Wer die Ridicule-Premiere 2007 besucht, hat grundsätzlich drei Fragen mitgebracht: Wer ist der gross angekündigte Stargast? Wie stark wird bei der besinnlichsten aller Vorfasnachts-Veranstaltungen auf die Tränendrüse gedrückt? Und vorallem: Wie lange geht es, bis das Programm erstmals akkustisch gestört wird? Letzte Frage ist rasch beantwortet: Kaum sind das schwermütige Signet und Paul Göttins Prolog verklungen, rattert nach genau sieben Minuten der erste Güterzug neben dem Theater der Helmut Förnbacher Company im Badischen Bahnhof vorbei. Kein Zweifel: s isch Ridicule-Zyt!
Hausherr Helmut Förnbacher und sein Team verstehen es seit jeher exzellent, vorallem auch sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Wer das Ridicule nach acht Jahren noch nicht kenne, heisst es etwa im Prolog, werde es auch nicht mehr kennenlernen. Auch ein bittersüsser Seitenhieb auf die an der Premiere leer bleibenden Stühle? Die Abwesenden verpassen jedenfalls «e Nase voll Fasnacht», die sich auch in diesem Jahr ihr eigenes Profil geschaffen hat – fernab jedes Schenkelklopfens, fernab aber auch jedwelcher überdimensionierter Inszenierung. Und getreu dem Motto «Denn das Gute liegt so nah» führt Förnbachers liebenswerte Vorfasnachts-Boutique die «Starmania» der Konkurrenz ad absurdum: Stargast ist alt Ständerat Carl Miville, der mit seiner «Sujetliste» seit jeher das Ridicule (und die Basler Fasnacht!) bereicherte. 2007 ist es ihm vorbehalten, die träfen Verse gleich selbst vorzutragen. «Dr Vosseler goot mit em Schiff, wo d Sunne drybbt. Me hofft uff Sunnefinsternis – das är dääne blybbt.» Oder zum Projekt einer Grossmetropole Zürich: «Basel e Dail vo Ziri, saage d Philosophe. Das wär non em Ärdbeebe die zwait Katastrophe.»
In dem bis kurz nach 23 Uhr, damit «e glai weneli» zu lang dauernden Programm wird es auch hintergründig besinnlich: Etwa dann, wenn «dr Siiger» (Victor Behounek) einen Text der 2006 verstorbenen Vreni Berlinger vorträgt (mit einer bitterbösen Verehrung seines Ausrüstungssponsors: «Dangg Ihne und de schnälle Schueh, hänn d Dritt-Wält-Kinder ebbis z due») oder die für die Fasnachtsmusik «wie allewyyl» zuständigen UFS (Union Folklorique Suisse unter der Leitung von Silvia Fuchs) und «Bâsilicum – s Gwirz vo Basel» (Thom Meyer) Hommagen an René Brielmann aufführen. Dieser hat unter anderem auch dem «Arabi» eine vierte Stimme verpasst, die als Welturaufführung nun auch noch mit einer Zierstimme «vom Ohrespitzer» versehen wird. Zugegeben: Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, passt aber im Laufe der sechs Verse immer besser ins Klangbild. Ohnehin: Das wäre dann das berühmte Haar in der Suppe gesucht, denn ansonsten sind die Vorträge der Pfeifer und Tambouren allesamt superb: «The Washington Post March» lässt wohl ob den PTT-Uniformen so manchen Zuschauer ein Nostalgie-Tränchen verdrücken und der «Altfrangg» und «s Syydeläärvli» lassen bereits in Fasnachtsträumen schwelgen. Wie auch die «Trommler-Retraite» und der «Slow Down», die präzise getrommelt daherkommen. Auch schon Tradition: Der «Swingvogel», der sein Piccolospiel mit Ungewohntem kombiniert – im ersten Teil mit einer Step-Nummer der Golden Shoes, die vorab beim rassigen «Sambre et Meuse» so richtig auf Touren kommen, im zweiten mit einem «Instrument», das in den Vorjahren aussen vor blieb: der Stimme.
Auch die Bänggler-Zunft fehlt natürlich nicht – und fährt im aktuellen Ridicule-Jahrgang gleich schweres Geschütz auf: Nicht weniger als vier Nummern gehören zum Programm, die nach einem schwachen Auftakt («dr Edeli») allesamt bereits Fasnachts-Form beweisen: «Dr Aigebreetler» feiert neben den Geleisen sein 20-jähriges Jubiläum – doch weniger mit Blick auf den Güterbahnhof, sondern vielmehr das missglückte Geothermie-Projekt «rüttlet und schüttlet» es in seinem Vortrag immer wieder. «D Muulwiirf» sind an diesem Premieren-Abend ein Viertel der Comité 2000-Bängg: «D Gwäägi», «d Ständerlampe» und «d Striggede» werden bis zur Derniere am 17. Februar das Rotationsprinzip ergänzen. Hervorragend gedrechselte Verse schliesslich präsentiert «S Fasnachts-Ängeli», ein Ridicule-Eigengewächs. Mehr davon.
Bliebe noch eine Frage offen – die mit den Tränendrüsen. Nein. Das Ridicule 2007 ist eindeutig weniger schwermütig als in den Vorjahren. Das mag an der Balkonszene liegen, die Vreni (Förnbacher) und Reesli (Göttin) mit ausgeprägtem Hang zur Improvisation spielen – die Dynamik und einige Pointen gehen dadurch spätestens im letzten Part der viergeteilten Szenerie leider etwas verloren. Anders bei Göttins Sprachauftritten, in denen er sich Gedanken zum «Bebbidytsch» (aifach wunderheerlig!) und «Sproochverluscht» macht. Da bleibt einem die Sprache weg. Fast ebenso wie bei den Pinguinen (Sandra Förnbacher und Sibylle Henning), die sich «am Süd-Pool» Gedanken über den Klimawandel machen («Goot s wyter mit em Klimarutsch, isch uns’re Läbensruum bald futsch») – und darüber, ob sie einen Umzug in einen künstlichen Lebensraum in einer fernen Stadt namens Basel machen sollen. «Contra-Polarium-Politik» einmal aus anderer Optik. A propos: Die Befürchtungen der Pinguine beruhigen später im Programm übrigens «D Muulwiirf»: Sie sagen eine nächste Eiszeit voraus, da die Schweiz im Schattenwurf des Casino-Neubaus liege…
Und so wischt man sich nur einmal heimlich ein Tränchen aus dem Augenwinkel – nämlich dann, als Stefan Uehlinger seinen «Liebeskummer» kundtut, da sie ihn verlassen hat. Sie wird wiederkommen. Ganz bestimmt. Am 26. Februar, d Frau Fasnacht. Und das Ridicule 2007 hilft, die Wartezeit zu verkürzen. Gewiss nicht mit einem Spitzen-Jahrgang, aber mit einer abwechslungsreichen und unterhaltsamen Vorfasnachts-Kiste.
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