Schon wieder Georges Gruntz? Die Basler Jazz-Legende ist auch beim diesjährigen «Ridicule» Bestandteil des Programms! Natürlich nicht mit physischer Präsenz. Nein. Gruntz schrieb einst die fantastische Melodie des «Nunnefirzli» aufs Notenblatt. Doch davon später mehr. Seit Mittwochabend ist im Theater der Helmut Förnbacher Theater Company wieder Vorfasnacht angesagt – und wie. Die Premiere hatte es in sich, nicht zuletzt in Sachen Fasnachtsmusik. Doch wie immer besticht die «Nase voll Fasnacht», so der Untertitel, durch Texte, die in die intime Atmosphäre des Spielortes im Badischen Bahnhof massgeschneidert sind, und durch starke schauspielerische Leistungen: Für den Höhepunkt ist in diesem Jahr Kristina Nel als Fremdenführerin besorgt, die im Rahmen der «baslerisch-berlinerischen Freundschaft» unterwegs ist.
Doch der Reihe nach. «Viel schöne Fasnachtsmusik», hatte Ridicule-Regisseur Helmut Förnbacher im Vorfeld angekündigt. Mit «Glopfgaischt», «Hanswurscht», «Spalebärg» und eben jener vorerwähnten Gruntz-Komposition wird das Versprechen eingelöst. Perfekt vorgetragen von der Pfeifergruppe um Silvia Fuchs – gewürzt von der Tambourengruppe «Bâsilicum», die zudem weitere starke Solo-Auftritte beimischte: «Dr Stadttambour» von Alain Martin – und «s Intermezzo», was eine bodenlose Untertreibung ist. Die Schlussnummer kommt pulsierend und gnadenlos «ruessend» daher. Eine feste Grösse sind zudem die «Swingvögel»: «Piccolo meets…», heisst jeweils der Untertitel – «Piccolo», die Auflösung in diesem Jahr. Überraschung gelungen.
Allgegenwärtige Themen sind schnell ausgelotet: Blocher, Blair, Berlusconi – und wenn es denn lokalpolitisch angehauchter wird, so ist die Baselbieter Regierung, allen voran Ernst Straumann, an der Reihe. Und natürlich darf das Wechseltheater um FCB-Star Hakan Yakin sowie «dr Schnaabelpryys» (die in vorderster Front von UBS-Chef Marcel Ospel getragene Idee der erstmaligen Bänggler-Prämierung) nicht fehlen. Die Sujetliste von Carl Miville gehört im fünften Ridicule-Programm längst zum Inventar. Süffig-pointiert wie immer. So wird Michael Schindhelm schnell einmal als «Allzweck-Theater-Direktor» betitelt. Oder zum Kasernen-Debakel:
D Regierig sait, s wird greftig gspaart
Und das Gspaart – verlocht dr Bart.
Kurz vor der Pause ist schliesslich Company-Schauspielerin Kristina Nel alias Stella Witzig in einer regelrechten Paraderolle zu sehen: Berliner Gästen will sie, die ja eigentlich schon echte «Baselerin» geworden ist, die Fasenacht näher bringen – und erklärt ihnen kurzerhand, «was man tutet und eben nicht tutet». Eine Stimme fordert die Reisegruppe auf: «Folgen Sie dem Gebläse-Orchester!» Der von Walo Niedermann geschriebene Text ist ein regelrechter Rundumschlag: So wird dem neuen Messeplatz eine «sensibilisierende Asphaltizität» zugestanden, die «mystisch-ökumenisch» sei. «Hejo, do finden regelmässig Messen statt», weiss Stella Witzig. Dann würden die Bebbi, Bebba und Bebbini zu Gott beten und ihn fragen: «Warum tust Du uns das nach dem Bahnhofsplatz auch noch an?» Grandios!
Der Spagat zwischen eher lustigen und sehr besinnlichen Nummern gelingt. Da verzeiht man gerne, dass «d Goschdymschnyydere» sich als eine etwas gar einfach gestrickte Hyylgschicht (mit fast schon unromantisch schnellem Happy-End…) entpuppt – die allerdings von den im Anschluss auftretenden «Marble Bags» («s Lied vom Fasnachtstraum») wiederum mit wunderschönen (irischen) Melodien und (baseldeutschen) Texten aufgenommen wird. Der kurzerhand aus dem Programm gekippte «Loggruef vo dr Schnaabel-Weid» (sic!) wird mit «Basel sucht den Schnitzel-Star» ersetzt – ein Stück, das gelegentliche Längen aufweist, nicht zuletzt aber durch ganz starke Bänggler-Värs brilliert. Gewonnen hat übrigens «Dumm & däämlig». Und ist somit UBS – «unser Basler Schnitzelbangg».
Daneben gibts viel Poesie. Die abrupt aus den Träumen reissen kann. Etwa dann, wenn «dr Ladärnemooler» feststellt: «D Fasnächtler sinn Mimose!» Oder der zuvor noch himmelhoch jauchzende Ueli («Mir sinn die Greeschte, mir sinn dr Nabel vo dr Wält») sich als Arbeitsloser entpuppt – und zum Schwarz-Maler und Schwarz-Seher mutiert… Dennoch hält er fest, dass die Schweiz nicht nur eine Nation der Hochsee-Segler, Hornusser und Jasser sei, sondern auch im Tennis eine Macht. «Das weiss doch jeder und jederer…»
Da passt es bestens ins Gesamtbild, dass die jubilierenden KanniBâle die Tradition starker Gugge-Auftritte am Ridicule fortsetzen. Nein! Die mittlerweile auch schon fast zur Tradition verkommene Diskussion, ob die schränzende Formation nun schon wieder zu perfekt war, zetteln wir an dieser Stelle nicht an. Die beiden Schnitzelbängg tasten sich an die Fasnachtsform (noch) heran. Der Auftritt der «Gluggersegg» (die sich offiziell vom «Schnaabelbryys» distanzieren) lebt einmal mehr von der gesanglichen Stärke und der in jedem Vers wechselnden Melodie. Doch auch inhaltlich sind erste Trouvaillen angesagt:
Rolling Stones, Rolling Stones, fille dr Letzigrund
Und by uns driffsch dryssig Dausig – wenn dr FC Aarau kunnt.
Auch beim «Gratzbürschtli» sind die rotblauen Fussballhelden ein Thema. Es hat allerdings Neuigkeiten in Sachen FCB-Torhüter Pascal Zuberbühler:
Är griegt hinder s Gool e Blindehund
Dä bällt denn schyynt s, wenn d Balle kunnt.
Förnbacher betont immer wieder gerne, dass er mit dem Ridicule in der Basler Fasnachtswelt eine Nische gefunden habe. Stimmt. Sein Verständnis der Vorfasnacht ist anders – und deshalb passt es sich als Mosaiksteinchen perfekt ein. Wer anhand der Publikums-Reaktionen auf die Qualität des Programms schliessen will, tut sich schwer. Schenkelklopfen ist ohnehin fehl am Platze – und auch die Lacher kommen dezidiert, aber deswegen nicht minder herzlich. Oft bleiben sie einem hingegen im Halse stecken. Das liegt an den feinfühligen Texten, die grössenteils nur beim ersten Hinhören wirklich leise sind. Im Theater-Foyer sind denn auch viele zufriedene Gesichter auszumachen – die Ausgabe 2004 ist ein Erfolg. «Gäbe es das Ridicule nicht schon, man müsste es glatt erfinden», sagt Förnbacher im Epilog. Genau. Zustimmung beim Premieren-Publikum.



