Noch zwei Mal schlafen und dann ist es so weit. Fasnachtsfeeling mitten im Hochsommer. Ein Hochsommer, der derzeit sogar die Menschen im kühlen Schottland zum schwitzen bringt. Nach dem Bezug unserer Hotelkammer – sorry, aber der Begriff Zimmer wäre der Übertreibung zu viel – schlagen wir uns die Zeit mit shopping, sightseeing, und Nahrungsmittelaufnahme um die Ohren. Letzteres besteht im wesendlichen aus gefrorenem, im heissen Oelbad gemeinsam wieder aufgetautem Junkfood. OK, sie geben sich ja Mühe, aber Michelin-Sterne sind etwa so weit entfernt wie die Milchstrasse selber. Man wundere sich also auch nicht mehr, dass das kollektive entfetten mittels Bier- und Whiskyschwemme mit viel Hingebung durch die Einheimischen praktiziert wird und uns hie und da zu ergreifenden Verbrüderungsszenen verholfen hat.
In diesem Rahmen also fiebern wir auf den Samstag Abend, den Höhepunkt unseres Edinburghtrips, hin.
Unzählige Pubs, Fish und Chips später ist es endlich so weit. Die Spannung und Vorfreude steigt ins unermessliche. Wir montieren unsere TSDC-Shirts, bewaffnen uns schlachtenbummlerkonform mit Basler- und Schweizerfahnen und ziehen in die grosse Schlacht zu Edinburgh-Castle. Vor dem Schloss trifft soeben die erste Angriffswelle der Besucher aus der Nachmittagsvorstellung auf die Vorhut derjenigen welche die Abendvorstellung besuchen wollen. Es kommt zu einem veritablen Defilee der Herauskommenden, beobachtet von den spalierbildenden Neubesuchern. Wir schliessen uns der spannungsgeladenen Meute an und schieben uns durchs Getümmel an den Ort des Geschehens „on the Esplanade at Edinburgh Castle“. Dorthin also wo vor ein paar Tagen ein paar verwegene Nichtmilitaristen, die Eroberung einer ganzen Stadt, ja vielleicht sogar einer ganzen Insel begonnen haben. Das wird mir sofort klar, als der Platzanweiser als erstes mein T-Shirt konfiszieren will. Ich weise Ihn höflich darauf hin, dass ich nichts unter dem Shirt trüge und somit den Moralvorstellungen seiner Queen nicht hinlänglich genüge tun könne und er mich deswegen unbehelligt und vor allem korrekt bekleidet passieren lassen solle. Wir wissen ja mittlerweile das auf korrekte Bekleidung wert gelegt wird.
Übrigens habe ich mich auch mit der (Kleider- und Moral-)Frage beschäftigt, was denn die einheimischen Herren nun tatsächlich unter ihren Kilts tragen. Die durchaus akzeptable Antwort war: die Zukunft Schottlands. Damit lässt es sich leben, oder? Hingegen auf die Frage, wie denn die Zukunft Schottlands aussehe, war die Antwort eher irritierend: das käme wohl darauf an, wie sie (die Zukunft?) in die Hand genommen würde!!! Tja, andere Länder, gleiche Sitten.
Zurück zum Tattoo. Was uns sofort auffällt, wir sind nicht die einzigen mit Fähnli, Shirts und Dächlikappe. Auf die Frage, ob denn jemand wisse welches Resultat der FCB gespielt habe, kann ich dank SMS aus der Heimat ein „3:1“ in die Tribune fanfaren. Das Echo bestätigt die Aussage, dass es sich an dieser Stelle um „die kleine Muttenzerkurve in Edinburgh“ handelt. Es war nicht das einzige Mal, wo das nichtbaslerische Publikum zur Kenntnis nehmen durfte, dass wir vermutlich schon etwas anders ticken. So richtig zum Ausdruck kam dies erstmals, als der Platzspeaker zu einer nicht enden wollenden Begrüssungs- und Gratulationsrede ausholte und dabei auch die Besucher aus Basel begrüsste. Tosender Applaus mit unübersehbarem Fähnlischwingen.
Anschliessend geht’s dann endlich los. Ein Spektakel, das an musikalischem Können, militärischem Präzisionsmarschieren und traditionellen Tänzen nicht zu übertreffen scheint. Untermalt von einer Schlosskulisse die ihr Gesicht durch wechselnde Farben laufend verändert und den Betrachter in einen Bann zieht, der an Zeiten erinnert wo sich die Highlanders noch gegenseitig auf den „(Dudel-)Sagg“ gaben.
Und dann – die letzte Band marschiert gerade aus der Arena, im Hintergrund, schwarze Hüte, weisse Federn, der Speaker holt aus zur Ankündigung des TSDC, der Applaus aus der „Muttenzerkurve“ lässt ihn nicht in Ruhe aussprechen, – russt es los. Morgenstreich abends um Elf in Schottland! Beinahe Herzstillstand, abgelöst von Staunen, Begeisterung und jubelndem Zwischenapplaus. Was die Jungs da auf ihre Trommelfelle hin- und mit den Trommelschläger in die Luft herauszaubern, berechtigt den Gebrauch von Superlativen. Der Japaner neben mir flippt beinahe aus und sein Nachbar hat Freudentränen in den Augen. Wer nicht? Was da abgeht scheint nicht mehr von dieser Welt, schon gar nicht aus „were the fu… is Basle“, oder eben doch?
Viel zu schnell ist der Zauber vorbei, die letzten Takte in einem Höllentempo auf die Felle gehämmert. Den Schlusswirbel hört man beinahe nicht mehr durch den überschäumenden Applaus. Verbeugung, Vorhang, das war’s. Was jetzt noch kommt ist nur noch schöne Erholung.
Ob Basel tatsächlich anders tickt, hat mir bis jetzt noch niemand wirklich beweisen können. Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann: Basel trommelt anders! Und damit zum meinem persönlichen Fazit dieses Anlasses. Sollte es nach dem Edinburgh Military Tattoo tatsächlich – schon der Gedanke schmerzt – zur Auflösung dieser Formation kommen, schlage ich vor, dass die eine Hälfte des Corps Basel Tourismus übernimmt und die andere die neue Basler Regierung stellt. Wer mit so einer Professionalität, Effizienz und so einem grossen Einsatz (selbst gegen vereinzelten Widerstand unmusikalischer Zeitgenossen) hinsteht und aller Welt zeigt, das Basel nicht nur Fussball spielen kann, hat den gebührenden Respekt verdient. Das die Jungs darob nicht ihre Bodenhaftung verloren haben – wir haben das beim gemeinsamen Bierglasbodensuchen in der lärmigen Atmosphäre des Espionage-Pubs erleben dürfen – ehrt sie darüber hinaus.
Vielen Dank für Euren grossartigen Beitrag an einem Anlass, der wohl allen die dabei waren, in bester Erinnerung bleiben wird.
PS: Ich rate allen Baslern und speziell jenen die zur Schlussveranstaltung nach Edinburgh reisen: Nehmt Basler- und Schweizerfahnen mit und beim Musik Wyler in Basel kann man auch noch das restliche TSDC-Equipment beziehen.
Weitere Informationen:
Das Tagebuch
Die Foto-Galerie
Homepage Top Secret Drum Corps
Homepage Edinburgh Military Tattoo



