«Ich hoffe, die betroffene Clique zeigt Stärke und entschuldigt sich öffentlich für ihr Auftreten», so die Forderung in einem der unzähligen Mails, die Basler Fasnacht Online (BFO) seit dem vergangenen Freitag erreicht haben. Und tatsächlich: «Falls sich jemand durch einzelne Verse und/oder Darstellungen verletzt fühlt, so bedauern die Alten Stainlemer dies zutiefst und entschuldigen sich in aller Form», heisst es in der heute von Cliquen-Obmann Stefan Bachmann versandten Stellungnahme. Hintergrund: Die Alten Stainlemer spielten an der Fasnacht 2003 eine «Draumhochzyt» zwischen Ariel Sharon und Yassir Arafat aus – insbesondere einige Laternenverse haben dabei die Gemüter erhitzt und den Vorwurf des Antisemitismus laut werden lassen.
Eine Leserreaktion bringt es auf den Punkt: «Unsere Fasnacht ist bekannt für ihren Humor und ihre Bissigkeit – die Grenzen sind hochgesteckt.» Dennoch seien sie von den Alten Stainlemern überschritten worden: «Das Sujet ist in Ordnung. Auch die Laterne ist tragbar – ja, sogar sehr nachdenkenswert. Eigentlich alles sehr positiv. Doch mit den Ladärnevärsli und dem Zeedel wurde alles wieder über den Haufen geworfen.» Und eine weitere Wortmeldung wird noch direkter: «Schade, die ganze Geschichte ist für mich ein unentschuldbarer Missbrauch der Fasnacht an sich, der sich auch dadurch nicht begründen lässt, dass Israel selbst seine militärische und technologische Überlegenheit gegenüber den Palästinensern ebenfalls immer wieder missbraucht.»
«Uns war bewusst, dass wir mit dem Nahostkonflikt ein besonders heikles Thema aufgegriffen haben, das uns täglich berührt», sagt Bachmann. «Es ging uns aber zu keiner Zeit darum, den Konflikt zu verharmlosen oder sich über die unerträglich hohe Zahl der Opfer sowie das vielfache Leid auf beiden Seiten lustig zu machen.» Ziel und Zweck des Sujets sei es vielmehr gewesen, die Sinn- und Ausweglosigkeit, mit der diese Auseinandersetzung zur Zeit von allen Beteiligten geführt wird, aufzuzeigen und anzuprangern – so die Stellungnahme weiter. Das sieht Dennis L. Rhein, passionierter Fasnächtler und Generalsekretär des «Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes» (SIG) etwas anders: «Das Sujet war unter der Gürtellinie, und zwar für beide Seiten – Israelis und Palästinenser.» Und was in seinen Augen noch viel bedenklicher erscheint: «Solche Themen können den Antisemitismus schüren; die Leute unterscheiden nicht mehr zwischen Israelis und Juden.»
In der Tat: «Ich bin selbst jüdisch», schrieb uns eine Leserin, «bin aber Israel gegenüber sehr sehr kritisch eingestellt.» Gerade deshalb fand sie das Sujet an und für sich gelungen. «Aber es gibt auch für mich Grenzen – die wurden klar überschritten, und zwar in beiden Richtungen.» Knapp, aber nicht weniger aussagekräftig eine weitere Reaktion: «Terror, Mord und Tote sind keine Fasnachtsrequisiten. Unbedarft, politisch parteiisch, Antisemitismusvorwurf berechtigt. Man hätte ihn voraussehen müssen.» Und ein anderer Leser meint: «Ich unterstelle den Vers-Verfassern nicht Antisemitismus, aber doch ein unerträgliches Mass an Geschmacklosigkeit.» Gibt aber zu Bedenken: «Vor allem ärgert mich, dass wirkliche Antisemitisten sich lachend die Hände reiben.»
«Worte können weh tun, aber Kugeln töten», hatte BFO am Sonntag eine der ersten Reaktionen zitiert. Die Replik liess nicht lange auf sich warten: «Worte können aber dazu führen, dass tötende Kugeln geschossen werden.» Die gesamte Diskussion, die durch das Sujet der Alten Stainlemer und die Berichterstattung von Basler Fasnacht Online entstanden ist, zeichnet sich durch teils sehr ausführliche und fundierte Wortmeldungen aus. Dabei wird auch immer wieder die politische Situation in Nahost geschildert und kritisch hinterfragt.
Und wie geht es weiter? «Es wird voraussichtlich keine Strafklage geben», erklärt SIG-Generalsekretär Rhein auf Anfrage von Basler Fasnacht Online. Ohnehin sei dies keine Angelegenheit für den nationalen Dachverband – vielmehr sei die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) betroffen. Diese werde aber, so Rhein, mit dem Fasnachts-Comité und den Alten Stainlemern primär das Gespräch suchen. Dem Vernehmen nach soll die IGB am vergangenen Sonntag zudem kräftig von der Umfrage-Möglichkeit auf «fasnacht.ch» Gebrauch gemacht haben; letztlich sprach sich dort eine klare Mehrheit dafür aus, dass die Alten Stainlemer mit ihrer «Draumhochzyt» die Grenzen eindeutig überschritten haben.
Ob seitens des Comités Sanktionen ausgesprochen werden, ist offen. «Eine Subventionskürzung finde ich absolut heuchlerisch und opportunistisch», schreibt dazu ein Leser. «Bald kommen wir soweit, dass jedes Sujet einer Zensurkommission vorgelegt werden muss.» Aber auch bei diesem Punkt herrscht in der Diskussion keineswegs Einigkeit: «Ich hoffe sehr, dass Instrumente geschaffen werden, mit denen künftig solche Dinge unterbunden werden, respektive solche Cliquen ausgeschlossen werden können.» Darob gerät ein weiterer Leser in Rage: «Wievielen Cliquen müsste die Subvention gekürzt werden, wenn die US-Botschaft sich über alle Bush-Sujets beklagen würde? Wieviele Cliquen bekämen ‹Schimpfis› vom Comité, weil das Sujet Pädophilie von Priestern der katholischen Kirche nicht in den Kram passt? Wir gehen langsam aber sicher schönen Zeiten entgegen, wo ‹d Schnuure halte› und ‹Kopfnigge› angesagt ist.»
Weitere Informationen:
Stellungnahme Alti Stainlemer (PDF-Datei)
Alti Stainlemer Zeedel Fasnacht 2003
Artikel von Basler Fasnacht Online vom 16. März
Artikel von Basler Fasnacht Online vom 14. März
Artikel der jüdischen Wochenzeitung «Tachles»



