Die zweite Auflage des Cortège lockt kaum Leute an den Steinenberg – dem Wetter sei «Dank». «Fertig luschtig» sagt sich denn auch die Alti Richtig, meint damit aber nicht den tropfenden Himmel, sondern das Ende der Komödie. Den Grabstein für das Theater führte die ARI im grossen Vortrab gleich mit.
Ebenfalls mit Kunst beschäftigt sich der Stamm der Seibi: «Kunst joo, aber bitte nit doo». Ihr Requisit, einen riesigen Lautsprecher, verstehen sie als einen Beitrag zur Streitkultur. Der bunte Zug – durchsetzt mit Schlafmützen in grauen Pyjamas – ist an diesem grauen Nachmittag ein echter Farbtupfer.
Und Kunst zum dritten: Die Verschnuffer hüllen sich in Tüll und zeigen eine «fasnächtliche Stadtbild- Kunstintervention», die den Littmannschen Fassadenverkleidungen locker Konkurrenz machen – wunderschön!
Grossartig auch der Zug der Rätz-Clique. Gemäss ihrem Sujet «Mä- nätschmänt glyych unverschämt!» kommen die Pfeifer und Tambouren ganz in Gold daher, das Geld flattert ihnen dabei um die Ohren und in den Mund – wenn es ihnen nur nicht im Hals steckenbleibt…
Farblich ebenso auffällig folgt der der Stamm des Central-Club Basel. Als halbtransparente Uelis in gelb fluoreszierenden Kostümen durchleuchten sie den Datenschutz; CCB steht an dieser Fasnacht auch für «Conschtant Controllierti Bevelggerig».
Auch die Junge Garde der Seibi-Clique biegt bald darauf aus der Theaterstrasse ein, «mir sinn in» ist ihr Sujet und deshalb hängen ihnen die Natels auch schon an den Ohren.
Dann ein gelungener Zug der eher erschreckenden Art – der Vortrab der Alti Stainlemer trägt Gasmasken, als Requisit folgt ein mit Blumen überhäuftes Mahnmal, in memoriam der Menschheit. Der Tambourmajor als überdimensionaler Sensemann droht schon von weitem, die Pfeifer und Tambouren sind nicht viel fröhlichere Gesellen. Trotz allem sagen sich die Stainlemer: «Mer mache doodsicher Fasnacht».
Um gleich bei den düsteren Sujets zu bleiben: «Gwalt gfallt – quod erat DEMOstrandum», zu diesem Schluss kommen die Alte Glaibasler. Der Zug besteht aus weissen Unschuldsvögeln, durchsetzt mit einigen schwarzen Vögeln (schwarzer Block). Dazu passen die Basler Gwäggi, die auf ihrem Wagen ein Sensations-Fernsehstudio eingerichtet haben.
Auch dem Thema der gewaltsamen Demonstrationen haben sich die Basler Rolli verschrieben, auch wenn ihr Sujet zuerst anderes vermuten lässt, es heisst nämlich: «Wo goot s do zum G-Punggt»? Polizisten mit Schutzschildern (auf denen tröstlicherweise ein Smiley klebt) und ein Überfallswagen machen den Vortrab aus, der Tambourmajor schwirrt als Polizeihelikopter durch die Gegend, um all die Teufel (Pfeifer und Tambouren) am Gipfel-Treffen in Schach zu halten.
Schon folgt die nächste Stamm-Clique – «Isch dr Patrioot doot?» fragt sich der Dupf-Club. Einige letzte stolze Schweizer gibt es allerdings noch, wie der imposante Vortrab aus Heidis, Alphornbläsern und Unspunnenstein-Trägern beweist. Es scheint, dass einige Dupf-Clübler zu Gunsten des grossartigen Vortrabs auf das Trommeln und Pfeifen verzichtet haben – mit lohnender Wirkung, denn zehn Treichleschwinger sind für den Dupf-Club wahrlich eine gute Vorankündigung! Sehr schön auch die Laterne, auf der Willi Tell vom Schweizer Kreuz erschlagen wurde und der Patriot zu Grabe getragen wird.
Eine phantastische Laterne führen auch die Schnooggekerzli mit. «ArCHe nostra» heisst ihr Sujet, und dieses Schweizer Schiff gerät auf der Vorderseite der Laterne bedrohlich in einen Strudel. Auf der Rückseite geht es dann ins Detail des Schweizer-Lebens; der Cortège müsste schon arg ins Stocken geraten, möchte man all die Szenen betrachten.
Wenig später kommt wieder einmal eine Jubelclique aus der Theaterstrasse, die Aagfrässene mit einem wahrlich speziellen Auftritt zum 50. Geburtstag. Abgeführt von einigen «Uelivarras» (Revoluzzer-Fasnächtler) kommt ein Wagen daher, auf dem 60 «Vogelscheuchen» stehen. Jedes Mitglied hat sein eigenes Phantom gebastelt, um es auf dem Wagen mitfahren zu lassen, wie vor der Fasnacht zu erfahren war. Die echten Aagfrässene ziehen abseits der Cortège-Route durch die Gassen, «Carnaval Libre» eben.
Am späteren Nachmittag folgt schliesslich für heute das letzte Geburtstagskind: die 100-jährige Lälli-Clique. Die fünf Abteilungen der Stammclique gratulieren je einer der fünf anderen Jubilarinnen, die Tambourmajore stellen das jeweilige Cliquensymbol dar. Toll sehen die Lälli der Alten Garde aus, die als Sherlock Holmes’ der Valencia-Clique (erster Name der Spale-Clique) auf der Spur sind, ebenfalls überzeugend der Stamm als Artilleristen mit einer goldenen heiligen Barbara in seiner Mitte. Natürlich ist im Jubeljahr auch ein Wagen mit von der Partie, der wärmende Punsch wird von unserer Seite herzlich verdankt!
Erfreulich und darum ebenso erwärmend schliesslich der Zug der Opti-Mischte; eine Sinfonie in rot, inklusive der eindrücklichen Laterne. Vortrab, Pfeifer und Tambouren tragen auf ihren Köpfen Worte, die benennen, was es an der Fasnacht alles zu kritisieren gäbe, «Pöbel» und «konservativ» etwa. Sie fordern uns deshalb auf: «Imagine there is no Fasnacht…» Können und wollen wir nicht!



