Alle Karnevalisten Frankfurts, alle Majoretten und der Grosse Rat müssen sich diese Ausstellung anschauen. Um sich ein Beispiel zu nehmen. Nämlich wie man auch im 21. Jahrhundert eine wirklich witzige, bunte und echte Fasnacht feiert. Im Lokal «Schampus» stellt Fotograf Peter Menne zurzeit Bilder aus Basel aus. Bilder der «Basler Fasnacht», eines farbenfrohen, anarchischen Spektakels, wie es in hessischen Landen gänzlich unbekannt ist.
Natürlich können – und sollen – sich auch ruhig alle anderen Menschen, mithin die, die sich nicht karnevalistisch vereinmässig organisieren, Mennes Fotografien anschauen. Da stolpern zart dreinblickende Gnome mit spitzen Zauberhüten, die anderthalb mal so gross sind wie sie selbst, übers Trottoir. Aus den schlechten Zahnreihen einer grossen knallroten, irre dreinblickenden Maske mit gurkenförmiger Nase hängt ein dicker Stumpen. Dahinter steht einer mit einer identischen Maske – nur hängt ein Joint aus dem Schlappmaul. Eine Kapelle mit buntem Gefieder und an Bibo aus der Sesamstrasse erinnernden Maske stelzt übers Pflaster.
Und immer wieder Konfetti – oder «Räppli», wie die Basler sagen, von der Schweizer Währung «Rappen». Weiss, Lila, Pink, bunt gemischt, auf jeden Fall aber Mengen davon. Unvorstellbare Mengen. Schon kleine Kinder werden Müllsäcken voll Konfetti auf die Strasse geschickt. Auf Umzugswagen warten Pressluftkanonen darauf, dass ihre Artilleristen sich zwischen Orangen und Papierschnitzel entscheiden. Beides wird gnadenlos ins Publikum gefeuert.
Drei Tage lang, von Montag vier Uhr morgens bis Mittwoch – und das übrigens eine Woche nach dem deutschen Aschermittwoch – versinkt Basel unter einer Lawine von Konfetti. Ab und an sieht man Gruppen von je vier Narren mit einer riesigen «Laterne» auf ihren Schultern. Da wird dann gemalte Satire illuminiert, beispielsweise das ewige Thema unkeuscher Gelüste von Geistlichen. Und dazwischen wandern kleine unorganisierte Haufen von Kostümierten durch die Altstadt und machen selbige unsicher.
Vereinsmässige Ordnung und militaristisches Protokoll sind der Basler Fasnacht fremd. Vom schelmischen Feiertag gegen die gottgewollte Ordnung im Mittelalter hat sich dieser Karneval glücklich in die Neuzeit hinübergerettet und ist nicht dabei stehen geblieben, überkommene historische Gesellschaftskritik, beispielsweise die an gross-germanischem Militarismus, als sinnloses Ritual wieder und wieder zu präsentieren.
Dazu kommt dann noch geharnischte Verbal-Kritik an lokalen und internationalen Zuständen. Da wird in schneidendem Schwyzerdütsch gegen den Versuch, der Vereinigten Staaten gewettert, Käselöcher normieren zu lassen, die Harry-Potter-Hysterie wird sanft auf die Schippe genommen und für die Angewohnheit der eigenen Behörden, jedem international gesuchten Verbrecher eine Heimstatt zu gewähren, so lange der nur Steuern zahlt, gibt es bitterböse Galle satt.
Man mag es glauben oder nicht, aber all das findet sich in Mennes Fotografien wieder. Formal streng und mit scharfem Blick in Szene gesetzt, bersten die Bilder vor anarchischer Lust. Menne hat ein Auge für die überbordende Farbästhetik der Fasnacht, für die überdrehte Aktion und schliesslich auch für das Abseitige, die Pause, das Ende. Ein Bibo-Musiker hat seine schwere Maske abgenommen, wendet sich gerade von der Kamera ab – die Maskierung bleibt wegen fehlendem Gesicht des Menschen erhalten. Und dann liegen da zwei identische griesgrämige Masken mit zerfleddertem Haar auf einer Trommel, am Boden rosafarbenes Konfetti zuhauf. Kehraus. Schön war’s.



