Im Journalismus gibt es – analog zur Dramaturgie einer Vorfasnachts-Veranstaltung – gewisse Grundregeln. Während die Macher des «Ufftaggt» (Bernhard «Beery» Batschelet, Siegfried «Sigi» Kutterer und Urs Zeiser) die Spannung bis zum Schluss aufrecht erhalten, ja sogar kontinuierlich steigern konnten, brechen wir an dieser Stelle alle Grundregeln und lassen die Luft gleich zu Beginn ab: Die Vorfasnachts-Veranstaltung im Theater-Foyer war schlicht und einfach… s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l!!!
Doch, doch. Gewiss hat es jeder der zehn Auftritte verdient, ausführlich gewürdigt zu werden. Aber wo beginnen? Vielleicht bei Eva Wannenmacher? Der Zürcher Fernsehfrau gelingt es als Moderatorin jedenfalls auf charmanteste Art und Weise, die rund 600 Gäste von der ersten Minute an um den Finger zu wickeln. «Eine Zürcherin an einer Basler Vorfasnachts-Veranstaltung», fragt sie – «ich spüre förmlich die Wellen der Entgeisterung, die mir entgegen schwappen.» Doch Wannenmacher gibt gleich zu Beginn den Tarif durch: «Der Ufftaggt soll uns von der Macht der Gewohnheit abbringen.» Das tut er – und wie!
Immerhin gesteht Wannenmacher uns Baslern zu, dass wir einen «ganz passablen Fussballclub» besitzen würden – was elegant zur Bemerkung überleitet: «Heute wird ausschliesslich Musikalisches aus der Super League geboten.» Etwa dann, als Georges Bizets «Carmen» (Sinfonieorchester Basel mit den Vereinigten Kleinbaslern/VKB) mit militärischen Fragmenten des «Arabi» durchsetzt wird. Oder Kutterer in «IndieTop, z Basel an mym Ganges» südindische Mrdangam-Trommeln mit der Basler Trommel verschmelzen lässt. Nicht nur das Schlussfurioso reisst das Publikum förmlich von den Sitzen. «S butzt aim d Kuttle», warnt Wannenmacher in (fast) perfektem Baseldytsch – nicht nur bei diesem Stück. Auch etwa die zweite Komposition Kutterers begeistert: «Chinesische Sprichwörter und ornithologische Studien haben mich schon immer interessiert», erklärt der Musiker – aus dieser Symbiose als Resultat hervorgegangen ist der «Bebbinelli». Schräg das Rezessionsorchester, nicht minder kurios die neuseeländischen Kiwis, die ihrem Allerwertesten Piccolotöne entlocken.
Fasnachtsmärsche? Ja, die gibts auch in unverpackter Form. «dr Stolperi» etwa. Eine Komposition von Daniel Weissberg, deren Harmonien vom fasnächtlich-geübten Ohr viel abverlangen. «Auf der Strasse sind die Stolpereffekte nicht lebensgefährlich», sollen die Pfeiferinnen und Pfeifer Entwarnung gegeben haben. Glauben tun wirs nicht ganz, ist der Marsch doch so herrlich jenseits jeder Hühnerhaut-Noodlebäärg-Heubäärg-Gässle-Melodie. Die wird dann auch noch serviert – und zwar in Form des «Summervogel» aus der Feder von «Ufftaggt»-Initiant Beery Batschelet. Abgerundete Melodien. Schräge Kanten. Man sieht den «Summervogel» förmlich von Blüte zu Blüte fliegen. «Kein eigentlicher Marsch», korrigiert der Künstler, «vielmehr eine Komposition zum Schreiten.»
Einmal mehr macht «dr Singvogel» dem Kritiker das Leben schwer: Selbst mit Orchester-Begleitung (und eigens für den heutigen Auftritt gedrechselten Versen zu allerlei Orchestralem, Sparbemühungen und sonstig Schrägem) lässt sich der Bänggler auch nicht von einer inferioren Ouverture, die in einer regelrechten Melodien-Striggede (sic!) endet, aus dem Konzept bringen. Phänomenal! Basler (Bänggler-)Weltklasse! Und auch «dr Schyynhailig» – er begleitet sich an der Trommel (!) selbst – schüttelt Überraschendes aus dem Ärmel: Etwa mit den ersten mehrsprachigen Versen, die zwar – inklusive Gebärdensprache! – nicht mehr verständlich sind; doch die Pointe «SVP» sitzt. Lacher. Tosender Beifall.
Ja. Und dann wären da noch die «MegaSuperAltenSchweizermärsche», eine von Batschelet arrangierte symphonische CH-Modeschau in elf Bildern. Wir lesen im Programm: Sinfonieorchester, Pfeifer, Trommler, Solotubaspieler, fahrendes Alphorn, schreitende Kontrabässe, Kinderziigli, die alten Schweizer und Ueli, der Narr. Genau. Alle sind sie gekommen. Etwa die Alten-Schweizer-Kämpen – in Kostümen der Marke «untragbar». Fast alle der 150 Mitwirkenden stehen jetzt auf der Bühne. Gigantisch. Chaotisch. Schräg. Und trotzdem sauschön.
Ganz neu ist nicht alles. Was aus dem Archiv geholt wird, hat aber Spitzen-Charakter. So erleben zwei Drummeli-Auftritte ihr Revival. Zum einen «dr Spagat», der im Rahmen des Basler Musikmonats im Jahr 2000 bereits von der VKB – damals zusammen mit der Schola Cantorum Basiliensis – intoniert worden war. Zum andern ist es «Brrr…» von Zeiser, mit dem die Alte Glaibasler (AGB) am Drummeli 2001 einen Riesenerfolg gefeiert hatten. Untermalt von kräftigen Trommelwirbeln laufen die wohl vergänglichsten 72 Stunden (oder vulgo «die drey scheenschte Dääg») in Bildern ab. «Brrr…» fröstelt es danach jeden. S Fasnachtsfieber isch do!
Dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Marko Letonja (alle treten freiwillig und ohne Gage an!) macht der Spagat sichtlich Spass. Dem Publikum auch. Soll derart Fantastisches als etwas Einmaliges stehen bleiben? Die liberale Fasnachtswelt – und mit ihr auch alle Puristen und Traditionalisten – haben zumindest neuen Diskussionsstoff. Wir hingegen haben eine ganz klare Bitte an die Initianten Batschelet, Kutterer und Zeiser: Mehr davon!



