Wenn das Comité zum Organismus wird

5. Februar 2003 | Von | Kategorie: Nachrichten

«Eine Mischung von gläserner Poesie und raffinierter Psychoanalyse, eine Palette gescheiter, witziger ‹aperçus› über Basel, seine Fasnacht, seine Bebbi und deren seltsame Situation vis-à-vis der übrigen Eidgenossen.» Diese Worte stammen aus der Feder von «-minu», erschienen in der «Basler Zeitung» vom 10. Februar 1984. «Nun liegt da ein Büchlein vor mir», schrieb er weiter – was damals auch der Grund für die Lobeshymne war. «Le Carnaval des Bâlois» hiess es und heisst es noch immer, das Büchlein, geschrieben von Guy Curdy.

Die Vernissage der ersten Auflage von 1000 Exemplaren fand vor 19 Jahren im Cliquenkeller des Dupf-Club statt – nach fünf Wochen war das Werk vergriffen. Mittlerweile sind bereits drei Auflagen ausverkauft, so dass Curdy dieser Tage eine vierte überarbeitete Version auf den Markt bringt. «Die Fasnacht ist vielfältig und lebendig, so dass der Text auf den neuesten Stand gebracht werden musste», erklärt Gabrielle Curdy, Guys Ehefrau, gegenüber Basler Fasnacht Online. Sie zeichnet in der vierten Auflage für die Illustrationen verantwortlich.

Ohne das gebundene Büchlein im A5-Format aufschlagen zu müssen, wird einem schnell klar, dass hier aussergewöhnliche Literatur über «die drey scheenschte Dääg» vorliegt: Satte 108 Seiten umfasst das französisch-sprachige Werk von Curdy, der in den letzten Jahren auch als Fasnachts-Kommentator für das Westschweizer Fernsehen im Einsatz war. Die nicht weniger als 30 Kapitel zeichnen (nicht nur!) für Aussenstehende ein abgerundetes Bild eines nicht immer leicht zu verstehenden Brauchtums. «Um die Basler Fasnacht erklären zu können, muss man zuerst den Bebbi näher kennenlernen», beginnt Curdy etwa sein Vorwort. Bescheiden seien Herr und Frau Basler beispielsweise – «aber sie wollen, dass jedermann dies weiss». Und so entpuppt sich «Le Carnaval des Bâlois» mit zunehmender Lektüre durchaus zu einer Art Spiegel, den man sich vergnüglich vorhalten kann – denn «der Welsche» hat in seinen knapp 50 Jahren, die er nun am Rheinknie lebt, die einheimische Spezies sehr genau beobachtet und bringt die Sache auf den Punkt.

Das Buch von Guy Curdy ist Anleitung und Nachschlagewerk zugleich, die sich primär aber sehr süffig liest. Und immer wieder versehen ist mit feinen Nadelstichen: «Fête de la liberté, dit-on. Paradoxe: ce carnaval-là est organisé, dirigé, maintenu à courtes rênes par un organisme qui se nomme Fasnachts-Comité.» Gut erkannt: An kurzen Zügeln hält uns dieser Organismus also – pardon: diese Organisation. Curdy nimmt den Leser fortan mit, quer durch sämtliche Facetten und Eckpunkte der Fasnacht. Bis hin zu «Les balades postcarnavalesques» – den Bummelsonntagen. «Le Carnaval des Bâlois» entwickelt sich zur Pflichtlektüre für Aktive und Passive. «Schampar» schöne Schlusssätze inbegriffen: «An jenem Tag, an dem es keinen Esprit mehr geben wird, gibt es in Basel auch keine Fasnacht mehr. Und wenns keine Fasnacht mehr geben wird, gibt es keine Basler mehr!» Recht hat er – vermutlich…