Musikalisch perfekt und mit besseren «Rähme»

22. Februar 2003 | Von | Kategorie: Nachrichten

Im klassischen Charivari eröffnet die J.B.-Clique Stantihans das diesjährige Drummeli mit dem «Dudelsagg» und relativ wenig Licht, was auch seinen Grund hat; ausgespielt wird nämlich die Ablehnung des Elektrizitätsmarktartikels mit dem Sujet «Mir hänn trotzdäm Pfuus». Wortwörtlich märchenhaft danach die Rhyschnoogge, die zum «San Carlo» die Geschichte vom einbeinigen Zinnsoldaten und der Tänzerin erzählen. Passend zum ersten, kirchlichen Rahmestiggli hatten die Sans-Gêne Marsch (Nunnefirzli) und Dekoration (Kirchenfenster) gewählt. Und weil ja jeder einmal anfangen muss, erzählt die Trommel- und Pfeiferschule der Lälli das Lernen der musikalischen Fasnachtskunst gleich in vier Akten.

Etwas gar düster dann die Schnurebegge, welche «Steinkohle» abladen und anscheinend noch irgendetwas auf der Bühne machen, was sich anhand der tanzenden Lichtlein aber höchstens erahnen lässt. Da haben sich die Basler Rolli mehr einfallen lassen: Sie erinnern sich und das Publikum mit vielen Dias und einem schmissigen Marsch (Trommeltext K. Meyer, Pfeifernoten W. Zandona) an das Jahr 1969. Gen Airolo ziehn danach die Schnooggekerzli mit süffigem «Boccalino».

Für die absolute Sensation des ersten Teils ist dann aber die Gundeli verantwortlich. Das riesige Personalaufgebot besteht nicht nur aus perfekten Trommlern und Pfeifern, sondern auch noch aus einer steppenden Gruppe, das Ganze unter dem Motto «Gundeli steppt anders – oder: Die mit dem Floss tanzen». Eine optisch und musikalisch absolut überzeugende Nummer, die viel zu schnell zu Ende ist!

Optisch Himmel und Hölle in Bewegung setzen danach die Glunggi mit ihrem Basler Marsch und der bangen Frage was mit der Kleinbasler Beizenszene los ist. Als nächstes wirkt es angesichts der Stimmung gegenüber den USA fast schon hämisch, wenn bei den Basler Dybli eine Whoopy Goldberg-Maske verkündet, der Gewinner heisse «Unggle Sam». Den Reigen vor der Pause beschliessen die Alti Glaibasler mit «Z Basel an mym Rhy» und viel Neon, wobei sich die pantomimische Inszenierung wirklich sehen lassen kann. Ein toller 80. Geburtstag!

Nach der Pause bringen die Rhyschwalbe das Publikum mit Samba-Rhythmen schnell wieder auf Betriebstemperatur, bevor die Rhygwäggi mit dem neu arrangierten «Marignano» ein opulentes Schlachtengmälde zeichnen. Viel einfallen liess sich die Spezi-Clique mit herrlichen Filmszenen aus «Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten» und der (allerdings etwas dünn vorgetragenen) Titelmelodie dieses Films. Gegenüber früheren Jahren klar musikalisch gesteigert hat sich die Alti Richtig mit der «Wäntele». Richtig erotisch wird es beim Auftritt der Junteressli, die «Auprès de ma blonde» nicht etwa als Hommage ans Bier vortragen, sondern – entsprechend verkleidet – als Würdigung an Marilyn Monroe. Die Vereinigte Kleinbasler kommen nicht nur sehr melodiös daher, sondern haben anscheinend auch eine grössere Anzahl vom Marschübungen hinter sich, bis die fast schon Tatoo-artige Choreographie klappt.

Einmal mehr grandios sind die Alti Stainlemer, die mit ihrer «Staine Monstre Rock Show» das Publikum von den Stühlen reissen. Musikalisch und optisch wird hier das Maximum herausgeholt. Und in der nächsten Darbietung bietet die «Wettstai-Clique» mit ihrem asiatische Ambiente den perfekten Kontrast dazu. Auf sehr überraschende Art tun sich Spale-Clique und Breo zusammen; in dieser letzten Nummer war die Mithilfe von Michi Robertson nicht zu überhören.

Zu den Wortbeiträgen: Im Prolog wird der nicht sehr verheissungsvolle Satz ausgesprochen, man werde heute nicht viel zu lachen haben. Dieser Satz bewahrheitet sich in den Rahmenstiggli glücklicherweise nicht. Die Idee etwa, die berühmte Skiliftszene des Cabarets Rotstift fürs Anstehen zu Münsterengel, Expo oder FCB zu adaptieren, mag nicht sehr originell wirken; die Texte sind aber lustig, geschliffen und gut vorgetragen. Eher langfädig fängt die Kindergartenszene an, steigert sich aber, als die Kinder Regierungsräte spielen wollen und dabei die eine oder andere Ueberraschung bereithalten. So soll Basels Polizeidirektor nicht nur Ambitionen auf den Ständeratssitz hegen, sondern gar in den Bundesrat wollen.

Sehr düster (und leider wohl nicht mehr weit von der Wahrheit weg) die Spitalszene. Dafür scheinbar fröhlich, und dann doch zum Nachdenken anregend, der «Swiss Rap», der musikalisch und mit Wortwitz einen Höhepunkt der «Rähme» darstellt. Etwas sehr schenkelklopfend ist dann allerdings die nachfolgende Expo-Nummer. Entscheidend der letzte Satz: «Wüsse Si, wo do neume d Schlusspointe isch?» Bedaure, Nein!

Einen tollen Abschluss bietet dafür das letzte Rahmenstück, in dem musikalisch sehr originell und witzig ein Abgesang auf einen gewissen René C. geboten wird. Die Arrangeur-Qualitäten eines weiblichen «Kurtli» und des Diefflieger-Bandleaders kommen in diesem Mini-Musical wunderbar zur Geltung, ebenso die unverwüstliche, «struppige» Gigi Oeri. Und selbst ein Highlight war besagter Prolog, in dem Schneemänner über eisige Zeit und heisse Krisen lamenterten, und dabei auch scheinbare Nebensächlichkeiten der Weltgeschichte nicht vergassen:

Wär unsere Cecca so verlaadet

hett im Whirlpool dängg z haiss baadet.

Als Schnitzelbängge überzeugen d Kärnebigger mit prägnantem Vortrag, trotz guten Versen über Papst und Simon Amman ist aber der absolute Knüller noch nicht dabei. Der Schwoobekäfer als zweite Darbietung dieser Gattung zeigt sich deutlich bissiger und scheut sich auch nicht, heisse Themen wie sexuelle Verirrungen der Priesterschaft oder Kannibalismus aufzugreifen – und dies in perfekter Manier nie unter der Gürtellinie.

Der Drummeli-Jahrgang 2003 überzeugt, auch wenn mit Ausnahme der erwähnten Gundeli, AGB und Alti Stainlemer keine eigentlichen Sensationen aufzuzählen sind. Auffallend ist, das die Beamer-Technik sparsamer eingesetzt wird als im vergangenen Jahr. Und äusserst erfreulich ist, dass die «Rahmenstiggli» nicht mehr Ärger verursachen, sondern in den meisten Fällen der Erheiterung dienen. Alles in allem ein gelungener Einstand des neuen Regisseurs Renato Salvi.