der Ueli fragt sich erfreut, ob wohl Kostümierte nicht mit Räppli gestopft werden? Es scheint so, denn auch die nächsten und übernächsten Waggisse, die seinen Weg kreuzen, scheinen Besseres zu tun haben.
Allerdings gibt es durchaus solche, die vom Ueli Notiz nehmen und ihn leicht verwundert anblicken. «Was macht denn der ohne Piccolo oder Trommel, aber voll maskiert?», mögen sie denken. Und eine Mutter aus unserem nördlichen Nachbarland sagt zu ihren Kindern: «Schaut mal, da ist einer ganz allein!» Nun ja, das ist er, allerdings fühlt sich der Ueli gar nicht bemitleidenswert. Er stellt sich auf einen Platz (demonstrativ vor ein Waggis-Nest) und geniesst es, ungeniert und unerkannt die Leute zu mustern. Als der Ueli eine Bekannte sieht, amüsiert er sich dabei, ihr zu folgen und immer wieder in ihr Blickfeld zu laufen, bis sie sich an ihren Begleiter wendet und irritiert auf den Ueli zeigt – da verschwindet er schnell in der Menge.
Plötzlich kommt dem Ueli pfeifend und trommelnd ein ganzer Zug Uelis entgegen. Da hüpft ihm das Herz im Kostüm und er läuft seinen Gspänli hinterher. Allerdings gerät er schnell aus dem Takt, wie soll man sich da im Schritt einer Gruppe halten können, wenn von allen Seiten verschiedene Rhythmen auf einen eindringen? Der Ueli probiert es mit einer Tambourengruppe, die ruesst, dass in der schmale Gasse die Wände zittern. Denen im Takt zu folgen ist einfacher, allerdings nur so lange, bis uns auf einer breiteren Strasse eine Gugge entgegenkommt.
Das Ganze hat Durst gemacht, und der Ueli gönnt sich in einer Beiz eine Pause. Nach zehn Minuten schwitzt er wie ein… ein Ueli halt. Er hat eben mehrere Schichten Kleider unter sein Kostüm gepackt, was soll man anderes tun bei diesen Temperaturen!
Gestärkt mischt sich der Ueli wieder in die Menge, um gleich darauf zum zweihundertunddreizehnten Mal über irgendwelchen Abfall am Boden zu stolpern und sich zum dreiundsiebzigsten Mal im Getümmel seine Hörner (oder Ohren, oder wie man die wohl nennt?) an jemanden anzustossen. Das mit dem Larvenblick ist immer noch gewöhnungsbedürftig . . .
Der Ueli setzt sich auf die Pfalz, geniesst einen ruhigen Moment und ignoriert die neugierigen Blicke – obwohl es ihn schampar wunder nehmen würde, was die Leute bei seinem Anblick denken. Als ihm der kalte Wind seine Glöggli um die Ohren bläst, beschliesst der Ueli, noch etwas das Gässle zu üben. Mutiger geworden, reiht er sich diesmal flugs in einen Vortrab ein, seine Mitläufer rechts und links schauen zwar kurz zu ihm rüber, der Fremdling scheint aber niemanden gross zu stören.
Unterdessen ist es dunkel geworden, der Ueli fühlt sich immer wohler in seiner Haut und beginnt zu ahnen, was Fasnachtsglückseligkeit unter einer Larve bedeuten kann. Als es spät wird und Regen einsetzt, wird es Zeit für den Ueli und er macht sich glöggelnd auf den Heimweg.
Wenn ich vor ein paar Stunden die Larve zögernd aufgesetzt habe, so nehme ich sie nun umso widerstrebender wieder ab. Morgen werde ich zwar bestimmt Nackenweh haben von all dem Kopfdrehen, das nun einmal nötig wird, wenn man die Welt nur durch zwei Löcher sieht. Doch daran werde ich wohl kaum einen Gedanken verschwenden, all die schönen Eindrücke aus dem Leben eines Uelis werden dafür sorgen…
Kopf und Kostüm wandern also mit einem Seufzer wieder in die Tasche. Aber vielleicht darf der Ueli, nach diesem ersten Versuch, ja nächstes Jahr wieder raus, vielleicht dann sogar etwas länger und mit anderen Uelis zusammen…



