Eines haben die Alten Stainlemer (einmal mehr) geschafft: Man redet über sie. Nur: Rühmlich ist die Diskussion, die am Fasnachtsmontag losgebrochen ist, keineswegs. «Ihr Auftritt an der Fasnacht hat bei Juden für Entsetzen gesorgt», schreibt der «Baslerstab». Was sich hinter dem harmlos scheinenden Sujettitel «Draumhochzyt» im Fasnachtsführer «Rädäbäng» versteckte, war in Tat und Wahrheit starker Tobak. Die Exponenten dieser Traumhochzeit sind nämlich Israels Premierminister Ariel Sharon und Palästinenserführer Yassir (alias Jassira) Arafat. «Natürlich ist das Sujet vom Thema her schon ein Grenzfall», erklärt Comité-Statthalter Felix Rudolf von Rohr auf Anfrage von Basler Fasnacht Online. «Entscheidend ist aber letztlich, wie es umgesetzt wird.»
Und genau hier sind beim Stainlemer-Zug die Grenzen mitunter überschritten worden. Sicher: Dass im Zug aufgebahrte Israelis und Palästinenser durch die Basler Altstadt getragen wurden, umgeben von schuss-durchbohrten Flaggen und Hamas-Terroristen, mag bereits die Geschmacksgrenze vieler überschritten haben – doch: Ob der offensichtlichen Unlösbarkeit dieses seit Jahrzehnten dauernden Konflikts, hat der Anblick der Stainlemer genau jenes beklemmende Gefühl proviziert, das auch bei der alltäglichen «Tagesschau» aufkommt. Dennoch hat gemäss «Baslerstab» der in Israel lebende Heimwehbasler Alexander Avidan vom Comité den Ausschluss der Alten Stainlemer vom Cortège verlangt. «Wir haben ihm geantwortet, dass wir dem natürlich nicht entsprechen können – dennoch die Sache ernst nehmen und untersuchen werden», bestätigt Rudolf von Rohr.
Die Alten Stainlemer sehen sich mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert. «Grund dafür sei aber offensichtlich vielmehr das Geschriebene», so Rudolf von Rohr. Gemeint ist allerdings weniger der Zeedel (obwohl auch dort – neben Bush, Blair, Annan oder dem Papst – ein grüssender Adolf Hitler unter den «Hochzeitsgästen» zu sehen ist): «Der Zeedel ist inhaltlich zwar nicht lustig, aber das muss er auch nicht sein», sagt das Comité-Mitglied. «Er beschreibt ganz einfach das Grauen.» Auch Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «Tachles», hat mit dem Sujet per se keine Probleme: «Der Nahostkonflikt soll auch an der Fasnacht nicht tabuisiert werden.» In sein Schussfeld der Kritik geraten primär die Laternenverse, die Kugelmann unter anderem wie folgt zitiert:
Dr Ariel holt, s’isch nonig z’spoot,
bim Adolf no dr letschti Root.Zem Ariel hersch dr Adolf gaggse,
loss Dir doch au e Schnäuzli waggse.E Hamaskämpfer froggt per se,
Adolf het s no Zyklon B.D’Israeli schächte nid numme Rinder,
sondern au palästinänsischi Kinder.
«Gute Hülle, schlechter Inhalt», so das Fazit von Kugelmann. Vermischt werden vorgängig erwähnte Verse auf der Stainlemer-Laterne aber mit solchen, die viel eher in die Kategorie «gallig» fallen:
Dr Ahmed sait zem Soon: Nid zwänge,
morn dörfsch au du go Jude spränge
Dr Aaron maint mit lychtem Gnuss:
«Worum lauft au das Kind in Schuss?»S’Füürwärgg an dämm Hochzytsfescht
sinn e baar gschprängti Hochzytsgescht.
Wie es weitergeht, ist offen. Gut möglich, dass auch das Fasnachts-Comité Stellung beziehen muss. «Seit einem vor ein paar Jahren erstellten Rechtsgutachten, gelten wir offiziell als Organisatorin der Fasnacht», sagt Rudolf von Rohr. Dennoch ist eine vorgängige Überprüfung der ausgespielten Inhalte schlicht unmöglich. Das Comité selbst kann lediglich über eine allfällige Subventionskürzung eine «Sanktion» aussprechen – das war etwa gegen eine Stammgesellschaft vor Jahren im Zusammenhang mit der visuellen Umsetzung eines christlich-religiösen Themas der Fall. Allmählich scheint sich die Schrankvitrine im Stainlemer-Keller am Auberg mit eigens betretenen Fettnäpfchen zu füllen…
Weitere Informationen:
Alti Stainlemer Zeedel 2003
Artikel aus dem jüdischen Wochenmagazin «Tachles»



