Ein stets sichtbarer Mahnfinger

23. Januar 2003 | Von | Kategorie: Nachrichten

Angriffiger und frecher, solle es sein, aber auch poetischer und intimer – das Ridicule 2003. Und Helmut Förnbacher hat sein Versprechen eingelöst: Nach rund zweieinhalb Stunden zeigte sich das Premieren-Publikum zufrieden. Aber eines vorweg: Auch Förnbacher und seine Mannschaft vollbringen keine (vor-)fasnächtlichen Wunder; das Programm weist Längen auf, und der mahnende Zeigefinger wird gar oft erhoben.

Mit schweren und wehmütigen Moll-Tönen eröffnen die Ridicule-Pfeifer (aus dem «UFS-Fundus» unter der Leitung von Silvia Fuchs) die Veranstaltung, derweil zeitgleich der erste Güterzug (es sollte beileibe nicht der letzte bleiben…) das Förnbacher-Theater im Badischen Bahnhof in Vibrationen versetzt. «Was nutzt my grossi Waggis-Rehre, wenn die wo s agoot doch nid gheere», fragt sich wenig später die Figur im Fasnachtsmuseum schon fast resigniert. Es ist eine von vielen Fragen, die an diesem Abend aufgeworfen werden: Was ist Fasnacht? Wer darf Fasnacht machen? Und vorallem: Was ist an der Fasnacht erlaubt? Themen wie Kinderpornografie im Internet halten Einzug ins Ridicule. Momente, in denen es im mit 180 Zuschauerinnen und Zuschauern familiär wirkenden Saal still wird. Dass die Thematik allerdings gleich in zwei kurz nacheinander folgenden Rahmenstücken («Und jetzt…?» und «Dr Süüschee-Talk») eingebaut wird, ist schade und wirkt unnötig ideenlos.

Sonst hinterlässt die Helmut Förnbacher Theater Company – allen voran der omnipräsente Victor Behounek (als Schauspieler und als piccolo-virtuoser «Swingvogel»; bei letzterem Einsatz mit Fagott-Begleitung einmal mehr einer der Programm-Höhepunkte) – einen hervorragenden Eindruck. Ein Volltreffer die Nummer «Jesses, was isch das…?». Die Antwort ist schnell gefunden: d Blaggedde. «Do muesch zerscht druff ko», meint Jürgen von Tomëi – «logisch, dass zwai Kinschtler dra bedailigt gsy sinn: Ain elai hätt nie dr Maage kha, sonen Entwurf yyzraiche…». Das Ridicule kennt kein Pardon.

Und den eingefleischten Fasnächtlern wird permanent der Spiegel vorgehalten. So etwa von Tenor Marcel Lang und Altus Christian Bader, die – unterstützt von den «Marblebags» – die Herkunft Basler Fasnachtsmelodien belegen. Es kommt Erstaunliches zu Tage: Ein deutscher Studentengesang von 1819 bildet die Grundlage für den 9. Vers der «Alten Schweizer», das 25 Strophen (!) umfassende «Tellenlied» (1767) von Johannes Schmidlin aus Wetzikon diejenige für den 7. Vers. «Und es kommt noch schlimmer», warnt Lang: Der Schluss der «Neuen Schweizer» basiert auf einer Melodie aus einem Liederbuch von Andreas Zöllner (1862) – ein Stadtzürcher notabene… Nachdem dies geklärt ist, darf natürlich auch «der Hansele aus Emmedinge», der sich ins Fasnachtsmuseum im Badischen Bahnhof verlaufen hat, am Morgestraich teilnehmen. «Das Kostüm allein zählt nicht; es kommt drauf an, was drunter ist», mahnt die als Alti Dante verkleidete Frau Fasnacht.

Wer nebst diesem gesanglichen Höhepunkt grosse musikalische Kapriolen erwartet, wird enttäuscht. Das fasnächtliche Handwerk folgt dem Leitsatz: «Zurück zu den Wurzeln». Wohltuend schaurig schräg sind dabei etwa auch die Bläser der Guggemuusig Haanedropfer – und es soll durchaus als Kompliment gemeint sein, wenn ihr «Chattanooga Choo Choo» etwas klapprig über die Geleise holpert. Ganz im Gegensatz zu den Ridicule-Tambouren, die ein «Ysebähnli» für das Hochgeschwindigkeits-Trassee aufs Fell legen (und gleich zwei Mal eine Kurzversion des «Rhy-Express» ins Programm schmuggeln). Geschmuggelt wird auch bei den Pfeifern: Und zwar einige Takte des Zürcher Sechseläuten-Marsches, der in den begeisternden «Tiger Rag» (also doch noch eine «exotische» Nummer!) eingeflochten wird. Steigerungspotenzial gibt es auf Tambourenseite allenfalls im optischen Bereich: Ein Waggis im Schuhwerk des grössten Sportartikel-Herstellers der Welt wirkt etwas befremdend…

Langatmig und auf flache Pointen bauend präsentiert sich «Lieber alt und riich, als…», in der sich die letzten beiden Überbleibsel der Lach- und Spassgesellschaft des Jahrtausendwechsels, Christoph (B.) und Martin (E. – mit Fliege!), zusammen mit S(ozial)-P(roletarierin) Ruth (D.) über Shareholder Value und dergleichen lustig machen. Dass das Ridicule aber auch in der Sparte des «einfacheren» Humors überzeugen kann, beweist die von Markus Glugger geleitete Diskussionsrunde zum «Stadtroman» (mit einer starken Kristina Nel, gell?).

Abgerundet wird das Programm des vierten Ridicule-Jahrgangs durch die Auftritte der beiden Comité-Bängg «Gluggersegg» (wie immer toller Gesang) und «Gratzbürschtli» (die gebührengeile Suisa austricksend), die sich beide zwar noch nicht in Höchstform präsentieren (müssen sie auch nicht, bis zur «richtigen» Premiere am 10. März sind es noch einige Tage hin), dennoch bereits sehr gelungene Verse aus dem Hut zaubern. Natürlich fehlt auch die beliebte Sujetliste (von Carl Miville, vorgetragen von Hanspeter Stoll mit «Hausherr» Förnbacher) nicht; sie reicht von «Eergerlig» bis «Klatsch». Mit angriffigen und frechen Themen, aber auch poetischen und intimen Tönen – wie versprochen.