Der Blick ins Ridicule: Ein Fest für Aug und Ohr

5. Januar 2008 | Von | Kategorie: Nachrichten

Das Ridicule – jener Strickbeutel, der an den Armgelenken der feinen Damen hängt. Ihn kenne jeder, von Basel über Blotzheim bis (des Reimes wegen) Bulle – und Helmut Förnbacher verrät im Prolog der neunten Auflage seiner Vorfasnachts-Inszenierung im Badischen Bahnhof auch gleich, was in ihm stecke: Tolles, Kostbares, Hintersinniges, Witziges. «Es isch e Fescht fir Aug und Ohr, im Ridicule kunnt alles vor.» In der Tat: Das Versprechen wird im gut zweieinhalbstündigen Programm gehalten.

Hintersinning – das sind viele der Wortbeiträge, die das Ridicule 2008 prägen. «Der Bangg» (gespielt von Victor Behounek) verkündet selbstbewusst: «Ych by denn e Spitze-Bangg. Ignoranz, das macht my grangg», und tritt damit der Garde derjenigen Bänggler ans Schienbein, die in jüngster Zeit durch eine ausgeprägte Selbstdarstellung von sich reden machten. Eventuell sind darunter sogar solche zu finden, die ihre Verse nicht einmal selbst drechseln – denn das ist Aufgabe des «Värslibrünzler» (Stefan Uehlinger): «Ych muess maischtens dr Saich rette, wo die andere brünzlet hänn…» Er gibt zu bedenken, dass bei der Wahl eines Politikers doch nicht Inhalte, Partei oder Leistungsausweis entscheiden sollten, sondern die Reimbarkeit des Namens.

Kostbar – so kommt einmal mehr die von Carl Miville zusammengetragene (und mitvorgetragene) Sujetliste daher. Positives kann Förnbacher dem Lokführerstreik in Deutschland abgewinnen – es sei deshalb in seinem Theater manchmal stiller gewesen. Und mit Blick auf den grossen Bruder am Steinenberg:

Dr Delnon will s Theater uss de rote Zahle bringe

Und drum dr Bättelstudänt grad sälber singe.

Ein besonderes Steckenpferd Förnbachers ist die Balkonszene, die er in Erinnerung an gute alte Drummeli-Zeiten im «Kiechli» wieder aufleben lässt – und in der er in diesem Jahr seine St. Galler Freundin Trudi (gespielt von Urs Bosshardt, der zudem als Trudi-Gerster-Persiflage im «Märli vom Floh im Sportlerhimmel» mit dem Dopingsumpf und der Sportmaffia in globo abrechnet) begrüsst, die zunächst von der Olma schwärmt. Danach wird das in weiten Strecken improvisierte und auf drei Sequenzen aufgeteilte Wortduell aber langatmig, so dass einzelne Trouvaillen fast untergehen. Etwa dann, wenn das verhinderte Fonduestübli bei der Kunsthalle zur Sprache kommt: «Vorhär isch me non em Theater no gärn dert aane gange, hytt goot me vorhär nimm ins Theater.» Oder wenn der geschasste Beat Wüthrich doppeldeutig als «Herbstmesserheld» bezeichnet wird.

Witzig – das ist auf einen einfachen Nenner gebracht das hochstehende Niveau der drei Bängg: «d Gwäägi» (am diesjährigen Ridicule im Wechsel mit dem Eigengewächs «s Fasnachts-Ängeli» auftretend), «d Ständerlampe» (im Rotationsprinzip mit dem «Echo vom Säntis») und «dr Spitzbueb» (mit Mammutvers zum Swissair-Prozess und einer, ja, wir bemühen den ausgelutschten Begriff, Jahrhundertpointe zu Bischof Koch).

Einziges Manko: Das Ridicule 2008 verliert sich leider hin und wieder im Kopieren seiner selbst. Im Rahmenstück «dr Knut» feiert der knuddlige Eisbär aus dem Berliner Zoo, mittlerweile in Basel gestrandet, bereits seinen zehnten Geburtstag. Trifft dabei auf einen Pinguin, der scheinbar als déjà-vu bereits im Vorjahr auf der Ridicule-Bühne stand – und man lamentiert gemeinsam über die Klimakatastrophe. «Ein echter Basler Fasnächtler» ist eine zum Klamauk geformte deutsche Fernsehsendung, in der Begriffe wie «Zapfenstreich», «Schuppenkaspar» (für Blätzlibajass) und «Umzug» (statt Cortège) als Pointen herhalten müssen – gut und überzeichnet gespielt von «Moderatorin» Kristina Nel, die damit aber bereits 2004 als Stella Witzig («Was man an der Fasenacht tutet und eben nicht tutet») grosse Lacher einheimste. Und Kritik muss sich für einmal auch die Trommelgruppe «Bâsilicum – s Gwirz vo Basel» (Leitung Thomas Meyer) gefallen lassen: In «Matched Grip», der «Stick Parade» und dem «Guet Nacht Mimpfeli» rotieren Tambouren, fliegen Schlegel, donnern die Bass Drums – doch die Nummern gleichen in einigen Passagen wie ein Ei dem anderen, da wünschte man sich ab und zu einen fetzigen «Winschdi», eine beflügelte «Concorde» oder einen leichtfüssigen «Ueli» ins Programm.

Als Gesamtes vermag die musikalische Komponente des Ridicule einmal mehr zu überzeugen: «Dr 10. Värs» und «dr Unggle Sam» kommen rassig fasnächtlich daher, «d Veegel» und «s Draieergeli» als Solonummern der Union Folklorique Suisse (UFS, Leitung Walter Zandona) sind gar ein wahrer Ohrenschmaus. «Swingvogel» Victor Behounek holt in diesem Jahr seinen Zwillingsbruder auf die Bühne, kombiniert seine Piccolotöne mit einer Posaune und verpackt das Zusammenspiel – eine Nuance zu lang geraten – in eine musikalische Geschichte. Toll. Das Ridicule ist fertig gepackt.

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