S’Ridicule 2005: Neben den Zügen, aber «voll uff de Schiine»

6. Januar 2005 | Von | Kategorie: Nachrichten

Auch im sechsten Jahr versprüht das Ridicule eine begeisternde «Nase voll Fasnacht». Gerade in diesem von Katastrophen geschüttelten Jahr passen seine vorwiegend leisen, feinfühligen Töne gut zur allgemeinen Stimmung. Einerseits wollen wir, wie es im Prolog heisst, «im Fasnachtsfieber schwelge». Zugleich aber fragt man sich: «Soll y, ooder soll y nit?». Diese Frage stellt sich auch gleich zu Beginn die «Zeedeldichtere»:

Soll y, ooder soll y nit?

Loss y s blyybe, mach y mit?

Bi-n-y voll und ganz derbyy?

Ooder loss y s lieber syy?

Aber nach allem Zweifeln und Sinnieren kommt sie dann doch zum Schluss:

Drey Daag lang wänn mer Dampf abloo,

daas hilft ys zrugg in Stolle z goo.

Drey Daag lang in de Wulgge schwääbe,

daas git ys Graft fir s Alldaagslääbe.

Drey Daag lang Liecht und Faarbe gniesse,

numme deerfe, nyt meeh miesse.

Diesen Faden spinnt Jürgen von Tomëi in «Ändlig wider an Morgestraich» gekonnt weiter. Und zusammen mit Tanja Schupnek zeigt er in «D Vergänglichkeit» wie aktuell Johann Peter Hebel noch ist. In «Weisch, das isch my Arlecchino» kommt die Vermischung von Fasnachtsfreude und Totentanzstimmung wunderbar zum Ausdruck.

Als Kontrapunkt dazu «E Waggis-Waage-Workshop (www.)». Nach einem Brainstorming endet er in einem Orangenwurf-Training. Der erste Preis ist ein Wunschlied, wunderschön gesungen von den «Marble Bags». Welche Komplikationen sich ergeben können, wenn sich eine Pfeiferkönigin in einen Triangel spielenden Guggemuusiger verliebt, zeigt «E West Syde-Story». Auch die Berlinerin «Stella Witzig» taucht wieder im Programm auf. Und wie letztes Jahr setzt Kristina Nel damit wieder einen speziellen Höhepunk. Frau Witzig ist inzwischen eine «waschechte Beppina» geworden. Sie hat gelernt, dass es nicht Gaukemuusik heisst, sondern der Begriff von «Gugg, e Muusik» kommt. Daher ist sie auch «von Kopf bis Fuss auf Fassenacht yygeschtellt» und freut sich schon auf den «Morgestryych». Doch auch die andern Schauspieler (Helmut Förnbacher, Victor Behounek und Stefan Uehlinger) bestechen in den Rahmenstücken durch ihr professionelles Spiel.

Wie der Rhein zu Basel, gehört «D Sujetlischte» von Carl Miville zum Ridicule. Wieder schrieb er – teils in Prosa, teils in Versform – alles auf, was ihm das Jahr hindurch aufgefallen ist. So zum Beispiel:

D Imame hänn e Frauewahn –

wo isch dr Underschiid zum Vatikan?

Die Ridicule-Pfeifergruppe, Leitung Silvia Fuchs, kommt aus der Union Folklorique Suisse (UFS). In wunderschönem Charivari haben sie mit «S Fägnäscht» und «S Konzärtli» begeisternde Soloauftritte. Ebenso bravourös die ganz in schwarz auftretende Trommelgruppe «Bâsilicum – s Gwirz vo Basel», Leitung Thomas Meyer. Bei «CH 91» und «Sex on the beach» sitzt jeder Trommelschlag perfekt. Und auch bei der Uraufführung von «Uncle Tom» (Trommeltext Thomas Meyer) erweisen sie sich als grossartige Showgruppe. Lustig der Auftritt von Pfeifern und Tambouren in «Ländler meets stomp». Mit Waschbrett, Besen und Bartisch statt Trommeln und unterstützt durch ein Schwyzerörgeli intonieren sie gemeinsam «s Vogelliesi». Ein absoluter Knüller aber ist «D Blätzede». Der Ohrespitzer (Pfyffer) und Erik Julliard (Tambouren) haben einen herrlichen Mix aus Dutzenden von Fasnachtsmärschen zusammengebraut. Chapeau!

Wie allewyl grossartig der Auftritt der «Swingvögel» (Leitung Victor Behounek). Mit Mozarts Zauberflöte und Gershwins «Amerikaner in Paris» bis zum rassigen Schottisch begeistern sie das Publikum.

Wenn der Auftritt der beiden Bängg das Niveau von 2005 widerspiegelt, so darf man sich auf einen guten Jahrgang freuen. «S Gratzbürschtli» bringt allerdings etwas zu brave Verse. Ihr 20-jähriges Jubiläum feiern «d Gluggersegg». Jeder ihrer Verse wird zu einer anderen Melodie gesungen. In einem Vers outen sie sich als FCB-Fans und stellen fest:

Der wilde, wilde Westen,

fängt schon vor dem Hardturm an.

Bei der Formation «Bâletty» handelt es sich nicht eigentlich, wie im Programm angekündigt, um eine Guggemuusig. Auch wenn beim ersten Auftritt einer sagt «do inne zie mer denn d Larven ab», behielten sie diese auf. (Also doch keine reine Gugge?) Sie ist eher eine Jazzband, bestehend aus zwei Trompeten, zwei Posaunen, Bass und Schlagzeug. Sie selber bezeichnen sich als «Chaoten, welche das eine oder andere schräge Fis und Cis zum wohlerklingenden Ton in die schöne weite Welt ertönen lassen». Nach eher verhaltenem Start im ersten Teil legten sie im zweiten Abschnitt richtig los.

Schlussfazit: Ein wunderschöner Abend in einem heimeligen Theater, wo die Zuschauer in der Schweiz sitzen, die Toiletten aber bereits in Deutschland sind. Und das Geräusch von ab und zu vorbeifahrenden Züge gehört eben auch dazu. Für praktisch alle weiteren Vorstellungen sind noch Billetts erhältlich.

Weitere Informationen:

NEU Foto-Galerie von der Vorfasnacht 2005