«Ein Schiff wird kommen», summe ich vor mich hin, wie der Blick kurz vor Cortège-Beginn nach oben geht. Und er, oder es, kommt tatsächlich – und wie! Gleich aus zwei Richtungen. Zuerst von oben als Bindfäden, und dann von der Steinentorstrasse her: Das 21 Meter lange Piratenschiff der Guggemuusig Läggerli-Hagger ist imposant und findet nur mit Mühe den Rank am Steinenberg. Da nimmt sich das Postauto der Kloschterräbe, das vom Bankenplatz her Kurs Richtung Comité nimmt, mit seinen zwölf Fahrgästen in Reisekostümen schon etwas bescheidener aus.
Und schon ziehen die ersten beiden Guggen im Kontermarsch vorbei. Die Sonate-Schlyffer mit stark rauchendem Requisit im Vortrab haben das Sujet «Davi-Zoff» gewählt, die Stachelbeeri leiden am «Täättuufieber» und paradieren im «Top-Rock». Rund 40 Schänzli-Fäger mit originellen Tram-Larven meinen zwar «Drämmli Drämmli, lyyslig nämmli», schränzen selbst aber mitnichten leise. Das wäre ja eh ein innerer Widerspruch. 40 Jahre auf dem Buckel hat die Wagenclique Vorstadt-Glunggi Binnige und wohl deswegen auch besonders schöne, gelb leuchtende Perücken. Den Sound, der jetzt vom Bankenplatz her zu vernehmen ist, kennen Gugge-Fans – aber irgendwie ist er etwas verhalten: Kunststück, die Fuege-Fäger, die als Feuerteufel die Gartenhaus-Brandstifter von Riehen ausspielen, haben zahlenmässig auch schon stärkere Tage gesehen. Auch als Teufel ziehen die Ueli-Schränzer «dur d Gasse», spielen damit aber auf Basel als ihrer Meinung nach gewaltbereiteste Stadt der Schweiz an.
Die Privé-Waggis haben eine andere Sorge und fragen sich «Alti Fasnacht – quo vadis?» Auf dem Wagen, den schöne Helgen zieren, sitzen wunderheerlige klassiche Fasnachtsfiguren wie Ueli, Waggis, Harlekin, aber auch Krääyejoggi oder Prinz Carneval. «E Sujet hän mir lang miese sueche, use ko isch 25 Joor Pub-Rueche», meinen dieselbigen in holprigem Reim. Angesichts ihres doch recht biederen Wagens taucht die Frage auf, ob nach dieser langen Suche nicht etwas mehr Originalität hätte herausschauen können . . .
Nun denn, wenn sie ein weiteres Vierteljahrhundert dabei sind, können sie dem guten Beispiel der 50 Jahre alten Buure-Lümmel folgen, die zu ihrem Jubiläum einen beflaggten Glanzauftritt zeigen. Sie «Demonschtriere statt jubiliere» und meinen
Fasnacht duet sich nimme lohne,
mit däne miggrige Subventione
Über Lautsprecher ist regelmässig zu vernehmen, dass die Bauern mehr Subventionen brauchen, und dass ihr grosser Wagen (sie führen im Jubiläumszug noch zwei kleinere mit) mit der Seite zum Comité hin als Mauer gestaltet ist, rundet ihr Sujet trefflich ab.
A propos Jubiläum: Schon 60 Jahre schränzen die Baggemugge, der Guggemajor ist ein edler Mann, der 60 geworden ist, das Spiel besteht auch aus edlen Männern, die 60 geworden sind, doch offensichtlich fehlt der traditionsreichen Gugge der Nachwuchs. Damit haben augenscheinlich die Märtfraueli kein Problem. Sie defilieren gute 45 Mann und Frau stark als «hässige Basler» vorbei, die es gar nicht lustig finden, dass in Basel veranstaltungsmässig immer mehr los ist. Auch die Kratzbyrschte mit dem Sujet «-minu®(s)phinggt fir d Kebapständ» oder die Krach-Schnygge, die «dr hailig Dropfe» ausspielen und als Papa-Ratzibrauer schränzen, was das Zeug hält, beeindrucken durch ihren grossen Harst. In den Schatten gestellt, was bei diesem Hudelwetter ohnehin nicht schwer ist, werden auch sie einmal mehr von der Schotte-Clique, die ihr 60-Jahr-Jubiläum würdig begeht. «Wie die Grossen expandieren wir in den Fernen Osten und haben schon erste Kontakte für ein Joint Venture geknüpft», umschreibt die Renommier-Gugge ihr Sujet. Die gut 60 Samurais im Spiel beherrschen ihre Instrumente blendend.
Letztlich haben unzählige Pinguine Ausgang erhalten, und weil’s ihnen in der Nässe so gefallen hat, werden sie am Mittwoch gerade nochmals durch die Innerstadt watscheln. Bis dann . . .



